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Klangvoll. Kleine Konzerte für Besucher im Bachhaus von Eisenach...
© Andreas Heimann

Thüringen: Der Lümmel auf der Orgelbank

Johann Sebastian Bach, geboren in Eisenach, hat in Thüringen viele Spuren hinterlassen. Seine „Componirstube“ ist im Museum.

Bei Johann Sebastian Bach denken alle an Leipzig. Aber die Bachfamilie stammte aus Thüringen, ihr Stammhaus steht in Wechmar südöstlich von Gotha. Und auch der große Komponist selbst ist Thüringer: In Eisenach, der Stadt unterhalb der Wartburg, kam er zur Welt. In Arnstadt hat er seine wilden Jahre verbracht, in Dornheim geheiratet, in Weimar war er etliche Jahre Konzertmeister.

Eisenach: Ina Conrad steht vor dem Martin-Luther-Gymnasium. In Teilen des Gebäudes war schon seit dem 16. Jahrhundert eine Lateinschule unterbracht. „Johann Sebastian Bach hat hier Rhetorik und Grammatik gelernt“, erzählt die Stadtführerin. „Er war ein ziemlich guter Schüler, fehlte aber oft.“ Das Haus seines Onkels Johann Christoph Bach ist nur ein paar Meter entfernt. Und auch zum Friedhof ist es nicht weit, auf dem seine Eltern begraben wurden. „Von den Gräbern ist aber nichts mehr zu sehen.“

In der nahen Georgenkirche ist der kleine Johann Sebastian 1685 getauft worden. „Er hat dabei schon Bach-Musik gehört“, sagt Ina Conrad. „Schließlich hat sein Onkel die Orgel gespielt.“ Nur wo Bach geboren wurde, weiß niemand: Das Bachdenkmal, das die Eisenacher 1850 zum 100. Todestag aufgestellt haben, steht zwar vor einem Fachwerkgebäude, das damals als sein Geburtshaus galt. Aber das hat sich inzwischen als falsch erwiesen: „Hier haben Bachs Eltern nie gewohnt.“

Bibel, Standuhr, Clavichord

Egal: Einen Besuch lohnt das Bachhaus unbedingt, schon wegen des tollen Museums, das dort untergekommen ist.

Gustav Fichtner bittet die Gäste, Platz zu nehmen. Er macht im Bachhaus ein Freiwilliges Kulturelles Jahr. „Bach hatte fünf Cembali, ein Spinett, eine Laute, zehn Streichinstrumente – aber keines davon ist mehr erhalten“, erzählt er. Die Instrumente im Bachhaus stammen immerhin aus der Zeit des Komponisten. Fichtner demonstriert, wie sie klingen.

Nicht schlecht. Die Gäste sind nun eingestimmt auf die Ausstellung zu Bach und seiner Welt. Eine „Componirstube“ gehört dazu mit Sekretär, etlichen Bibeln, Standuhr, Clavichord und einem Holzschrank samt Papier. Großartig sind ein paar Schritte weiter die Bubble Chairs, hängende Sitzschalen, in denen die Besucher versinken und über Kopfhörer Bach lauschen können: den Goldberg-Variationen zum Beispiel, einer Violinsonate oder einem Cembalokonzert – den Blick auf das ein oder andere Bach-Porträt gerichtet oder aus dem Fenster in den blauen Himmel über Eisenach.

Ach, Arnstadt

Arnstadt: Ach, Arnstadt – Johann Sebastians Erinnerungen an die älteste Stadt Thüringens waren zeitlebens nicht die besten. Der junge Musiker kam 1703 mit 18 Jahren hierher, eigentlich nur, um die neue Orgel in der Neuen Kirche zu prüfen, die heute Bachkirche heißt. Aber dann blieb er gleich als Organist. In Arnstadt hat das junge Genie seine wilden Jahre verbracht und immer wieder Ärger bekommen.

Mal spielte er die Orgel eine Spur zu avantgardistisch, mal zu lang, mal zu kurz, mal nahm er eine fremde Jungfer mit auf die Empore, mal prügelte er sich mit einem Chorknaben. Und schon gab es wieder Stress mit dem Arbeitgeber, schließlich wollten die Arnstädter schlicht und ergreifend einen verlässlichen Organisten, der keine Mätzchen machte.

Moment, wer ist denn der Herr mit dem Dreispitz vor der mittelalterlichen Wasserburg? Johann Sebastian Bach höchstselbst, genauer gesagt Stefan Buchtzik, Schauspieler und Stadtführer, der regelmäßig in die Rolle des Musikers schlüpft: „Mein Urgroßonkel Caspar Bach kam um 1620 auf die Burg“, erzählt er. „Er musste Alarm geben, wenn sich mehr als zwei Reiter der Stadt näherten und spielte in der höfischen Kapelle Fagott.“ Und auch Großonkel Heinrich war Arnstädter und besaß hier ein Fachwerkhaus.

Beim Stadtbummel auf Bachs Spuren geht es durch die Zimmerstraße – „hier bin ich des Öfteren durchgegangen“. Dann an den Hopfenmarkt oder zum Haus zur Güldenen Krone, in dem Johann Sebastian gewohnt haben soll, was allerdings umstritten ist. Denn ein Bachhaus gibt es auch in der Kohlgasse, das nachweislich einem Onkel gehört hat. Vor dem Rathaus, das nach dem Stadtbrand im 16. Jahrhundert schnell wieder aufgebaut wurde, steht heute ein Bachdenkmal: Da lümmelt der junge Johann Sebastian lässig auf der Orgelbank.

Einen Abstecher wert ist das Schlossmuseum, nicht nur wegen der wertvollen Brüsseler Wandteppiche aus dem 16. Jahrhundert und der Sammlung mit Meißner Porzellan. Es gibt auch eine sehenswerte Ausstellung zur Bachfamilie.

Dornheim

Der Meister: Johann Sebastian Bach
Der Meister: Johann Sebastian Bach
© Gerd W. Seidemann

Die Bartholomäus-Kirche in Dornheim hat schon was. Der Kirchenbau geht auf das 12. Jahrhundert zurück, die Einrichtung ist hell und schlicht. Das Altarbild stammt von 1430. Besucher kommen aber vor allem, weil Johann Sebastian Bach vor dem Altar gekniet und hier geheiratet hat. Und das wollen heute viele andere auch. „Wir haben unheimlich viele Hochzeiten und Taufen“, sagt Siegfried Neumann vom Freundeskreis zur Erhaltung der Traukirche. „Katholisch, evangelisch, baptistisch, orthodox – geht alles.“

Neumann, längst im Rentenalter, macht jährlich rund 700 Führungen durch die Kirche, die dank seines Vereins zur Touristenattraktion geworden ist. Und dank Bach natürlich: „Der war mit dem Dornheimer Pfarrer befreundet, er hat ihn oft besucht und hier auch die Orgel gespielt.“ Vielleicht ist ihm dabei die Idee gekommen, seine Cousine zweiten Grades Maria Barbara in Dornheim vor den Altar zu führen. Das Jawort hat er ihr am 17. Oktober 1707 gegeben. Die Hochzeitsgesellschaft kam aus Arnstadt zu Fuß.

Heute gibt es von dort nach Dornheim einen Wanderweg. Manches Brautpaar macht es wie Johann Sebastian und Barbara und steigt erst hinterher ins Hochzeitsauto.

Weimar

Bach kam zum ersten Mal 1703 nach Weimar, aber nur für ein Zwischenspiel. Als junger Mann war er dann von 1708 bis 1717 Organist und Konzertmeister hier. Sechs seiner Kinder wurden in Weimar geboren. Die Kapelle im Schloss, in der er gespielt hat, ist nicht mehr erhalten. Genauso wenig wie sein Wohnhaus nicht weit vom Markt. Wo es stand, erstreckt sich heute der Parkplatz neben dem Fünf-Sterne-Hotel „Elephant“. Immerhin erinnert nur ein paar Meter weiter eine Bach-Büste an den Komponisten.

In der Stadtkirche St. Peter und Paul hat Johann Gottfried Herder gepredigt und Bach die Orgel gespielt. Das Altargemälde ist von Lucas Cranach dem Älteren. Vier Bach-Kinder sind hier getauft worden, auch Carl Philipp Emanuel, der am 8. März vergangenen Jahres seinen 300. Geburtstag gefeiert hätte. Herder ist in der Kirche begraben worden – Bach nicht, der Musiker zog 1717 weiter nach Köthen. Aber das liegt schon nicht mehr in Thüringen und ist eine ganz andere Geschichte.

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