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Russian pranksters

© YURI KADOBNOV / AFP

Tagesspiegel Plus

Russische Comedians im Dienste der Propaganda: Was die Macher des Klitschko-Fake antreibt

Die Komiker Wowan und Lexus sollen Franziska Giffey genarrt haben. Das Duo hat enge Verbindungen zum Kreml. Und zielt bewusst auf westliche Politiker.

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Das besondere an Spaß ist ja, dass ihn kaum jemand ernst nimmt. Das macht ihn potenziell gefährlich – und in Zeiten des Krieges zu einem mächtigen Propagandamittel. Wie das funktioniert, zeigt vielleicht kein Fall besser, als der der beiden russischen Komiker, die unter dem Künstlernamen Wowan und Lexus vor allem westlichen Politikern immer wieder Streiche spielen – die russische Staatsmedien dann sehr öffentlichkeitswirksam für ihre Propaganda nutzen.

Nach Recherchen des RBB-Magazins „Kontraste“ sollen die beiden hinter dem gefälschten Klitschko-Anruf bei Berlins Regierender Bürgermeisterin Franziska Giffey stecken. „Ich will nicht verraten, wie wir es angestellt haben, aber es war leicht“, sagte Lexus dem Magazin. Mittlerweile haben sie sich auch in einem Brief dazu bekannt, die Bürgermeister von Wien, Madrid, Budapest und Warschau auf ähnliche Weise hereingelegt zu haben wie die Berliner SPD-Politikerin. An diesem Donnerstag soll das Ergebnis ihres Streichs auf „Rutube“, einem russischen Youtube-Klon, ausgestrahlt werden.

Ein von der Senatskanzlei in Berlin zur Verfügung gestelltes Foto zeigt das Fake Videotelefonat zwischen einem vorgeblichen Vitali Klitschko mit Berlins Regierender Bürgermeisterin Franziska Giffey

© dpa / dpa

Wer sind die Komiker, die hinter den aufwendigen Aktionen stecken? Und hat auch der Kreml seine Finger im Spiel?

Franziska Giffey ist nur das letzte Opfer in einer langen Reihe an Persönlichkeiten, die den Prankstern Wowan und Lexus in den vergangenen zehn Jahren aufgesessen sind. Ähnlich wie ihr erging es zuvor etwa dem damaligen russischen Sportminister Witalij Mutko, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan oder der Musiklegende Sir Elton John. Bei Letzterem entschuldigte sich Russlands Präsident Wladimir Putin sogar persönlich, nachdem er Opfer eines Telefonstreiches geworden war. „Sie sind keine schlechten Jungs, aber das heißt nicht, dass sie im Recht sind“, soll der Präsident laut „Gaseta.ru“ die beiden damals wie Lausbuben verteidigt haben.

Das Image der Lausbuben, die mit ihren Streichen einfach Spaß haben wollen, kultivierten die beiden lange Zeit. Wowan, der eigentlich Wladimir Kusnezow heißt, macht seine Telefonstreiche schon seit 2007, einige Jahre später kam dann Lexus, bürgerlich Aleksej Stoljarow, dazu. „Vor zehn Jahren war das eine richtige Underground-Strömung, in der ziemlich viele Leute aktiv waren“, erzählten die beiden erst im April im Interview mit „360tv.ru“. „Meistens haben wir irgendwelche verrückten Show-Bizz-Leute angerufen, Freaks eben. Darin war kein sozialer Gedanke verborgen, das kam erst später.“

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„Später“, das ist konkret im Jahr 2014, nach der Annexion der Krim. Seitdem lässt sich eine einschlägige, kremlnahe Tendenz in den Streichen der Komiker erkennen. Immer öfter wurden ukrainische Politiker zum Ziel, im Herbst 2014 zunächst der damalige Gouverneur der ukrainischen Oblast Dnjepropetrowks Kolomojskij. Lexus nutzte damals seine Ähnlichkeit mit dem Separatistenführer Pawlo Hubarjew, um gleich mehrere Telefon- und Skype-Gespräche mit dem Politiker zu führen. Dieser sprach darin letztlich sogar seine Sympathie für die Milizen in der Ostukraine aus. Das Video wurde laut russischer Wikipedia über eine Million mal auf YouTube geklickt.

Später gaben sich die beiden, wie nun zuletzt gegenüber Giffey, in Gesprächen mit europäischen oder nordamerikanischen Politikern als ukrainische Regierungsangehörige oder russische Oppositionelle aus. Dabei nutzten Sie in den letzten Jahren neben Schminke und Kostümen auch Software, mithilfe derer sie in Videogesprächen als Doppelgänger auftreten konnten. Dass es sich dabei um durch künstliche Intelligenz gestützte, sogenannte „Deepfakes“ handelt, streiten die beiden ab.

Links der echte Wolkow, rechts die Fälschung im Videocall.

© Screenshot/TSP

Im Mai 2021 gelang es ihnen auf diese Weise, dem außenpolitischen Komitee des niederländischen Parlaments ein angebliches Treffen mit dem Stabschef des inhaftierten Kreml-Kritikers Aleksej Nawalnij vorzugaukeln. Der falsche Leonid Wolkow trat unrasiert, unhöflich und im Bademantel auf und zog die Veranstaltung immer weiter ins Lächerliche. Bis er am Ende des Gesprächs eine direkte Finanzierung der Opposition forderte und ein rosa Sparschwein in die Kamera hielt: „Und überweist mir etwas auf mein Bitcoin-Wallet.“

Was als Humor daherkommt, passt perfekt zur zynischen Rhetorik der russischen Regierung. Deren Propaganda funktioniert nicht nur über die ewige Wiederholung der gleichen ideologischen Floskeln, sondern auch über das Abwerten der Seriosität des politischen Gegenübers. Parlamentarier, die die gröbste Lächerlichkeit mitmachen im Glauben, einen russischen Oppositionellen zu unterstützen, passen perfekt in diese Erzählung.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sie inoffiziell vom Kreml unterstützt werden

Andrej Schaschkow, russischer Exiljournalist

Ob die Aktionen der Komiker vom Kreml koordiniert sind, lässt sich zuverlässig nicht beurteilen. „Wir machen alles auf eigene Initiative, das wird nicht in irgendwelchen Büros ausgedacht“, stritten die beiden Spekulationen ab. Doch ihre beachtliche Nähe zur Regierung lässt sich spätestens in den letzten Monaten nicht mehr abstreiten.

„Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sie inoffiziell vom Kreml unterstützt werden“, sagt etwa der im Exil lebende Journalist Andrej Schaschkow dem Tagesspiegel. „Andere würden für solche Dinge vielleicht sogar strafrechtlich verfolgt. Die beiden wurden zuletzt aber sogar zum Petersburger Wirtschaftsforum eingeladen, eine der prestigeträchtigsten Veranstaltungen überhaupt in Russland.“ Dass die beiden mit ihren Aktionen eine bestimmte Ideologie bedienen, streiten sie nicht ab. „Natürlich geht es in diese Richtung“, sagte Kusnezow der österreichischen Zeitung „Die Presse“. Das interessiere eben das russische Publikum.

Der Kreml jedenfalls ist sehr angetan von der jüngeren Arbeit des Komikerduos. Nachdem die beiden sich gegenüber niemand geringerem als dem ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush Junior erfolgreich als Wolodymyr Selenskyj ausgegeben hatten, paradierte die sehr öffentlichkeitswirksam agierende Offizielle Vertreterin des Russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, regelrecht durch die Kanäle und wiederholte immer wieder einen Satz: „Bush Junior hat es selbst gesagt, und das können sie online ansehen, die Mission der Ukraine sei es, möglichst viele Russen zu töten. Eine Neuigkeit ist das nur für jene, die nicht verstehen, was schon seit Jahren passiert.“ Damit spielt sie auf die Propaganda-Erzählung vom angeblichen Genozid an Russen in der Ostukraine an.

Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, ist eine wichtige Figur in der russischen Propaganda-Maschinerie.

© picture alliance/dpa/EPA

Als vorgebliche „Enthüller“ des Opportunismus oder angeblich „wahrer“ Absichten westlicher Politiker passen Wowan und Lexus perfekt in die Propaganda der russischen Regierung. In jedem Fall werden die Beziehungen vor allem zu Sacharowa und dem Außenministerium enger: Erst vor zwei Wochen zeichneten die beiden eine Folge ihrer Sendung „Show Wil“ im Hauptgebäude des Ministeriums auf.

Noch Anfang Juni hatte Sacharowa ihnen außerdem einen Preis für Internetmedien in der Kategorie „Das muss die Welt wissen“ verliehen.

Ob ihre „Enthüllungen“ nun von Anfang an aus Regierungskreisen angeleitet wurden oder sie sich nur vor einen lukrativen Karren haben spannen lassen: Zur Zeit arbeiten sie dem Kreml zu. Zumindest die britischen Strafverfolgungsbehörden sehen die beiden sogar als Bedrohung der Nationalen Sicherheit. Nachdem die beiden sich zu Boris Johnson hatten durchstellen lassen, verbannte Youtube sie auf Antrag der britischen Behörden von der Plattform.

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