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Verblassendes Gelb. Am Hafen von Jindo haben die Menschen Bänder ans Geländer gebunden. Die Farbe symbolisiert in Südkorea Hoffnung.

© AFP

Fährunglück in Südkorea: Sewol - Schiffbruch einer Nation

Die Suche nach Überlebenden geht weiter, doch Südkorea verliert die Hoffnung. Die Havarie der Sewol erschüttert das Selbstbewusstsein der Nation.

Lee Sang-gin muss noch einmal nach unten. Er atmet aus, klingt müde und doch unermüdlich. Er steht auf einem Schiff, 20 Kilometer vor Südkoreas Küste, von dem aus er und 15 andere Taucher ihre täglichen Rettungsversuche starten. Die letzten Tage waren hart, sagt er mit leiser Stimme durch die rauschende Telefonleitung. „Ich bin am Ende.“ Körperlich: von dem hohen Druck unter Wasser, der starken Strömung und der schlechten Sicht. Aber auch mental. Wie viele Körper er in den letzten Tagen geborgen hat, weiß er nicht mehr. „Jedes Mal ist es der Horror“, sagt Lee. Der 49-jährige Profitaucher hat schon auf der ganzen Welt an Rettungseinsätzen teilgenommen. Aber das hier sei mit Abstand das Härteste, was er je erlebt habe.
Das hier, das sind die Bergungsarbeiten nach dem Untergang der Fähre Sewol vor der koreanischen Stadt Jindo. Zwei Wochen ist das nun her. 475 Passagiere waren an Bord, die Mehrheit davon Schüler auf einer Klassenfahrt. 174 Personen, darunter 15 Crewmitglieder, wurden gerettet. 205 sind tot, die übrigen 96 werden seit dem 16. April vermisst.
Das Festland hat Lee seit einer Woche nicht mehr gesehen. Er flüstert, weil er nicht gehört werden will. Die Taucher sollen eigentlich nicht mehr mit Journalisten sprechen, zu heikel ist die Lage geworden. „Ich weiß, dass viele Familien da drüben noch Hoffnung haben“, sagt er. „Aber ich glaube nicht mehr dran. Seit Tagen habe ich unten keine Luftblasen mehr aufsteigen gesehen.“
Die Bedingungen unter denen die Taucher arbeiten, könnten schwieriger kaum sein. Im Schiff muss sich Lee wie blind vortasten, die Scheinwerfer leuchten höchstens 30 Zentimeter weit, meistens ist nur Matsch zu sehen. Die toten Körper muss er aus den Schiffskabinen ziehen, zwischen Betten und Tischen hervor. Von allen Seiten reißt dabei eine enorme Strömung an ihm – fünf Meter pro Sekunde –, was die Rettungsversuche immer wieder unterbricht. 30 Minuten hält Lee es unter Wasser aus, davon gehen je zehn für den Weg in und aus dem Schiff drauf.

Am Meer ist ein kleines Dorf entstanden

Am Ufer hat sich diese schwierige Lage herumgesprochen, jeden weiteren Tag schwindet ein Stück Zuversicht, dass noch Überlebende zu finden sind. Ein kleines Dorf ist am Meer entstanden, mit Essensständen, einer Leinwand mit Nachrichten, christlichen und buddhistischen Gebetsplätzen. Hunderte Angehörige übernachten nahe der Küste in einer Turnhalle der Kleinstadt Jindo. Neben der Eingangstür werden täglich die neuen Bergungen von Lee Sang-gin und seinen Kollegen gelistet. Zu „Nummer 205“ steht da: „Nicht identifiziert, weiblich, schlank, 155cm, wahrscheinlich Schülerin, einfarbiger Kapuzenpullover mit Aufschrift: W.A.U. Club 49, Zahnspange. Gefunden um 14.48 Uhr. Ankunft der Fähre: gegen 17 Uhr.“

Lee Sang-gin sagt: „Ich wünschte, ich könnte mehr tun.“ Die Leitung rauscht, bricht immer wieder zusammen. „Vielleicht finden wir ja doch noch ein paar Lebende.“ Man könne nie wissen.

Derweil diskutieren die Verantwortlichen, wie es weitergehen soll. Soll das Schiff aufgesprengt werden, damit die Taucher endlich in die noch rund 30 verbleibenden Kabinen vordringen können, in denen vielleicht noch Menschen feststecken? Doch dafür bräuchte es das Einverständnis der Angehörigen, denn so ein Schritt könnte eine unkontrollierte Zerstörung bedeuten. Und wann soll das komplette Schiff geborgen werden? Auch der Einsatz von Kränen könnte mögliche Überlebende gefährden.

An der Küste riecht es an einigen Stellen nach Verwesung, einige Meter weiter nach Hühnchen, weil Essen ausgeteilt wird. Mütter und Väter schauen vor einer Leinwand zu, wie Präsidentin Park Geun-hye am Dienstag erstmals für das Unglück um Entschuldigung bittet. Vieles ist schiefgelaufen: Das Schiff war mit dem Dreifachen der genehmigten Fracht überladen. Der Kapitän verzögerte die Evakuierung und ging auch noch als einer der Ersten von Bord. Die Rettung lief schleppend an. Als Präsidentin Park ihr Bedauern ausdrückt, schütteln Angehörige vor dem Bildschirm ihre Köpfe. „Was bringt uns das?“, fragt ein Vater. „Ich will meinen Sohn zurück.“ Aufgegeben hat er ihn noch nicht, sagt er. Ist er zornig? Er weiß es nicht. „Leer fühle ich mich. Wir alle hier wissen nicht, wie wir uns fühlen.“Was Koreas wirtschaftlicher Aufstieg mit der Katastrophe zu tun hat

Auch in der Hauptstadt Seoul, 350 Kilometer nördlich vom verunglückten Schiff, gibt es nur ein Thema. Fast alle nationalen Fernsehkanäle berichten nonstop von dem Unglück. Dafür haben sie ihre ertragreichen Soaps und Castingshows gestrichen. In den Kneipen wird nach Feierabend über die Vermissten gesprochen, über die Regierung gestritten, über das Land. Schwere Themen. Aber verglichen mit dem Ausnahmezustand im Süden wirkt Seoul nicht verzweifelt, eher aufgebracht, durcheinander. Im Finanz- und Wirtschaftszentrum des Landes herrscht die Überzeugung, dass Entscheidungen getroffen werden müssen. Die Impulse für diese aufstrebende Nation kamen in den letzten Jahrzehnten immer wieder von hier, ob geschäftlicher, politischer oder wissenschaftlicher Natur. Aber jetzt?

Der Premierminister, Chung Hong-won, berief am Sonntag eine Pressekonferenz ein, um wegen der zögerlichen Reaktion der Regierung seinen Rücktritt anzubieten. Kurz darauf nickte die selbst stark kritisierte Regierungschefin, Präsidentin Park Geun-hye, den Schritt zwar ab, sagte aber, dass zunächst das Krisenmanagement wichtiger sei. Aber immer mehr fragen sich: welches Krisenmanagement eigentlich? Andere schauen auf die Geschichte des Landes und fragen sich, ob sie selbst eine Schuld am Unglück tragen.

Südkorea war eines der ärmsten Länder der Welt

1953, nach drei Jahren Krieg mit dem verfeindeten Nachbarn im Norden, gehörte Südkorea, das zuvor durch die Kolonisierung Japans und den Zweiten Weltkrieg zerrissen worden war, zu den ärmsten Ländern der Welt. Es folgten Jahrzehnte des rasanten Aufbaus – angetrieben durch Wut, wie manche sagen. Wut auf all die Gewalt, die unschuldigen Menschen immer aufs Neue widerfahren war. Wie kein anderes Land schafften die Koreaner es, dank ihres Fleißes und ihrer Disziplin innerhalb von drei Jahrzehnten zu einer hochindustrialisierten Gesellschaft aufzusteigen. Doch das schnelle Wachstum forderte nicht selten einen hohen Preis: Im Jahr 1993, in der heißesten Boomphase der südkoreanischen Wirtschaft, sank die Fähre Seohae, 292 Menschen starben. Zwei Jahre später stürzte ein Einkaufszentrum ein, 502 Tote. Im Februar 2003 kamen bei einem Unglück in der U-Bahn der Stadt Daegu 213 Menschen ums Leben. Häufig waren Nachlässigkeiten in der Sicherheit verantwortlich. Seitdem hat sich viel getan. Die Sicherheitsbestimmungen sind schärfer geworden, die Feuerwehr konzentriert sich stark auf Prävention. Sicherheit gilt vor allem unter den Koreanern, die Aufstieg und Unfälle miterlebten, als Tugend.

Es ist diese Erinnerung an alte Schwächen, die eine sonst vor Selbstbewusstsein strotzende Nation angesichts der gesunkenen Sewol plötzlich an sich zweifeln lässt. Die Katastrophe beschwört eine neue Wut herauf. Nur scheint sie diesmal nicht konstruktiv im nationalen Sinn, wie zu Zeiten des Booms. Eher ist sie gegen sich selbst gerichtet, oder gegen die Eliten, von denen sich viele Menschen nicht geschützt fühlen. Die Behörden haben nicht aufgepasst, hört man Menschen schimpfen. Alle hätten wissen müssen, dass Menschenleben in Gefahr sind. Aber es habe niemanden interessiert.Blumen und Worte: Wie die Menschen mit der Trauer umgehen

Auf einer runden Rasenfläche vor dem Rathaus in Seoul strömen Menschen zusammen. „Mitgefühl. Wir beten für die Opfer und wir hoffen auf die baldige Rückkehr der Vermissten.“ In riesigen Lettern prangt der Satz auf einem weißen Plakat an der Rathauswand. Davor ist seit Sonntag ein Altar aufgebaut, wo Blumen niedergelegt werden können. Die Pavillons, die den Weg bahnen und die Besucher vorm Nieselregen schützen, sind voll. Pro Stunde gehen 500 Menschen diesen Pfad entlang, pro Tag sind es 12 000. Eine der Besucherinnen ist die 72-jährige Park Cheong-suk. Traurig sei sie, sagt sie, irgendwie auch wütend. Auf wen genau, das kann sie nicht sagen. „Es sind die Fehler der Erwachsenen, durch die all die Kinder sterben mussten. Dieser Gedanke treibt mich um.“ Die kleine Dame mit dem braun gefärbten Haar sagt das, was viele sagen, die auf dem Schiff weder einen Freund noch einen Angehörigen verloren haben. Verstört mache sie dieser Unfall, der doch vermeidbar gewesen wäre.

Die sonst gesprächige Frau sucht nach Worten, als sie etwas auf ein gelbes Stoffband schreiben will, das nach koreanischer Tradition am Ende des zeremoniellen Trauergangs mit einem Wunschspruch an eine Leine gebunden wird. Die gelbe Farbe dieser Bänder symbolisiert Hoffnung. „Dass irgendwer der Vermissten noch lebt, glaube ich nicht“, sagt Park und zieht ihren Regenschirm enger an sich. Die Hoffnung der Christin, deren Enkeltochter im Seouler Vorort Ansan in die Grundschule geht, nicht weit von jener Schule, in die zahlreiche Schüler nun nie wieder zurückkommen werden, richte sich eher auf den Frieden der Opfer im Jenseits. Auf das gelbe Band schrieb sie: „Ihr Blumen, die nicht blühen konnten. Bitte werdet Schmetterlinge, damit ihr frei fliegen könnt.“

Von Hoffnung redet in Ansan niemand mehr

Ein Wunsch, der so ähnlich auch tausendfach eine knappe Zugstunde weiter südlich niedergeschrieben wurde. Aber das Wort Hoffnung nimmt hier in Ansan kaum noch jemand in den Mund. Hundert Meter von der Danwon High School entfernt, wo seit dem 16. April fast 250 Schüler und Lehrer fehlen, wurde in einer städtischen Sporthalle ein Trauergeleit eingerichtet. Es sieht ähnlich aus wie jenes im Stadtzentrum Seouls, nur ist es viel größer – und bedrückender. An allen Seiten stehen Kränze, die Wand gegenüber dem Eingang ist umrahmt von Blumen und voller Bilder der Jugendlichen. Eine Dreiviertelmillion Menschen lebt in Ansan. Das schnelle Bevölkerungswachstum der letzten Jahrzehnte machte den Ort zu einem Sinnbild des südkoreanischen Wirtschaftswunders. Nur ein Bruchteil der Einwohner wurde hier geboren, die meisten sind Zugezogene, weil sich hier produzierende Betriebe ansiedelten. Hohe Wohnkomplexe und einfache Einkaufsläden prägen das Stadtbild. Hätten die Eltern der Schüler ein höheres Einkommen, wären ihre Kinder wohl nicht mit der Fähre Sewol auf Klassenreise gefahren, sondern mit dem Flugzeug, wie es für Ausflüge an wohlhabenden Schulen üblich ist.

„Auch das macht uns so traurig“, sagt der freiwillige Helfer Kim Tong-hyun am Ausgang der Sporthalle. „Es hat diejenigen getroffen, die von unserem Wirtschaftsboom bisher weniger profitiert haben.“ Der 27-jährige Sportstudent steht unter einem Pavillon des Roten Kreuzes und verteilt Getränke. Letzte Woche war er zum Helfen in Jindo. Er schaut ins Leere. Drei Tage lang habe er durchgehalten. „Dann sah ich, wie die toten Körper geborgen wurden. Die Eltern schrien so laut“, erinnert er sich. Ein Feuerwehrmann erzählte ihm, dass viele der geborgenen Passagiere gebrochene Finger oder Hände hatten. „Sie haben anscheinend versucht, die Türen der Kabinen aufzustoßen, die Fensterscheiben aufzuschlagen und kratzten sich an den Wänden fest.“ Als er das hörte, reiste er ab. Seitdem ist er hier. Er trägt einen schwarzen Anstecker als Zeichen der Trauer. Warum nicht Gelb, wie es so viele Menschen in Seoul tun? Kim sagt, dass keine gelben Bänder mehr übrig sind, nur noch Schwarz sei zu haben. Dann überlegt er. Vielleicht sei Schwarz doch die richtige Farbe. „Gelb“, sagt er, „können wir nur noch für Korea gebrauchen. Dass wir endlich auf unsere Sicherheit achten.“ Da habe er die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

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