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Der Berliner Dialekt gehört zu der Hauptstadt genauso wie die vielen Touristen.
© Wolfgang Kumm dpa/lbn

Maris Hubschmid traut sich was: Sie berlinern wohl nich?

Als ich nach Berlin zog, war mir der Dialekt fremd. Doch das ist Jahre her. Würde ich heute als Berlinerin durchgehen? Ich teste es.

Von Maris Hubschmid

„Ick wollt mir erkundijen tun vonwejen Studienplätze. Jeht da noch watt?“ Die Dame vom Institut für deutsche Sprache und Linguistik der HU reagiert höflich-professionell. „Da sind Sie bei mir falsch. Ich gebe Ihnen am besten die Nummer der Compass-Hotline.“ „Auweia, war ick schlecht informiert, wa? Und watt machense dann?“ Jetzt lacht sie. „Ich baue hier zum Beispiel Stundenpläne.“ „Bautse, soso.“ Sie wünscht Glück, legt auf. Fürs Erste nicht schlecht, denke ich. Habe es mir aber auch leicht gemacht, am Telefon, so schön anonym.

Du berlinerst ja, hatte meine Mutter unlängst zu mir gesagt, es klang überrascht und in meinen Ohren auch ein bisschen tadelnd. „Ich? Quatsch. Wann denn?“ „Gerade eben.“ Ich hätte „Haste mal“ gefragt, obendrein: „Woll’n wa jetze?“ Hatte ich? Und wenn ja, war denn das berlinern?

Schon in dem Moment, in dem man bewusst Dialekt sprechen will, hat man verloren. Wenn man sich mehr oder weniger länger irgendwo aufhält und eine gewisse Sprachbegabung hat, dann nimmt man eine bestimmte "Färbung" automatisch und unbewusst an.

schreibt NutzerIn YvonneD

Als ich nach Berlin zog, war mir der Dialekt fremd. Doch das ist Jahre her. Habe ich die Stadt vielleicht längst nicht mehr nur vor dem Fenster, sondern auch auf der Zunge? So, dass ich als Berlinerin durchgehen würde? Ich teste es.

„Sie berlinern wohl nich?“ „Nich mit Ihnen, Jnädigste“

Diesmal am Postschalter. Mein Herz pocht merklich, während ich bemüht bin, so selbstverständlich wie möglich zu fragen: „Hatter noch wat Orijinelleret? Mein Schwiejavatter hat so’n Fimmel.“ Ich lausche den Worten hinterher. Schwiejavatter? Sagt man das so? „Hamwa zur Zeit nur die Blumenmarken“, entgegnet der Angestellte ohne mich anzusehen. Wären ihm sonst gerötete Wangen aufgefallen?

Natürlich kenne ich typische Berliner Vokabeln. Kaschemme. Molle. Ihmchen. Aber im Gespräch mit Fremden gibt es selten Gelegenheit, sie einzusetzen. Also googele ich weitere Begriffe.

„Sagense, wann wird denn det janze Jesummse aus der Orangschnen mal abjeholt?“, frage ich am Folgetag den Herrn von der Müllabfuhr schon etwas gelöster. „Dit wär ja allzu liebensjewürzich!“ Der kräftige Mann erklärt: Die Hausverwaltung müsse den Sperrmüll bestellen. Das Zeug gehöre nicht in die Tonne. „Sie berlinern wohl nich?“, hake ich nach. „Nich mit Ihnen, Jnädigste“, sagt er zwinkernd und ist weg. Bin ich durchschaut?

In der Bergmannstraße gibt es einen Laden, der „Heimat Berlin“ heißt. Wo, wenn nicht hier? Innen: perlmuttschimmernde „Holographic“-Teelichthalter aus den Niederlanden, amerikanische Edelhüte, vergoldete Bananenleuchten aus Italien für 240 Euro. Ausgewählte Designartikel. Der hochgewachsene Mann hinter der Kasse wirkt so lässig wie gestylt. In diesem Ambiente und seiner Gegenwart habe ich erstmals echte Hemmungen, zu pseudo-berlinern. Mir ist, als stünde ich im St. Oberholz am Rosenthaler Platz.

Ich habe den Eindruck, dass er innerlich prustet

Zu spät merke ich, dass meine Stimme unnatürlich tief klingt – ich muss doch keinen Lastkraftfahrer imitieren! „Und dit is allet in Berlin jemacht, ja?“ Der Verkäufer presst die Lippen aufeinander, schüttelt langsam den Kopf. „Nich?“ Ich meide seinen Blick. „Hammse aber schön jesammelt. Da schlach ich zu.“ „Allet klaaar“, kommt die Antwort gedehnt. Ich habe den Eindruck, dass er innerlich prustet. „Also Mumpitz, der Name? Bloß Jewese?“ Jetzt räuspert er sich. Anfangs, erklärt er nun geradezu betont hochdeutsch, sei der Ansatz durchaus gewesen, Berliner Produkte zu präsentieren. „Jetzt wählen wir Dinge aus, von denen wir glauben, dass sie das Berlin-Gefühl unterstreichen.“

„Na, dit is ma’n Anjebot, jilt det noch? Dit nehm ick, so’n Knast wie ick hab“, probiere ich es ein letztes Mal beim Kellner eines unauffälligen Kreuzberger Lokals und zeige auf das an einer Tafel angepriesene Mittagsmenü. Er sieht von seinem elektronischen Notizblock hoch und sagt knapp: „No spanish.“

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