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Snoozen sei ungesund, sagen Schlafexperten. Verschwörungstheorie, kontert unser Autor.
© imago/Westend61

Wenn der Wecker klingelt: Snoozen oder aufspringen? Ein Pro und Contra

Einer snoozt sich zurück in den Dämmerschlaf, der andere: aufstehen, Marmeladenbrot! Eine Kissenschlacht der Morgenroutinen.

Will man sich mal schlecht fühlen, wie ein mieser Taugenichts, einfach „Jennifer Aniston Morning Routine“ googeln. Da erfährt man auf Klatsch-Websites, was Aniston morgens macht. Sie steht um 4.30 Uhr auf, ohne zu zögern, trinkt eine Tasse heißen Wassers mit Zitronenschnitz, meditiert 20 Minuten, nimmt einen Fruchtshake zu sich (Blaubeeren dürfen nicht fehlen!), setzt sich für eine halbstündige Spinning-Einheit aufs Rad und dann für eine weitere halbe Stunde auf die Yoga-Matte. Was passieren würde, würden wir Hochleistungs-Snoozer uns den Wecker auf halb fünf stellen? Wir würden im Zehn-Minuten-Takt exakt 27 Mal auf den Snooze-Button drücken und uns um neun aus dem Bett rollen. Wacher als die Aniston, eh klar.

Snoozen sei ungesund, wollen Studien uns weismachen. Jeder neue Weckton reiße uns aus dem Schlaf. Ja, ja. Verschwörungstheorie: Hardcore-Kapitalisten haben diese Studien erfunden, um uns zur Produktivität zu zwingen. Aufstehen, funktionieren. Tim Cook, der Apple-Chef, beginnt angeblich um 3.45 Uhr Mails zu beantworten. Howard Schultz, Starbucks-CEO, gibt damit an, nie nach sechs Uhr im Büro zu sein – eine Sechs-Meilen-Runde sei er da aber schon gelaufen. Schlafen kann man, wenn man tot ist? Schon, aber den Schlaf genießen, das geht dann nicht mehr.

Snoozer sind Rebellen

Und das ist ja das Großartige am Snoozen: das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Pommes schmecken geiler als Salat, weil sie fett machen. Nachts im Schwimmbad ist heißer als am Tag. Grenzüberschreitungen halten uns am Leben. Wir sind keine Menschinen, wir Snoozer sind Rebellen. Die Gedanken sind frei, die Kissen weich. Gegen das Aufstehsyndikat, Anticapitalista. Kann sein, dass wir statt Yoga träumen. Kann sein, dass wir Blaubeer-Smoothies gegen Schokocroissants eintauschen. Kann sein, dass wir mehr vom Leben haben?

Wer früher anfängt, kann früher aufhören, sagen die Aufsteher. Um dann nachmittags zu schlafen, fragen wir Liegenbleiber? Work-Life-Balance, murmeln die Disziplinierten. Life-Life-Balance, schreien wir Lebemenschen. Wir kommen nachmittags in Fahrt, abends werden wir stärker, und wenn ihr die Kneipe nach einer Verlegenheitscola verlasst, steigen wir gerade auf den Tisch. Der Autor Marc Fischer hat mal geschrieben, warum er mit 24 das Rauchen anfing: „Rauchen ist wie eine kleine Pause von all der Scheiße um einen herum, ein stiller Moment inmitten des Chaos, der kleine Frieden im großen Krieg.“ Dasselbe gilt fürs Snoozen.

Noch mal zu dir, Tim Cook. Wer um vier aufsteht, muss um acht ins Bett, um gesunde acht Stunden Schlaf zu erwischen. Prognose: Würde Cook snoozen bis neun und dafür abends in der Kneipe sitzen, hätten unsere iPhones längst bruchsichere Displays. Die besten Ideen hat man schließlich beim Bier, nicht beim Shake. Und hey, Aniston: Mal „Winston Churchill Morning Routine“ googeln. Dessen Wecker klingelte um halb acht. Dann stand der britische Staatsmann aber nicht auf, er ließ sich Frühstück ans Bett bringen, las die Zeitungen, telefonierte mit den Regierungschefs der Welt und delegierte an seine Minister. Um elf stand er auf und mischte sich einen Whiskey Soda. Er wurde 90 Jahre alt. Marius Buhl

Sofort erheben, Dusche und ab zur Arbeit

Radiowecker? Alles, nur das nicht!
Radiowecker? Alles, nur das nicht!
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Guten Morgen! Schön geschlafen? Ich nicht. Zumindest nicht zwischen halb sieben und halb acht Uhr heute morgen. Diese letzte Stunde meiner Nacht lag ich zwar im Bett, war allerdings hellwach. Und ertrug mit wachsender Entnervtheit den Radiowecker: Nachrichten und Wetterbericht in Dauerschleife, keine Ahnung, was genau, wahrscheinlich Brexit. Ich versuche nicht zuzuhören, das Gerede bricht ja auch immer wieder ab. Für fünf Minuten. Dann geht es weiter: Nachrichten für Berlin und Brandenb …

OAAAR, MANN, EY!

Ich teile das Bett mit einer newsaffinen Snoozerin, darum sage ich aus voller Überzeugung: Wenn der Wecker klingelt, sollte man sich sofort erheben. Dusche, Marmeladenbrot, ab zur Arbeit, in die Hände spucken, Bruttosozialprodukt steigern.

Ich sage das nicht, weil ich morgens so gern aufstehe. Im Gegenteil. Genau darum möchte ich, wenn ich mein gemütliches Bett verlassen muss, das Bett auch wirklich verlassen MÜSSEN. Sofort. Unverzüglich. Weil ich sonst zu spät komme. Und keine Sekunde früher.

Solange ich aber die Möglichkeit habe zu schlafen, will ich schlafen. Ungestört. So tief wie möglich. Wach sein ist natürlich auch toll, aber total anstrengend. Ich muss mich regenerieren! Deshalb bin ich ein erbitterter Gegner des Snoozens. Denn dafür muss der Wecker auf einen früheren Zeitpunkt gestellt werden als zwingend notwendig.

Warum muss es eigentlich ein Radiowecker sein?

Einmal auf die Taste patschen, meinetwegen. (Beim iPhone leuchtet das Snooze-Feld übrigens groß und orange, während die Stopp-Taste winzig ist – die Industrie will das Volk zu handlungsunfähigen Snoozern erziehen!) Fünf Minuten Gnadenfrist bis zur nächsten Radioattacke. Aber fünf Mal? Acht Mal? Gefühlte 40 Mal? Neben Billigfleisch und CO2-Ausstoß sollte Schlafverschwendung das nächste große Gesellschaftstabu werden.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Genüssliche Faulheit kann etwas sehr Schönes sein. Es ist wunderbar, nach dem Aufwachen liegenzubleiben, lustigen Traumresten nachzuhängen, sich knurrend noch mal umzudrehen. Doch der Alltag ist meist nicht so entspannt. Dann springt der Wecker an, weil die Lebensorganisation es halt verlangt.

„Übrigens“, scheint mir die Radiomoderatorin direkt ins Ohr zu sprechen, „du musst bald aufstehen, allerdings nicht genau jetzt, sondern erst in einer Dreiviertelstunde, wie du es sehr bewusst geplant hast. Weiterhin viel Spaß im unruhigen Halbdämmer! Und jetzt zum zehnten Mal die Wettervorhersage, die du dir am Ende trotzdem nicht gemerkt haben wirst.“

Und während ich so daliege und leide, frage ich mich: Warum muss es eigentlich ein Radiowecker sein? Manchmal wünsche ich mir eine oldschoolige mechanische Höllenmaschine, die derart scheppert, dass auch die murmeltierischste Snoozerin einen zweiten Durchgang fürchtet.

Und warum steht der Wecker auf ihrem Nachttisch und nicht irgendwo am anderen Ende des Schlafzimmers? Wahrscheinlich, fällt mir ein, weil ich wohl derjenige wäre, der allmorgendlich hinkröche, um ihn abzustellen. Jan Oberländer

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