zum Hauptinhalt
Ungelöste Konflikte können Paare in eine toxische Beziehung treiben.

© dpa

Tagesspiegel Plus

Toxische Beziehungen: So erkennen Sie sie, so kommen Sie da raus

Paartherapeutin Christine Geschke spricht im Interview über toxische Beziehungen und einen möglichen Weg, zurück zu sich selbst zu finden.

Christine Geschke ist Diplom-Psychologin in Hamburg und leitet eine Praxis für Paartherapie. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie therapeutisch mit Einzelpersonen, Paaren, Familien und Firmen.

Frau Geschke, was ist eine toxische Beziehung?
Aus psychologischer Sicht kommen toxische Beziehungen oft dann vor, wenn einer der Partner eine Persönlichkeitsstörung hat, beispielsweise bei Narzissten oder beim Borderline-Syndrom. Narzissten und Borderliner sind sehr Ich-zentriert, da gibt es wenig Empathie für die Gefühle des anderen und es ist vorprogrammiert, dass die Beziehungen disharmonisch verlaufen und dann toxisch werden.

Gibt es dieses Toxische auch bei Menschen ohne Erkrankung?
Wenn keiner der Partner eine solche Störung hat, aber die Beziehung eher leidvoll erlebt wird, Energie raubt und zu einer permanenten Belastung wird, dann ist das ein ganz wichtiges Anzeichen dafür, dass die Beziehung eine toxische Tendenz hat. Dazu kommen oft Vorwürfe, das Entwerten und Kritisieren des Anderen und das Verschwinden des Wohlwollens.

Woran erkennt man eine toxische Beziehung?
Wenn die Beziehung etwas Unberechenbares bekommt: Wenn eine Stimmung plötzlich ganz schnell kippen kann, in Stress oder im Streit endet. Starke Eifersucht mit engen Grenzen, die man dem anderen setzt, ist ebenfalls ein Barometer. Und allgemein psychische oder physische Gewalt.

Ist dieses Handeln beidseitig oder kommt das nur von einem der Partner?
Aus meiner Erfahrung ist es ein beidseitiger Prozess. Wenn man lange eine Sehnsucht an diese Beziehung hat, die einem aber nicht erfüllt wird, macht sich Frustration breit und man ist auch nicht mehr bereit, auf den Anderen zuzugehen. Dann ist man irgendwann hochgradig identifiziert mit dem eigenen Leid, das man empfindet und dann manifestiert es sich in eine Bewegungslosigkeit. Nach dem Motto „Du gibst mir nicht, was ich will, dann gebe ich dir auch nicht mehr das, was du willst“. Dann ist das Unglück vorprogrammiert und die Beziehung kann toxisch werden.

Was hält Menschen in toxischen Beziehungen?
Selbst wenn man eine toxische Beziehung führt, führt man dennoch eine. Das kann einem attraktiver erscheinen, als ganz alleine durch die Welt zu gehen. Da ist man quasi mit sich selbst beschäftigt, mit seinen unerfüllten Sehnsüchten. Selbstunsicherheit kann dazu führen, dass man sich aus der toxischen Beziehung gar nicht lösen kann oder wieder zurückgeht.

Wie lernt man es, zu sich selbst zurückzufinden?
Toxische Partner erkennen oft, wenn jemand tendenziell eine Abhängigkeit in Beziehungen hat und nutzen das dann schnell aus. Wichtig ist, das eigene Selbstwertgefühl wieder zu stabilisieren. Man darf nicht nur die Dinge fokussieren, die einem selbst als defizitär erscheinen, sondern was einen in positiver Hinsicht ausmacht: Wozu bin ich gut, was zeichnet mich aus? Wenn man sich erstmal damit beschäftigt, fallen einem auch viele Dinge ein. Und dann merkt man schnell, dass man es gar nicht nötig hat, sich in einer schlechten Beziehung aufzuhalten. 

Die Hamburger Diplom-Psychologin Christine Geschke therapiert vor allem Paare.

© Paul Schirnhofer

Und dann klappt es auch mit dem „Alleinsein“?
Man kann sich auch selbst ein guter Freund sein, seine eigene Entwicklung vorantreiben. Diese Fokussierung auf die eigenen Qualitäten und das Vertrauen, dass das nicht die letzte Beziehung war und dass man gut ist, wie man ist, lassen das Selbstvertrauen wachsen und man ist dann auch weniger anfällig für toxische Partnerschaften. Man muss einfach lernen, sich selbst zu akzeptieren.

Viele flüchten sich trotzdem sofort in eine neue Beziehung. Eine gute oder eher schlechte Idee?
Es kann natürlich glücklich enden und man findet in einer nächsten Beziehung tatsächlich jemand Verlässlichen. Aber das ist eher unwahrscheinlich. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass man dieselben Muster wieder abruft. Dass man wieder ängstlich vermeidend oder unsicher ist, was dann den potentiellen Partner wieder dazu verleiten könnte, egoistisch zu sein. Gerade wenn die vorherige Beziehung nicht gut lief, hat man oft die Hoffnung und die Illusion, in der nächsten Beziehung endlich geliebt und akzeptiert zu werden. Aber erfahrungsgemäß ist es nicht so und man gerät schnell wieder in eine dysfunktionale Dynamik. Der sinnvolle Weg ist, sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Wie sehr hängt eine Verausgabung im Job mit einer Abhängigkeit in Beziehungen zusammen?
Viele kennen ihre eigenen Grenzen nicht. Je mehr man sich verausgabt für andere und je mehr man versucht, den Erwartungen anderer zu entsprechen, desto mehr ist man natürlich auch in der Gefahr, dass diese Haltung missbraucht wird. Wenn jemand im Job und darüber hinaus alles gibt, will er eigentlich nur gesehen werden. Oft steht hinter dieser Grenzenlosigkeit der Wunsch, akzeptiert zu werden, wie man ist oder angenommen werden zu wollen in der eigenen Qualität.

Welche Strategien gibt es, um da rauszukommen?
Ich finde schon wichtig, für einen Moment auf Abstand zu den eigenen Verhaltensmustern zu gehen. Aber nur diese Distanz allein sorgt noch nicht für positive Veränderung. Diese generalisierten Verhaltensmuster spiegeln sich im Job, in der Beziehung oder im Alltag wider – auf allen Bühnen der Welt. Diese Verausgabungen machen keinen Halt vor den verschiedenen Lebensbereichen und entstehen immer aus dem Grundbedürfnis heraus, angenommen und geliebt zu werden.
Mit einer guten Distanz ist es wichtig, sich selbst verstehen zu lernen. Warum gerät man in solche Abhängigkeiten? Warum lässt man sowas mit sich machen in Beziehungen? Warum kann man dem Arbeitgeber gegenüber kein Nein formulieren? Das alles hat ganz oft biografische Ursachen.

Welche Rolle spielt Selbstliebe dabei?
Sagen wir es so: Man muss sich erstmal selbst akzeptieren, bevor man von anderen erwarten kann, dass sie es tun. Der Begriff Selbstliebe ist schwierig: Das ist ein Ideal, an das man schwer herankommt. Man kennt sich selbst, man weiß um die eigenen Defizite mehr als andere und deshalb wird man sich selbst wahrscheinlich nie uneingeschränkt lieben können. Das ist ein hoher Maßstab, den man wahrscheinlich nicht erfüllen kann. Ich würde das „Lieben“ eher mit „Akzeptanz“ ersetzen. 

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false