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Anwohner trainieren in der Nähe von Kiew mit Holzattrappen als Gewehr.
© Efrem Lukatsky/dpa
Tagesspiegel Plus

Überlebenstraining, Schrotflinte, Kalaschnikow: Wie Kiews Einwohner sich auf eine Invasion vorbereiten

Die russischen Truppen an der Grenze lassen die Ukrainer nicht in Panik geraten – doch sie wappnen sich. Besonders die Frauen.

Oleksandr Biletskyi breitet auf dem Pult aus, was er nun für das Notwendigste hält. Einen Kompass, ein Taschenmesser, Klebeband, Karabiner, Schnur. Pedantisch ordnet er die Gegenstände, die er in seiner Militär-Tragetasche mitgebracht hat. Sachte legt er eine zweite, dritte, vierte Tasche auf den Tisch. Kalaschnikow, Schrotflinte, Pistole. Biletskyi, der Kriegsveteran, sagt: „Wir müssen auf alles vorbereitet sein.“

Auf den ersten Blick hat sich das Leben in Kiew in den vergangenen Wochen nicht verändert. Auch nicht für den 47-jährigen Biletskyi, Bluejeans, Pullover mit Reißverschluss, polierte Lederschuhe. Nach wie vor gehe er zweimal im Monat auf den Schießstand, halte sich fit. Angst habe er keine. Die Ukraine befinde sich ohnehin schon seit acht Jahren im Krieg und der russische Truppenaufbau an der Grenze habe auch nicht erst gestern begonnen. Deshalb gebe es auch keine Panik in der Stadt, sagt er.

Russland hat in den vergangenen Wochen mehr als 100.000 Soldaten mitsamt schwerem Gerät an die Grenze zur Ukraine entsandt. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat Russland bei einer Eskalation mit Sanktionen gedroht. Ziel sei es, die „russische Wirtschaft noch brüchiger“ zu machen, sagte sie dem „Handelsblatt“. Die USA planen Ähnliches, sie bereiten das massivste Strafmaßnahmenpaket ihrer Geschichte vor, um Russland von einer Invasion abzuhalten. Und Kiew macht sich bereit.

Oleksandr Biletskyi, Kriegsveteran, sagt: „Wir müssen auf alles vorbereitet sein.“
Oleksandr Biletskyi, Kriegsveteran, sagt: „Wir müssen auf alles vorbereitet sein.“
© Daniela Prugger

Am letzten Samstag im Januar steht Biletskyi im Hörsaal eines Universitätsgebäudes der Taras-Schewtschenko-Universität. Das graue Betongebäude befindet sich an einer stark befahrenen Straße im südwestlichen Randbezirk von Kiew, in dem sich Hochschul- und Forschungseinrichtungen angesiedelt haben.

Busse und Autos rauschen über die frisch beschneiten Straßen, an der Metrostation nebenan bestellen Passanten Instantkaffee und Piroschki, gefüllt mit Mohn, Apfel oder Käse. Normalerweise werden im Hörsaal, in dem Biletskyi auf seine Zuhörerschaft wartet, Weiterbildungskurse in Recht, Wirtschaft und Psychologie angeboten. An diesem Tag stehen Selbstverteidigung und Überlebenstraining auf dem Programm. Für Frauen. „Frauen sind gewissenhafter als Männer“, sagt Biletskyi. „Sie werden dieses Wissen an ihr Umfeld weitergeben.“

Das Wichtigste ist, dass ihr euch mental auf das schlimmste Szenario vorbereitet.

Oleksandr Biletskyi

Seine Ehefrau und Mitveranstalterin Olena begrüßt die ersten Zuhörerinnen, die sich schweigend in der Warteschlange im Treppenhaus anstellen. Eine Schlange, die sich über ein Stockwerk zieht. Die 200 Teilnehmerinnen wollen lernen, wie sie sich in Krisensituationen oder im schlimmsten Fall – einer russischen Invasion – verhalten sollen. Ohne Corona wären dreimal so viele Teilnehmerinnen gekommen, sagt Olena Biletska.

Worauf es ankommt: mentale Einstellung, Taktik, Ausrüstung

Fitnesstrainerinnen, Mütter, Ärztinnen strömen in den amphitheaterähnlichen Hörsaal. „Das Wichtigste ist, dass ihr euch mental auf das schlimmste Szenario vorbereitet“, beginnt Biletskyi seinen Vortrag. „Alles, was im konkreten Fall besser läuft, ist eine Art Bonus.“

Überlebenshilfe. Biletskyi breitet auf einem Pult aus, was er nun für das Notwendigste hält.
Überlebenshilfe. Biletskyi breitet auf einem Pult aus, was er nun für das Notwendigste hält.
© Daniela Prugger

Auf die Leinwand hinter ihm wird eine Powerpoint-Präsentation projiziert. Ohne groß von seinen Rednerkarten aufzublicken, zählt Biletskyi nüchtern auf, worauf es ankommt: die mentale Einstellung, Taktik, Fähigkeiten, Ausrüstung. „Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass es bei einer Stadtbelagerung zu verschiedenen Problemen kommen kann: dass es keine Elektrizität mehr gibt, keine Versorgung mit Lebensmitteln, keine Müllabfuhr.“ Die Zuhörerinnen, viele von ihnen haben lange, manikürte Nägel und bunte Notizbücher, schreiben mit.

Biletskyi hat den Krieg am eigenen Leib erfahren. Er hat im Osten der Ukraine gekämpft, wo sich die Armee des Landes seit 2014 den von Russland finanzierten und unterstützten Separatisten entgegenstellt. Während er zur Front geschickt wurde, gründete seine Ehefrau Olena über Facebook zu Hause in Kiew die „Ukrainische Frauengarde“, eine Gruppe von Freiwilligen, die einander emotional unterstützen, wenn die Männer an der Front verletzt oder getötet werden. Und sich auch noch Schießen und Selbstverteidigung beibringen.

„Eine ähnliche Gruppe für Männer gab es zu diesem Zeitpunkt schon. Aber niemand wusste, was man mit den Frauen anfangen soll“, sagt die 39-Jährige. Biletska spricht mit fester Stimme, sie ist Anwältin.

Der Krieg gehört zum Alltag

Zuletzt war die Frauengarde im Jahr 2018 aktiv, mehr als 30.000 Frauen haben die Trainings bereits durchlaufen, erklärt Biletska. Es folgten Jahre, in denen es in der Ukraine im Vergleich zu den ersten Kriegsjahren ruhig war. Im Land hatte sich ein neuer Alltag eingestellt. Einer, zu dem der Krieg in der Ostukraine dazugehört. „Die Frauen, die zu uns kommen, haben eines gemeinsam: Sie wollen sich informieren“, sagt Biletska. „Ihnen fehlt das Wissen darüber, welche Vorräte man zu Hause haben muss, wo man sich verstecken soll und wie man ein nachbarschaftliches Netzwerk aufbaut.“ Biletska ist Mutter von drei Kindern, mit dem vierten ist sie gerade schwanger.

200 Teilnehmerinnen wollen lernen, wie sie sich im Krisenfall verhalten sollen. Ohne Corona wären dreimal so viele gekommen.
200 Teilnehmerinnen wollen lernen, wie sie sich im Krisenfall verhalten sollen. Ohne Corona wären dreimal so viele gekommen.
© Daniela Prugger

In der letzten Reihe des Hörsaals sitzt die 44-jährige Oksana, die im Jahr 2014 mit ihrem Mann aus der Stadt Donezk geflohen ist. Ihre Eltern wohnen noch immer in der von den durch Russland unterstützen Separatisten kontrollierten Stadt im Osten. Weil sie ihre Familie hin und wieder besucht, bittet sie darum, dass ihr Nachname nicht in der Zeitung genannt wird. „Ich will in meinem Kopf Ordnung schaffen und mir einen Plan machen“, antwortet die Ukrainerin auf die Frage, warum sie gekommen ist. „Bisher habe ich in meiner Wohnung nur einen Erste-Hilfe-Kasten vorbereitet.“

Während des Gesprächs streicht sie immer wieder ihre Finger über die Ärmel ihres Strickpullovers. Damals, 2014, zwei Jahre nachdem in Donezk noch die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen wurde, war Oksana unvorbereitet. Nie wieder möchte sie einer derartigen Hilflosigkeit ausgesetzt sein.

Viele der anwesenden Frauen sagen, dass sie nicht wissen, wo sie sich sonst informieren sollen. Als Biletskyi fragt, wer zu Hause eine Waffe hat und Pfefferspray, heben manche die Hand. Er spielt Szenarien durch, die sich in der Vergangenheit in Kriegen zugetragen haben: die Belagerung Madrids im Jahr 1936, die Einkesselung Stalingrads, die Schlacht um Aleppo 2016.

Sogar ein Schreibblock kann zur Waffe werden

Er rät den Zuhörerinnen, herauszufinden, wo sich in ihrer Nachbarschaft der nächstgelegene Luftschutzbunker befindet. Wer von den Nachbarn ein Arzt ist, ein Handwerker, eine Datscha hat, die als Zufluchtsort dienen kann. Sein Frontalvortrag endet mit dem praktischen Training, auf das die Frauen von Anfang an gewartet haben.

Ukrainische Reservisten und Zivilisten beim Waffentraining außerhalb Kiews.
Ukrainische Reservisten und Zivilisten beim Waffentraining außerhalb Kiews.
© Michaal Nigro/imago images/Pacific Press Agency

Ein befreundeter Soldat bittet eine der Kursteilnehmerinnen auf die Bühne und demonstriert, wie man einen Angreifer abwehrt. Sogar aus einem Schreibblock kann eine Waffe werden, sagt er. Der Soldat nimmt den Block, rollt ihn ein. Er rät der Frau, frontal mit dem eingerollten Block auf die Kehle zu zielen, auch die Schläfe sei ein verwundbarer Punkt. Kurz tut er so, als hätte ihn die einen Kopf kleinere Frau überwältigt, und löst Gelächter im Hörsaal aus.

Erst in der Pause, nachdem sich die ersten Frauen über die Reihen hinweg unterhalten und austauschen, sich Fragen stellen und die Stimmung lockerer wird, inspizieren einige von ihnen die falschen Messer und Knüppel aus Plastik, die die Veranstalter auf dem Podium ausgebreitet haben. Sie nehmen zögerlich in die Hand, was wie buntes Spielzeug daliegt.

Keep Calm and Visit Ukraine.

Ukrainische Tourismuswerbung

Während die staatliche Tourismuswebseite mit dem Slogan: „Keep Calm and Visit Ukraine“ wirbt, findet wie der Selbstverteidungskurs der Frauen am anderen, nordöstlichen Stadtrand ein Kampftraining für Reservisten statt. Auf dem Gelände einer Asphaltfabrik am äußersten Stadtrand trifft man häufig Hobby-Motocross-Fahrer an. Nun versammelt sich hier die Gruppe, die sich den „Territorialen Verteidigungsbataillonen“ angeschlossen hat – seit einigen Wochen immer samstags, in Camouflage gekleidet, absolviert sie taktische Militärübungen.

Gedenktafeln und ein Schießstand

Die „Territorialen Verteidigungsbataillone“ sind ein Ableger der ukrainischen Armee und wurden nach Ausbruch des Krieges im Jahr 2014 gegründet, um Hunderttausende Teilzeitreservisten für eine unterstützende Rolle im Kriegsfall auszubilden. Laut einer Umfrage eines Kiewer Meinungsforschungsinstituts ist ein Drittel der Ukrainer bereit, im Ernstfall zur Waffe zu greifen.

30 Autominuten entfernt steht Roman Kozub auf einem Parkplatz nahe einem Schießstand. Auch der 35-Jährige hat vor, sein Land zu verteidigen. „In der jetzigen Situation, wenn zum Beispiel Länder wie Deutschland beschließen, uns 5000 Helme zu schicken, habe ich das Gefühl, dass ich einfach selbst tätig werden muss“, sagt Kozub.

Laut einer Umfrage eines Kiewer Meinungsforschungsinstituts ist ein Drittel der Ukrainer bereit, zur Waffe zu greifen.
Laut einer Umfrage eines Kiewer Meinungsforschungsinstituts ist ein Drittel der Ukrainer bereit, zur Waffe zu greifen.
© Efrem Lukatsky/dpa

Er ist Vater von zwei Kindern und verdient sein Geld in der IT-Branche. Dort, wo sich einst die Schlucht von Babyn Yar befand, einer der grausamsten Schauplätze des Zweiten Weltkriegs, trifft er sich mit anderen Männern, die überlegen, in das Verteidigungsbataillon einzutreten. Hier, wo SS-Einsatzgruppen 1941 ein Massaker anrichteten und mindestens 100.000 Menschen ermordeten, befinden sich nicht nur Gedenktafeln, es gibt auch einen Schießstand.

Als Mann möchte ich die Stadt lieber mit der Waffe vor den Angreifern verteidigen.

Roman Kozub

Der Schnee fällt auf das wie ein Park ausgelegte Gelände. Straßenlaternen beleuchten den Weg an Bäumen vorbei bis in den hinteren Bereich eines sowjetischen Gebäudekomplexes, der heute als Sportanlage dient. Auf dem Parkplatz versammeln sich 20 Männer, die gerade von der Arbeit gekommen sind. Manche von ihnen tragen noch die Kleidung des Straßendienstes. Sie kennen einander nicht, aber hier reicht jeder jedem die Hand. Auf Ukrainisch und Russisch unterhalten sie sich über Actionfilme, machen Witze und danken sich gegenseitig für den Dienst, den sie bald ihrem Land erweisen könnten.

Kozub steht abseits. Beim Treffen erfährt er, was hier auf ihn wartet: „Die Aufgaben reichen von Katastrophenschutz bis Kämpfen. Sollte die Stadt angegriffen werden, wird es viele Verwundete geben und viele Menschen werden fliehen. Nur habe ich keine Lust darauf, im Notfall für den Katastrophenschutz eingeteilt zu werden. Als Mann möchte ich die Stadt lieber mit der Waffe vor den Angreifern verteidigen.“

Im Hörsaal, nach dem Vortrag von Kriegsveteran Biletskyi, sagt Julia Sokolwjak: „Wir versuchen, normal weiterzuleben, aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf den Ernstfall vorzubereiten.“ Sokolwjak, Englischlehrerin, 35, rotbraune Locken, sagt: „Ich war bei zwei Revolutionen dabei und weiß, was in diesem Land alles möglich ist. Man hat immer das Gefühl, dass jederzeit etwas Schlimmes auf einen zukommen kann.“

Noch am selben Abend wird sie mit Nachbarn in ihrem fünfstöckigen Wohnhaus sprechen und fragen, wer von ihnen schon Fluchtrouten vorbereitet hat.

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