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© Martha von Meydell

Tagesspiegel Plus

Unterdrückung in Belarus: Mein Schulkamerad und die Eiszeit

Die belarussische Dichterin Valzhyna Mort über den politischen Gefangenen Maxim Znak

Von Valzhyna Mort

Ich liege stundenlang wach und denke über einen Mann nach, den Sie nicht kennen. Er wurde am helllichten Tag gekidnappt, in der saubersten Stadt Europas. Nicht jene alte Je-ne-sais-quoi-Sorte von Stadt, die Sie sich vielleicht vorstellen. Sondern die ausgebombte, aus Ruinen wiederaufgebaute Sorte, die Lasst-eure-Menschenrechte-zu Hause-Sorte einer europäischen Stadt.

Er wurde fünf Tage nach seinem 39. Geburtstag gekidnappt, genauer gesagt vor drei Monaten. Seitdem hält man ihn ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis fest, womit benannt wäre, was das Schicksal eines – und hier gehen unsere Vorstellungen nicht auseinander – politischen Gefangenen ist.

Jeder, der in Belarus als Anwalt arbeitet, weiß, dass Belarussen ohnehin in einem Gefängnis leben und dass es in diesem Gefängnis, wie in einer Matrjoschka, wirkliche Gefängnisse gibt, mit kleinen Zellen, in denen Menschen auf Zeitungen schlafen. Maxim Znak war Teil des juristischen Teams des Präsidentschaftskandidaten Viktar Babaryka, der selbst im Juni inhaftiert wurde, einen Monat vor jener Wahl, die das 26. Jahr von Alexander Lukaschenkos sauberer europäischer Präsidentschaft markierte.

Ein Anwalt wie Maxim, der stets an der Seite der Widerstandsikonen Svetlana Tichanowskaja und Maria Kalesnikowa auftrat – von denen die erste im Exil, die zweite im Gefängnis ist –, dürfte jederzeit eine fertig gepackte Gefängnistasche bei sich haben, mit warmen Sachen, einem Kissen, einer Zahnbürste.

Die mittlerweile inhaftierte Maria Kolesnikowa, die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo, Ehefrau des nicht zugelassenen Kandidaten Zepkalo, bei einem Wahlkampfauftritt.
Die mittlerweile inhaftierte Maria Kolesnikowa, die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo, Ehefrau des nicht zugelassenen Kandidaten Zepkalo, bei einem Wahlkampfauftritt.

© dpa

Am 9. September versuchten seine Kollegen, ihn telefonisch zu erreichen. Maxim hing auf und schickte eine Nachricht: „Masken“. Dann wurde er gesehen, wie er von Männern weggeführt wurde, deren Gesichter unter schwarzen Skimasken verborgen waren. Ansonsten sahen die Straßen, im warmen Septemberlicht, ganz nach der saubersten Stadt Europas aus.

In den Gefängniszellen kann man nicht atmen

Was haben Sie von den Haftbedingungen in der saubersten Stadt Europas gehört? Sie erzählen, Männer, die geschlagen werden, weinen wie Kinder und bitten darum, getötet zu werden. Sie erzählen, der Gesang von Frauen dringt nachts aus Zellen. Sie erzählen, die Zellen sind so vollgestopft mit Inhaftierten, dass man nicht atmen kann. Seit dem 9. August, als die Mehrheit des Landes nicht an Lukaschenkos sechsten Wahlsieg glaubte, entfesselte dieser ein beispiellos brutales Regime von Masseninhaftierungen und Folter gegen friedliche Demonstranten.

Man sagt, Belarus sei das Zentrum von Europa

Valzhyna Mort

Niemand ist sicher in Belarus – egal ob man Anwalt, Professor, Arzt, Fabrikarbeiter ist, egal ob man ein Kind ist, das am Morgen für einen Liter Milch auf die Straße springt. Jederzeit kann ein Sack über deinen Kopf gestülpt werden von Männern mit Zivilkleidern, aber militärischen Gesten, jederzeit kann es passieren, dass deine Familie wochenlang Listen von Inhaftieren und Verletzten durchsuchen muss, bevor sie dich finden, hoffentlich im Gefängnis. Bei deiner Entlassung nach zwei Wochen wirst du sagen: „Ich habe Glück gehabt, ich wurde nicht so schlimm geschlagen wie die anderen.“

Man sagt, Belarus ist das Zentrum von Europa.

In der fünften Klasse wurde das neue Fach belarussische Geschichte eingeführt

Ich weiß, Sie kennen Maxim Znak nicht, aber ich kenne ihn, und das unterscheidet unsere Art der Vorstellungen. Maxim und ich gingen zusammen auf die Mittelschule. Die Zeit damals aber kannte keine „Mitte“. Um uns herum kollabierte das sowjetische Imperium und verwandelte unser Schuljahre entweder in einen spektakulären Anfang oder das spektakuläre Ende der Geschichte. Wir waren keine engen Freunde, aber zwei konkrete Erinnerungen haben sich mir tief eingeprägt, sie wandern in den drei Monaten seit Maxims Inhaftierung zwischen meinem Brustkorb und meiner Kehle auf und ab wie schwerer Sand in einer Sanduhr.

Als wir in der fünften Klasse waren, bekamen die landesweiten Lehrpläne ein neues Fach verpasst: belarussische Geschichte. Dass ein Land eine Geschichte haben konnte – was für ein Skandal! Die einzige Geschichte, die unsere Eltern gelernt hatten, war die Geschichte des Kommunismus. Vor den 90er Jahren kannte nur die Ideologie Geschichte, die Menschen aber das Schweigen.

Jetzt wurden die Geschichtsbücher rasch gedruckt, billig verleimt, einzeilig befüllt, sie fielen auseinander wie Kartenspiele. Sie hatten nicht eine einzige Illustration, kein Porträt, keine Landkarte. Die Einbände waren für alle Klassenstufen gleich: ein weißes Cover mit rotem Streifen in der Mitte. Das war unsere neue nationale, unsere alte historische Flagge.

Kurz nach unserer Entdeckung, dass wir eine Geschichte hatten, die jenseits der Geschichte der Sowjetunion lag, tauchten alle möglichen Dinge aus Archiven, Schränken und Gräbern auf: eine Flagge, eine Hymne, eine Sprache, die Namen von Königen, die anders klangen als Nikolai und Alexander, Orte von Massenexekutionen, Märtyrer, Helden, Künstler, Gelehrte, Kämpfe für die Unabhängigkeit von Polen und Russland, gefochten unter der weiß-rot-weißen Flagge. 1994 wurde Lukaschenko als erster Präsident vereidigt, neben ihm stand die weiß-rot-weiße Flagge wie eine Braut.

 Demonstrantinnen halten bei einem Protest gegen  Machthaber Lukaschenko historische weiß-rot-weiße Fahnen der Opposition in den Händen.
Demonstrantinnen halten bei einem Protest gegen Machthaber Lukaschenko historische weiß-rot-weiße Fahnen der Opposition in den Händen.

© dpa

Heute werden Menschen wahllos festgehalten und durchsucht, nicht wegen Marihuana, sondern wegen einer weiß-rot-weißen Flagge in ihrem Rucksack, einem weiß-rot-weißen Anstecker am Mantelaufschlag. Einsatzkräfte platzieren die weiß-rot-weiße Flagge unserer Unabhängigkeit auf den Schwelle der Untersuchungsgefängnisse und an den Eingängen der Gefängniswagen.

Wenn die Festgenommenen versuchen, nicht auf die Flagge zu treten, werden sie mit Schlagstöcken traktiert. Jeder wird gezwungen, auf die Flagge zu treten, die unsere ersten Geschichtsbücher zierte, eine Flagge, die, wie eine stille Braut, neben dem ersten Präsidenten stand, der bald jeden eliminierte, der seine absolute Macht nicht anerkennen wollte.

Der 31-jährige Raman wurde festgenommen - eineinhalb Stunden später lag er im Koma

Während ich diesen Essay schreibe, erfahre ich von dem Schicksal eines 31-jährigen Mannes namens Raman Bandarenka, der in einer Novembernacht aus seinem Wohnhaus trat, nachdem ein ziviler Wagen voller Männern mit Zivilkleidung, aber militärischen Gesten in seinem Hof angehalten hatte. Die Männer waren gekommen, um die weiß-rot-weißen Bänder abzuschneiden, die wie Wunschbänder an einem Wunschbaum überall an den Zaun geknüpft waren.

Nicht nur, dass Raman sich ihnen nicht physisch in den Weg stellte, es ist sogar unklar, ob er sie überhaupt ansprach. Er kam nur aus dem Haus, um Männer mit militärischen Gesten dabei zu beobachten, wie sie im Hof eines Fremden Bändchen abschnitten. Er wurde in den Wagen gezerrt, blieb anderthalb Stunden unauffindbar, tauchte auf einer Polizeiwache wieder auf, von wo aus er, im Koma, auf eine Intensivstation gebracht wurde. Die Ärzte sagten, seine Chancen stünden eins zu tausend. Raman, zehn Jahre jünger als Max, wurde umgebracht wegen eines weiß-rot-weißen Bändchens.

Die Beerdigung von Raman Bandarenka am 20. November in Minsk. Der Mann war einen Tag nach seiner Festnahme durch Sicherheitskräfte tot.
Die Beerdigung von Raman Bandarenka am 20. November in Minsk. Der Mann war einen Tag nach seiner Festnahme durch Sicherheitskräfte tot.

© AFP

Ärzte, die sich jede Woche um hunderte verletzte Demonstranten kümmern müssen, gehen auf die Straße, um gegen Staatsgewalt zu protestieren – und verschwinden wie gefährliche Kriminelle in Polizeiwagen, manchmal bis zu 50 auf einmal.

Aber wir wissen von all dem noch nichts. Wir haben gerade unser weiß-rot-weißes Geschichtsbuch durchgearbeitet, das erste seiner Art. Unsere Schule nimmt an etlichen städtischen Geschichtsquiz teil. Ich gehöre zum Team, und Maxim ist unser Kapitän. Ich erinnere mich an seinen formlosen Wollpullover, der sich über die eigene Farbe im Unklaren war; sein Haar stand in alle Richtungen ab. Er führt uns zum Sieg. Die erste Frage lautet: „Wie sah das belarussische Territorium vor 16000 Jahren aus?“

Es ist einfach wie zwei plus zwei, ungefähr so einfach wie „während des Zweiten Weltkriegs starb in Belarus jeder Vierte“. Vor 16000 Jahren war das belarussische Territorium von Eis bedeckt. Als wir uns flüsternd „Eiszeit“ zukreischen, berühren sich unsere Köpfe wie die Blütenblätter einer fleischfressenden Pflanze, die ein Insekt umfassen. „Eiszeit, ok, ich hab’s“, ruft Max und drückt den Knopf: bereit. Unser Kapitän nimmt das Mikrofon und spricht hinein: „Was ist: grüne Wiesen und blühende Bäume. Wir glauben, vor 16000 Jahren war Belarus ein Ort mit grünen Wiesen und blühenden Bäumen.“ Wir atmen tief ein. Wir atmen tief aus. Die Runde ist verloren. Warum hat er das gesagt? Er weiß es selbst nicht.

Belarus ist ein Land, das von einem Wahnsinnigen in Geiselhaft genommen wird

Valzhyna Mort

Warum hat er das gesagt? Viele Jahre habe ich mir diese Frage gestellt und wusste nicht, warum sie wichtig war. Jetzt, da Max ein politischer Gefangener ist in einem Land, das von einem Wahnsinnigen in Geiselhaft genommen wird – ein beispielhaft sauberes Land in der Mitte Europas, wo Menschen inhaftiert werden können, wenn sie ein Lied singen oder ein Peace-Zeichen mit ihren Fingern machen –, frage ich mich, ob er es sagte, weil er es sagen musste.

Weil er, einer spontanen Eingebung folgend, am Beginn der neuen belarussischen Geschichte, markiert von Lukaschenkos Aufstieg zur Macht, das Offensichtliche zurückweisen wollte. Er stellte die erste Seite unseres beginnenden Geschichtsbuches in Frage. Ersetzte die Eiszeit mit Blumen.

Präsident Alexander Lukaschenko will die Macht nicht abgeben - und terrorisiert die Bevölkerung.
Präsident Alexander Lukaschenko will die Macht nicht abgeben - und terrorisiert die Bevölkerung.

© AFP

Inhaftierte erzählen von der fürchterlichen Kälte, die nachts in den Zellen herrscht. Sie erzählen, wie sie ihre Socken mit Zeitungen ausstopfen und einander die ganze Nacht auf nackten Metallpritschen umarmen – weder Matratze noch Kissen werden ausgeteilt. Unter deutscher Besatzung in den 40er Jahren trug der Genozid an den belarussischen Bauern den Codenamen „Winterzauber“. Wir verweigern uns der Eiszeit der Völkermorde, wir verweigern uns der Eiszeit der Gefängnisse. Sprich vom Blühen, Maxim.

Das zweite Erinnerungsfragment hat damit zu tun, wie Maxim mich zu einer Schulversammlung mitnimmt. Fünftklässler schnattern im Auditorium, machen sich lustig über die Lehrer auf der Bühne, die irgendwelche Ankündigungen verlesen. Die Lehrkräfte tragen Hosenanzüge, die Hillary Clinton Kopfschmerzen bereiten würden und haben Frisuren, die gute Versuchsmodelle in Physik oder Chemie abgeben würden.

Manche Eltern sind auch da – meine nicht. Jemandes Mutter tritt auf die Bühne, gefolgt von aufgeregtem Tuscheln: „Wessen Mutter? Warum?“ Dann spricht sie, und an irgendeinem Punkt wird mir klar, dass sie ein Gedicht vorträgt. Kein Gedicht wie diese, die wir im Literaturunterricht lesen. Sondern ein zeitgenössisches, mit politischem Hauch – eine Brise, die neu war in unserer Perestroikaluft. Es hat einen Refrain: „Davajte, malchiki! – Macht schon, Jungs!“

Wegen dieses Refrains kann ich das Gedicht heute problemlos finden. Es ist ein Gedicht des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko, und es ist Maxims Mutter, die es von der Bühne spricht. „Kommt schon, Jungs! / Wenn wir nicht länger grausam sind, / sind wir nicht länger jung. / Kommt schon, Jungs! / Und denkt dran, wenn ihr älter werdet, / verblasst die eigene Grausamkeit / und heimlich wird man besser. / Und andere Jungs, verblendet und despotisch, / werden kommen / mit schwitzenden Fäusten. / Kommt schon, Jungs.“

Warum erinnere ich mich an diesen Refrain? Weil ich ihn mit einem Zweifel erinnere. Was für ein „Kommt schon“ oder „Auf geht’s“ ist das, frage ich mich seit jenem Tag in der Aula. Wozu genau forderte Maxims Mutter unsere Jungs auf? Hätte sie sich die Grausamkeit vorstellen können, die belarussische Spezialtruppen unter wehrlosen, friedlichen Menschen entfesseln? Hätte sie sich, als sie ein Gedicht von Jungs mit schwitzenden Fäusten rezitierte, den gegenwärtigen Terror vorstellen können?

Die Männer in schwarzen Skimasken, die Maxim kidnappten, waren auch einmal Jungs, und irgendjemand erinnert sich irgendwo an sie auf der Mittelschule, als nichts eine Mitte hatte sondern alles spektakulärer Anfang oder spektakuläres Ende der Geschichte war. Auf geht’s jetzt, Jungs. Dass Maxim weder draußen ist noch vor Gericht gestellt wurde, kann nur eines heißen: sie haben ihn nicht gebrochen.

Jetzt sind es also schon drei Monate, dass der Kapitän des Geschichtsteams meiner Schule politischer Gefangener eines Land ist, das von einem Wahnsinnigen besetzt wird. Blühe, Maxim. „Betreibe dein Blühen“, wie die Dichtern Gwendolyn Brooks schreibt, „mitten im Lärmen und Schlagen des Sturms.“

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