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Russische Soldaten.

© Konstantin Mihalchevskiy/Sputnik/dpa

Tagesspiegel Plus

„Mama, wir wurden betrogen“: Schlechte Logistik, kaum Motivation – wie steht es um die russische Armee?

Soldaten, die zum Kriegseinsatz gezwungen wurden, kaum zu essen haben und keine Ahnung, wofür sie kämpfen. Berichte über einen schlechten Zustand der russischen Truppen häufen sich.

Mama, wir wurden betrogen!, habe ihr Sohn am Telefon geschrien. Er, Pawel Abramow, 23, russischer Soldat, habe sie von der belarussisch-ukrainischen Grenze angerufen, es sei spät am Abend des 23. Februar gewesen, kurz vor dem Einmarsch der russischen Truppen in das Nachbarland.

So beschreibt es Abramows Mutter der russischen „Nowaja Gaseta“. Die Zeitung – eines der wenigen unabhängigen Medien Russlands – gibt an, die Geschichte mit Dokumenten verifiziert zu haben, überprüfen lässt sich das jedoch nicht.

Die Redaktion hat den Text mittlerweile von ihrer Webseite gelöscht, nachdem das russische Parlament ein Gesetz verabschiedete, das bis zu 15 Jahre Haft für „Falschmeldungen“ über die russische Armee vorsieht. In Internetarchiven ist der Artikel noch aufrufbar.

Russische Truppen nahe der Grenze zur Süd-Ukraine.
Russische Truppen nahe der Grenze zur Süd-Ukraine.

© Konstantin Mihalchevskiy/imago images/SNA

Noch ein paar Tage vor der Invasion habe Pawel Abramow gedacht, die Truppenübungen an der ukrainischen Grenze seien vorbei. Am Telefon habe er seiner Mutter erzählt, er mache sich bald auf den Weg nach Hause, zurück nach Rjasan, 200 Kilometer südöstlich von Moskau.

Die wenigen, nicht Russlands Staatspropaganda entsprungenen Berichte vom Zustand der russischen Soldaten erzählen von jungen Männern, die gegen ihren Willen oder ungefragt in den Krieg geschickt wurden. Die geschwächt, unmotiviert und verwirrt in einem Krieg kämpfen, den sie nicht verstehen.

Nicht freiwillig im Krieg

Pawel Abramows Mutter sei erschüttert gewesen. „Ich habe verstanden, dass dort gerade alle unter Schock standen, erschöpft waren, weinten“, sagt sie der „Nowaja Gaseta“. Die ganze Nacht habe sie nicht geschlafen.

Ihr Sohn sei nicht freiwillig in den Krieg gezogen. Während er noch den einjährigen Wehrdienst im Fernen Osten Russlands ableistete, hätten Vorgesetzte ihn dazu gedrängt, einen Berufssoldatenvertrag zu unterschreiben. Er habe abgelehnt.

Wie anderen Verweigerern auch sei ihm aufgetragen worden, schwere Munitionskisten zu schleppen, erzählt seine Mutter. Er habe an Rückenschmerzen gelitten, sei ins Krankenhaus gekommen, im September unterschrieb er schließlich doch einen Zweijahresvertrag als Soldat.

Das Stadtzentrum der nordukrainischen Stadt Tschernihiw  nach einem russischen Luftangriff.
Das Stadtzentrum der nordukrainischen Stadt Tschernihiw nach einem russischen Luftangriff.

© Dmytro Kumaka/AP/dpa

Tagelang habe sich Abramows Mutter und ihrem Sohn eingeredet, die Meldungen, Russland würde die Ukraine angreifen, seien Geheimdiensttaktiken, nicht ernst zu nehmen. „Sohn, die lügen doch alle“, habe sie ihm gesagt. Zwei Tage vor dem Einmarsch habe Abramow seiner Mutter erzählt, sie hätten ihre Zelte umgestellt, er könnte bereits das Gebiet der Ukraine sehen.

Widerstand selbst in Russlands Polit-Elite

Etliche Eltern hätten vor dem Krieg beim russischen „Komitee der Soldatenmütter“ angerufen, berichtet das unabhängige Medium „Meduza“. Die Soldateneltern erzählten der Organisation irritiert, ihre wehrdienstleistenden Söhne seien entweder dazu gezwungen worden, Verträge zu unterschreiben oder sie seien einfach so zu den Militäreinheiten an der ukrainischen Grenze geschickt worden.

In den letzten Tagen regt sich selbst in Russlands Polit-Elite Widerstand. Die 70-jährige Ljudmila Narusowa, Mitglied des russischen Föderationsrates, dem Vertretungsorgan der Regionen, blieb zunächst einer Abstimmung über den Einmarsch Russlands fern. Die Politikerin war Ehegattin des politischen Ziehvaters Wladimir Putins, Anatoli Sobtschak.

Am Ende überlebten in einer Kompanie nur vier von hundert Personen.

Ljudmila Narusowa, Mitglied des russischen Föderationsrates

Am 4. März kritisiert Narusowa in einer live übertragenen Sitzung des Föderationsrates die schweren Verluste, die russische Streitkräfte in der Ukraine erlitten hätten. Am Vortag seien Wehrpflichtige aus der Kampfzone abgezogen worden. Die Verträge hätten sie gegen ihren Willen unterzeichnet – oder sie seien für sie unterschrieben worden. Sie sagte: „Am Ende überlebten in einer Kompanie nur vier von hundert Personen.“ Berichte dazu habe sie vom Militär im Verteidigungsausschuss bekommen.

Am Morgen des Einmarsches habe Pawel Abramow seine Mutter ein letztes Mal angerufen: „Mama, wir werden in Autos gesteckt, wir fahren ab.“ Am Telefon seien Schüsse und das Donnern von Flugzeugen zu hören gewesen. „Ich liebe dich“, habe Abramow gesagt. Seitdem habe sie nichts mehr über ihren Sohn gehört.

 Die Stadt Schytomyr, westlich von Kiew, am 6. März.
Die Stadt Schytomyr, westlich von Kiew, am 6. März.

© IMAGO/UPI Photo

In sozialen Netzwerken häufen sich Dokumente über den Zustand der Streitkräfte: Fahrzeuge, die ohne Sprit liegen bleiben oder im Schlamm feststecken. Soldaten, die nichts mehr zu essen haben. Funkgeräte, die jeder abhören kann. Camping-Ausrüstung aus Supermärkten. Die Berichte kommen mittlerweile aus vielen verschiedenen Quellen, sodass man davon ausgehen könne, dass sie der Wahrheit entsprächen, schätzen Experten.

Ganze Einheiten sollen die Waffen niedergelegt haben

Geplagt von schlechter Logistik und sinkender Moral, sollen sich russische Streitkräfte in der Ukraine massenhaft ergeben, ihre Fahrzeuge beschädigt haben, um nicht weiterkämpfen zu müssen, sagte ein hochrangiger US-Verteidigungsbeamter am 1. März. Ganze Einheiten hätten ihre Waffen niedergelegt, nachdem sie mit dem zivilen Widerstand der Ukrainer konfrontiert wurden.

Russischen Soldaten, die sich freiwillig ergeben würden, bot die ukrainische Regierung mehr als 40.000 Euro an. Damit ihre Angehörigen sich über den Verbleib der Soldaten erkundigen konnten – womöglich aber auch zu Propagandazwecken – richtete sie eine Hotline, einen Telegram-Kanal und eine Webseite ein.

Wir werden in den Krieg geschickt als seien wir ein Stück Fleisch.

Mutmaßlicher russischer Kriegsgefangener

Dort finden sich Videos und Bilder von Kriegsgefangenen, Pässen und Leichen russischer Soldaten mit Informationen über Name, Rang, und ob sie noch am Leben sind. Die russische Zensurbehörde sperrte die Seite bereits.

Kriegsgefangene russische Soldaten bei einer Pressekonferenz in Kiew.
Kriegsgefangene russische Soldaten bei einer Pressekonferenz in Kiew.

© Efrem Lukatsky/AP/dpa

In einem der Videos telefoniert ein mutmaßlicher russischer Kriegsgefangener angeblich mit seinen Eltern. Dem Soldaten wird ein Telefon vors Gesicht gehalten. „Hat man dir geschrieben, dass ich in Gefangenschaft bin?“, fragt der Soldat mit gefasster Stimme. – „Schlagen die dich nicht?“, wird er zurückgefragt. „Nein. Die haben uns Essen gegeben, was zum Anziehen.“ Vier Tage lang seien sie herumgelaufen, hätten gefroren. „Wir werden in den Krieg geschickt als seien wir ein Stück Fleisch.“

„Sag, was ihr hier anrichtet, gegen wen ihr hier Krieg führt“, sagt eine Stimme hinter der Kamera, wohl ein Aufpasser. „Papa, ich habe auf niemanden geschossen. Das ist so eine Scheiße hier, friedliche Bewohner, Kinder sterben. Unsere Leute werden umgebracht.“

Es ist nicht nachprüfbar, ob sich die Soldaten aufrichtig äußern. Viele wurden vor eine Ukraineflagge gesetzt, manche Botschaften wirken auswendig gelernt, bei anderen brechen die Männer in Tränen aus, erzählen erleichtert, dem Krieg entkommen zu sein. Was sich aber sagen lässt: Die Videos könnten gegen die Genfer Konventionen verstoßen, die unter anderem regelt, dass Kriegsgefangene mit Würde behandelt und vor „öffentlicher Neugier“ geschützt werden müssen.

Sollten die Erzählungen in den Videos authentisch sein, zeugen sie davon, mit welchem Wissen die meist jungen, unerfahrenen Soldaten in den Krieg gezogen sind: „Ich dachte nicht, dass ich hinfahre, um Leute umzubringen.“ „Uns wurde gesagt, Selenskyi habe schon den Kapitulationsbefehl unterschrieben.“ „Wir wurden angelogen und sie wollten uns wie Kanonenfutter verfeuern.“ „In der Stadt, in der wir ankamen, haben wir nicht mal geschossen. Wir haben unsere Waffen niedergelegt und uns ergeben.“

Einer sagt: „Die schicken unsere Soldaten zum Kämpfen her, aber ich weiß nicht, wofür.“ Er holt Luft. „Für nichts. Wir kommen her, um zu sterben.“

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