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© imago images / Westend61

Tagesspiegel Plus

Neustart auf Rädern: Die modernen Wohnmobil-Nomaden, der Winter und ihre Lust aufs Leben

Die Hersteller melden Zulassungsrekorde, die Pandemie hat den Trend zum mobilen Wohnen gestärkt. Doch wie lebt es sich auf Rädern, wenn es kalt und dunkel ist?

Die Heizung gibt ein leises Rauschen von sich, es sind konstante 20 Grad im Van von Torsten Berg. Draußen baut sich ein Herbststurm auf. Wind pfeift an den Dachkanten entlang, Heizungssäuseln, prasselnde Regentropfen – wenn niemand spricht, ist das alles, was man in der fahrbaren Ein-Zimmer-Wohnung hört. Dann gurgelt die Espresso-Kanne auf dem Herd. Der Duft von frischem Kaffee füllt den Raum.

Torsten Berg wohnt, arbeitet, lebt in seinem Kastenwagen. Das Leben auf Achsen habe etwas Ungewöhnliches, für manche „Ungreifbares“, sagt er. Viele hielten Menschen wie ihn für Aussteiger – er ist aber keiner und sieht sich auch nicht so. Wenn er Leute kennenlerne, fragten sie gewöhnlich: Aber du hast auch noch eine Wohnung?

Damit ihm dieser Eindruck beruflich nicht schadet, damit Zweifel an seiner Zuverlässigkeit nicht an seinem Leben im Van festgemacht werden, möchte Torsten Berg hier nicht mit seinem richtigen Namen unterwegs sein.

Er nimmt zwei Porzellan-Becher und verteilt den Espresso. Berg ist 1,87 Meter groß – in seiner Küche kann er stehen, ohne sich den Kopf zu stoßen. Ein großer Kühlschrank steht darin, auch Gäste könne er bekochen.

Jetzt, im Winter, steht der Van an einem festen Platz – der Mann aus der Medienbranche hat beruflich weniger zu tun. Die großen Produktionen, an denen er mitwirkt, laufen im März wieder an.

Zwei Grad Celsius, Schmuddelwetter – sein Standort ist ein Hof im Süden von Berlin, halb-privat, grün, nicht einsehbar von der Straße. Der Winter-Standplatz bietet Berg, Mitte 40, den Luxus des Zugangs zu einer Dusche mit so viel fließend-warmen Wasser, wie er möchte, und einer Toilette, um deren Abwasser er sich nicht kümmern muss.

Wenn er mit seinem Kastenwagen aus deutscher Produktion unterwegs ist, von Tag zu Tag oder von Woche zu Woche von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz umzieht, dann ist er ganz auf seine Innenausstattung angewiesen. Den Transporter hat Torsten Berg in Eigenarbeit zu seinem Zuhause gemacht.

Der Innenraum ist mit hellem Holz ausgekleidet. Jetzt, wo Dunkelheit das Fahrzeug umgibt und die beiden LED-Leisten oben an den Seitenwänden angenehm matte Helligkeit im Innern schaffen, hat der „Bus“, wie Berg ihn nennt, den Charme eines liebevoll ausgebauten Dachzimmers.

Menschen wie Torsten Berg sind die Nomaden von heute. Das Unterwegssein ist ihr Lebensstil. Sie wollen keine Wohnung. Manche sind allein auf Achse, andere als Paar. Torsten Berg ist Single.

Viele Van-Bewohner sind selbstständig. Sie verdienen ihr Geld in Berufen, die man über das Internet und digital erledigen kann. Andere sind Handwerker, wollen ihre Freiheit bewahren und deshalb keine Wohnung mieten, die womöglich die Hälfte ihres Lohns kostet.

In den vergangenen Jahren wurden besonders viele Wohnmobile neu zugelassen - nicht alle werden auch im Winter benutzt.

© imago images/Stefan Zeitz

Vanlife – das ist für viele, zumal für junge Leute, ein Zauberwort und ein Traumbegriff. Die Träume handeln oft vom Süden und von Wärme. Leute wie Torsten Berg leben indes auch die kalte Seite.

Zeitgewinn – das war für ihn ein Motiv, in den Wagen zu ziehen. Seine Arbeitstage können lang sein. Da wollte er nicht noch stundenlang fahren, um in irgendeine Wohnung zu gelangen, die er früh am nächsten Morgen verlassen würde, um abermals zur Arbeit zu fahren.

März bis Oktober alles easy.

Kastenwagen-Bewohner Torsten Berg

Im Winter gibt es nicht diese Momente, in denen man abends, vor dem Van sitzend, die Sonne untergehen sieht. Berg nutzt die dunkle Zeit, um Themen zu recherchieren, die ihn beschäftigen. Technik interessiert ihn, die Digitalisierung; er lese dann, was er dazu im Internet finde oder sehe sich Youtube-Dokumentationen an.

Was die Lebensumstände angeht, ist von „März bis Oktober alles easy“, sagt er – eine Anspielung auf die Fotos, die Van People in der kalten Jahreszeit gern von portugiesischen Ständen oder von nordafrikanischen Wüstenrändern posten.

Er hat seinen Oldtimer zum „smart home“ gemacht, wie er sagt. Eines, dessen Heizungen einen Monat pausenlos laufen könnten, ohne dass Diesel getankt werden muss. Ab und zu wirft Berg einen Blick auf das Ipad an der Wand. Das zeigt ihm, wie Heizung und Lüftung arbeiten. Drei Sensoren an einer Längswand halten die Temperatur stabil. Sieben Lüfter, verbunden mit Sensoren für den Sauerstoffgehalt, erfrischen die Innenluft, wenn es nötig ist.

Autark sein, möglichst lange – das sei ihm wichtig, sagt Berg: zwei Tanks für Kraftstoff, zwei für Wasser, Lithium-Batterien, die das Fahrzeug über Tage mit Strom versorgen; Solarzellen auf dem Dach, ein Router für ununterbrochenen Zugang zum Internet.

Die eigene Wohnung ist ein Rückzugsort – ein Van ist ein Wegzugs-Ort, mit einem Freiheits-Potenzial, das das Vorstellungsvermögen vieler Menschen übersteigt. Der Umzug in eine andere Wohnung ist für viele ein großer Akt. Mit dem Van wechselt man den Lebens- und Arbeitsort von einer auf die nächste Stunde, von der Stadt aufs Land und zurück. Berg sagt, für seine Auftraggeber sei das ein Vorteil: Er sei immer vor Ort. Wenn er gebraucht werde, müsse man nur an die Tür klopfen.

Nicht alle, die auch im Winter im Van leben, haben einen geschützten Ort wie etwa einen privaten Hof. Manche stehen auf der Straße oder auf Parkplätzen. In Berlin hatte eine Neuköllner Straße am ehemaligen Tempelhofer Flugfeld lange den Ruf, dort werde das Wohnen im Camper geduldet. Der Straßenverkehrsordnung zufolge ist das Schlafen im eigenen Auto nur zur „Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit“ gestattet.

Menschen mit Van-Erfahrung sagen, sie sehen sich an solchen Orten erst sorgfältig um, bevor sie das Fahrzeug verlassen, um niemanden auf sich aufmerksam zu machen.

Und wenn man mal krank ist? Torsten Berg sagt, manche hätten einen Notfallort, die Eltern zum Beispiel, bei denen sie mal ein paar Tage unterkommen könnten. Er habe auch schon gehört, dass Leute ein Zimmer im Hotel nähmen, wenn es ihnen schlecht gehe.

Immer mehr Menschen wollen ein Heim auf Rädern

Niemand weiß, wie viele in Deutschland leben wie Torsten Berg. Das Melderecht verlangt von jedem eine feste Adresse. Betreiber von Werkstätten erzählen von Menschen, die monatelang unterwegs sind, manche mit 30, andere mit 80. Die Pandemie hat den Trend gestärkt.

Die Hersteller melden Zulassungsrekorde. Dem Statistik-Portal „Statista“ zufolge sind in Deutschland fast 675.000 Wohnmobile zugelassen. Der Verband der Caravaning-Industrie teilt mit, bis Oktober seien mehr als 73.500 Reisemobile „erstmals in den Verkehr gebracht“ worden, 7,3 Prozent mehr als im bisherigen „Rekordjahr“ 2020.

Man kann das schöner machen.

Randy Tornow, Wohnmobil-Experte

In der „Campermanufaktur“ erledigen Randy Tornow und seine Kollegen für andere das, was Torsten Berg selbst gemacht hat. Die Werkstatt befindet sich im Berliner Norden, auf einem Hallenkomplex in Pankow. Tornow, der schon immer gern gereist ist, hat eigene Fahrzeuge umgebaut, bevor er seine Firma gründete.

Randy Tornow und sein Team von der „Campermanufaktur“ in Berlin-Pankow bauen bewohnbare Fahrzeuge aus und um.

© Werner van Bebber

Tornow ist ein schlanker Mann und hat die Kopfhörer immer bei der Hand, um auch bei Werkstattlärm telefonieren zu können. Dass er mit Ende 30 sein eigenes Unternehmen gegründet und aufgebaut hat, hängt mit seiner Passion zusammen. Früher war er viel mit einer umgebauten BMW R 80 unterwegs.

Im Nahen Osten, wo er für ein deutsches Unternehmen ein paar Jahre Vertrieb und Marketing organisierte, fuhr er viel herum. Zurück in Berlin, legte er sich einen VW-Bus zu, auch um mit seiner Tochter am Wochenende Touren machen zu können, etwa zur Ostsee. Sein Eindruck von den Normal-Wohnmobilen: „Man kann das schöner machen.“

Er kennt viele aus der Szene, hört viele Geschichten und versucht, seinen Kunden das zu bauen, was ihren Reiseinteressen entspricht. Gibt es sowas wie den typischen Van-Menschen? Was verbindet die Leute? Was unterscheidet sie von Stadt- und Landmenschen mit festen Wohnsitzen?

Längeres Grübeln. Die Szene sei sehr unterschiedlich, sagt er dann. Da gebe es die Paare, die romantisch reisen wollten; genauso gebe es Familien und die Singles. Ein Öko-Bauer aus Brandenburg habe sich mit über 70 einen Van mit Allrad-Antrieb zugelegt. Eine Hebamme habe sich nach der Berufsaufgabe von der Campermanufaktur einen Van ausbauen lassen und beim Abschied gesagt: „Ich weiß nicht, wann ich zurückkomme.“

Vom Charakter her gebe es „alles“. Für sich und seine Tochter hat er einen Peugeot-Transporter mit allem ausgebaut, was die Manufaktur zu bieten hat, bis hin zur Nasszelle hinter einem klappbaren Kleiderschrank und Fächern für die Kitedrachen des Freizeitsurfers, sein Stehpaddelbrett und die Mountainbikes.

Aus einer Musikbox dringen stramme Elektrobeats. Sie werden immer mal wieder übertönt vom Geräusch einer Kreissäge oder eines Bohrers. Es riecht nach Holz und nach Kaffee.

In drei, vier Metern Höhe scheint eine offene Arbeitsebene zu schweben, mit Tisch, Rechner, Musikbox und einer Küchenzeile. Tornow, wie alle hier mit einer Kapuzenjacke einigermaßen warm angezogen, telefoniert; von hier oben kann er seine Kollegen fragen, wie weit sie mit der kaputten Heizung eines Wohnmobils sind oder mit dem Anbringen eines Rahmens für die Innenverkleidung.

41 Jahre ist er alt, alles läuft bei ihm zusammen, vom Kunden, der einfach so vorbeikam, um zu sehen, ob sein Camper fertigt ist, bis zum Kollegen, der sich um die Holzreserven für den Innenausbau kümmert und Details klären muss, damit es weitergeht.

Drei Fahrzeuge stehen dicht beieinander in der Werkstatt. Sechs junge Männer arbeiten an ihnen, mit Akkuschraubern, Holzplatten, Einbauteilen. Ein „Komplettausbau“ sei in Arbeit, sagt Tornow, zwei Camper sollen repariert werden.

Dann fällt Randy Tornow noch ein Merkmal ein, dass in der Van-Community häufig zu bemerken ist. Er grinst: „Viele haben einen Hund“, sagt er.

Ich versauer’ immer ziemlich schnell, wenn Routine sich einstellt.

Nina, Van-Bewohnerin

Barney, Mitbewohner von Nina, hat sich in eine Nische unter das Bett zurückgezogen. Der Terrier-Mischling ist 14 und hat, wie Nina sagt, „eine Menge Baustellen“. Weshalb sie mit ihrem zum Dauerwohnsitz ausgebauten Citroen-Kastenwagen noch keine wirklich langen Reisen unternommen hat.

Auch sie ist Single. Und sie erklärt mit einem Lachen, ein „Zukünftiger“ werde einen eigenen Van brauchen – ihrer sei als Wohnung für zwei Menschen zu klein. Wenn sie nicht unterwegs ist und bei ihren Kunden vor der Tür parkt, steht ihr Wagen auf einem Gartengrundstück im Berliner Umland.

Nina vor ihrem Citroen-Kastenwagen.

© Werner van Bebber

Die von einer Hecke umrahmte Grünfläche ist Ninas vorerst letzter Kompromiss mit so etwas wie Ortsgebundenheit. Hier hat sie Platz für einen kleinen Hänger. Darin sind die Sachen, die sie unterwegs nicht braucht. Außerdem stehen hier zwei Wassertanks. An der Hecke hängt eine Lichterkette in Herzform.

Auf sechs Metern Länge – damit passe der Van noch auf einen Supermarkt-Parkplatz – hat Nina untergebracht, was sie braucht: Bett, Tisch, Herd, Kühlschrank, Dusche, Toilette, zudem Wassertank, Batterien, Heizung. Nina arbeitet mit dem Laptop. Der liegt auf einem drehbaren kleinen Tisch.

Auch sie arbeitet in der Medienbranche: Sie bearbeitet und schneidet Filme und Videos, vom Dokumentarstreifen bis zum Agentur-Pitch – Videos, mit denen Werbeleute ihren Kunden eine neue Kampagne vorstellen.

Eine Lichterkette und eine LED-Laterne beleuchten den Innenraum. Den Ausbau haben die Leute von der Campermanufaktur gemacht: Einbaumöbel aus hellem Holz, auch die Arbeitsplatte mit dem Spülbecken und dem Zwei-Flammen-Herd – kein Kunststoff wie in Serien-Wohnmobilen. Auch die Decke ist aus Holz. Auf dem Boden ein Teppich, im Kühlschrank lagert eine Flasche Sekt.

Nina ist eine Frau, die gern lächelt und so etwas wie eine Grund-Fröhlichkeit verströmt. Ihre durchaus konsequente Lebenseinstellung erläutert sie wie eine Kurzbiografie: oft umgezogen, von Bayern über das Rheinland in den Berliner Raum; dabei immer wieder ausgemistet, sich materiell „verkleinert“, sagt sie.

Das sei mit der Zeit immer leichter geworden. „Ich mochte die Flexibiliät, die Mobilität“, sagt sie, „ich versauer’ immer ziemlich schnell, wenn Routine sich einstellt.“

Wie offenbar viele moderne Nomaden sieht sie das Leben im Van als eine von mehreren Lebensweisen die zu ihren Überzeugungen passen.

„Mauern und so vermisse ich überhaupt nicht“, sagt sie. Etwa zehn Prozent dessen, was sie in ihrer Wohnung besaß, habe sie in ihren Van mitgenommen. Auch das Nachdenken über den ökologischen Fußabdruck, den jeder Mensch jeden Tag hinterlässt, spielte hinein.

Nina an ihrem Arbeitsplatz in in dem zum Dauerwohnsitz ausgebauten Citroen-Kastenwagen.

© Werner van Bebber

Sie besitze „eine Tasse und eine schöne Tasse“, sagt sie mit einem Lachen. Zudem: eine Pfanne, einen Topf, in dem sie „One-pot“-Gerichte zubereite, zusätzlich noch einen Campingkocher. „Man muss ein bisschen improvisieren“, sagt sie, „ich brauche einfach nicht so viel.“

Manche Bemerkungen zeigen, wie viel ihr die reduktionistischen Prinzipien bedeuten. Die „krasseste Erkenntnis“, die ihr das Vanlife brachte, sei, „wie wahnsinnig viel Ressourcen man verballert“. Schon die 20, 30 Liter, die ihre Camping-Waschmaschine benötige, kommentiert sie mit „erschreckend!“ Für die Zeit auf ihrem Grundstück gelte: „Wenn ich Wasser holen will, muss ich rausgehen.“ Wie früher, als die Leute einen Brunnen auf dem Hof hinterm Haus hatten.

Macht das alles das Leben im Van komplizierter als das Leben in einer Wohnung? Nina zieht das Wort „anspruchsvoller“ vor. Etwa wenn es darum gehe, einen verdreckten Wasserschlauch aufzurollen, ohne nass zu werden. „Man spürt sich selber wieder mehr!“

Der Umzug aus ihrer letzten Wohnung in den Citroen-Kastenwagen war „ein Sprung ins Ungewisse“, wie sie sagt. Und es habe sie selbst erstaunt, dass sie nichts vermisse, denn sie habe vorher nie gecampt. „Meine Winterhöhle“, sagt sie zu ihrem Van, und dass sie „ein Höhlenmensch“ sei.

Das klingt sehr nach Zuhause, und deshalb werden ihr auch die langen, dunklen Abende nicht zu lang. Sie lese Bücher, repariere hier und da ein bisschen, sie nähe, sie sehe Filme – „was man in einer Wohnung auch macht“. Manchmal fahren sie spontan zu Freunden. Ihr Bett hat sie dann schon mit.

Sie denkt daran, das Leben im Van fortzusetzen, bis sie „nicht mehr Autofahren kann“. Ihre Zukunft sieht sie positiv, sie findet es gut, dass sie dort arbeiten kann, wo ihre Kunden sind. Und sie will anfangen, Dokumentarfilme und Reportagen zu machen, über Menschen, die etwas anders leben, auf einem Hofprojekt zum Beispiel. Und sie will mehr reisen. Wenn Barney, der immer noch unter dem Bett in seiner Höhle liegt, mal nicht mehr ist.

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