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Ein Ärzteteam steht um einen Patienten herum. Ein Arzt hält eine Narkosemaske in der Hand.

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Tagesspiegel Plus

Klimakiller Krankenhaus?: Was Kliniken tun, um ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern

Hoher Energieverbrauch, Müllberge und schädliche Narkosegase: Gesundheitseinrichtungen zählen zu den größten CO₂-Emittenten. Einige zeigen nun, wie es auch anders gehen kann.

Von Joachim Göres

Es wird immer heißer auf der Erde und der Gesundheitssektor spielt dabei eine bedeutende Rolle. In Deutschland zeichnet er für immerhin sechs Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase verantwortlich – damit liegen die Emissionen höher als im Flugverkehr.

Seit 2019 haben wir 68 Tonnen CO₂ eingespart.

Jessica Stange, Nachhaltigkeitsmanagerin der Sophienklinik Hannover

Verantwortlich dafür ist unter anderem die Herstellung von Medizinprodukten, aber auch der hohe Energieverbrauch im stationären und ambulanten Bereich. Hinzu kommen ein großes Müllaufkommen und klimaschädliche Narkosegase. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, die kürzlich auf einer Tagung der Landesvereinigung für Gesundheit in Hannover präsentiert wurde. Größter Verursacher sind dabei die Krankenhäuser. Die auf der Tagung vorgestellten Erfahrungen zeigen, was möglich ist – und wo die größten Probleme liegen.

Narkosegase werden aufgefangen und recycelt

Die 2017 in Hannover neu eröffnete Sophienklinik (117 Planbetten, 200 Festangestellte) etwa nutzt Erdwärme und betreibt eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Mithilfe der Digitalisierung hat sie den Papierverbrauch reduziert, ihren Patienten bietet die Klinik täglich und an einem Tag ausschließlich vegetarisches Essen an.

Sensoren registrieren außerdem für jedes Zimmer Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sauerstoffgehalt, um Überheizung zu verhindern. Statt Plastik- werden Glasflaschen verwendet und auch bei den Reinigungsmitteln wurde auf umweltfreundliche Produkte umgestellt. Das bei der Anästhesie eingesetzte Narkosegas wird aufgefangen und recycelt, damit es nicht die Umwelt belastet.

Für Mitarbeitende gibt es zudem günstiges Fahrradleasing, eine Station mit Luftpumpe und Werkzeug, auf dem Parkplatz befinden sich zwei E-Lade-Stationen. Rund um die Klinik wurde außerdem ein bienenfreundlicher Garten angelegt. Das Ergebnis lässt sich messen. „Seit 2019 haben wir 68 Tonnen CO₂ eingespart“, sagt Jessica Stange, Nachhaltigkeitsmanagerin der Sophienklinik. „Eine Photovoltaikanlage und LED-Beleuchtung sind geplant und sollen zu weiterer Absenkung führen.“

Die meisten Kliniken wissen nicht, wie viel CO₂ sie ausstoßen

Doch die Sophienklinik ist die Ausnahme – das zeigt auch eine erstmals auf der Tagung vorgestellte repräsentative Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI). Demnach wissen gerade einmal 21 Prozent der befragten 386 Kliniken (alle mit mehr als 100 Betten), wie hoch überhaupt ihre CO₂-Emissionen sind. Drei Hindernisse, die mehr Engagement für den Klimaschutz verhindern, werden dabei immer wieder genannt: zu wenig Personal, keine finanziellen Anreize und eine fehlende Klimaschutzstrategie.

164.000
Tonnen CO₂ hat die Medizinische Hochschule Hannover im Jahr 2022 ausgestoßen.

Die Medizinische Hochschule Hannover hat ihren ökologischen Fußabdruck errechnet – und der ist riesig. Im Jahr 2022 wurden sage und schreibe 164.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid ausgestoßen. 2008 lag dieser Wert sogar noch bei 185.000 Tonnen. Hinter der Reduktion steckt jedoch nicht nur der Wille, sich fürs Klima einzusetzen. „Vielfach hat der Kostendruck dazu geführt, dass sorgsamer mit Ressourcen umgegangen wird“, sagt André Rademacher, MHH-Beauftragter in Sachen Nachhaltigkeit.

Ärzte beobachten in Kliniken einen übermäßigen Materialverbrauch, zum Beispiel von Plastikhandschuhen.
Ärzte beobachten in Kliniken einen übermäßigen Materialverbrauch, zum Beispiel von Plastikhandschuhen.

© Fotolia

In der MHH arbeiten Vertreter verschiedener Abteilungen im sogenannten „green circle“ zusammen, um den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Im Zuge dessen wurde etwa das klimaschädliche Narkosegas Desfluran 2020 abgeschafft. Allerdings: Der Großteil der Treibhausgase – genauer gesagt 145.000 Tonnen – wird gar nicht direkt in der MHH verursacht, sondern entsteht durch Lieferketten, in erster Linie durch den Einkauf von Medizinprodukten und Medikamenten.

Ich war bislang an drei Krankenhäusern tätig, nirgendwo spielte das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle.

Moritz Völker, Notfallmediziner

„Es muss darum gehen, dass strengere Vorschriften bei ihrer Herstellung zu weniger Treibhausgasen führen“, sagt Dorothea Baltruks vom Berliner Centre for Planetary Health Policy, das zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen berät und forscht. Baltruks hofft, dass entsprechende EU-Pläne verabschiedet und umgesetzt werden. „Es ist nicht aufwändig, in Indien Filteranlagen für die Produktion von Medikamenten einzubauen“, sagt sie. Laut der DKI-Studie achtet derzeit nur jedes zehnte Krankenhaus beim Einkauf von Medizinprodukten darauf, inwieweit Nachhaltigkeit im Herstellungsprozess eine Rolle spielte.

Liefert das Gesundheitssystem die falschen Anreize beim Klimaschutz?

Moritz Völker, Notfallmediziner am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke in Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender von Junge Ärztinnen und Ärzte im Hartmannbund, lenkt den Blick noch auf einen anderen Aspekt, mit dem sich Ressourcen einsparen ließen. Ihm zufolge könnten in Deutschland pro Jahr 144.000 Todesfälle durch gesündere Ernährung vermieden werden. Weniger Fleisch, Alkohol und Zucker würden dazu beitragen, dass Menschen erst gar nicht ärztlich behandelt werden müssten. Mehr Prävention und ein Werbeverbot seien dringend nötig.

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Wenn Kliniken mit ihrem Einsatz für die Umwelt werben, macht das Völker allerdings skeptisch: „Ich war bislang an drei Krankenhäusern tätig, nirgendwo spielte das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle. Mülltrennung funktioniert dort nicht, das ist den meisten egal.“ Bei Medikamenten fehlten die Informationen über die Produktionsbedingungen, zudem hätten Ärzte nur selten die Wahl zwischen mehreren Arzneimitteln.

Im täglichen Klinikbetrieb beobachtet Völker einen übermäßigen Verbrauch von Material, zum Beispiel von Plastikhandschuhen, der aus medizinischer Sicht gar nicht nötig sei und zum Entstehen der Müllberge beitrage. Sein Fazit: „Das Gesundheitssystem liefert falsche Anreize – es werden oft aus wirtschaftlichen und nicht aus medizinischen Gründen Untersuchungen oder Krankenfahrten veranlasst, die die Umwelt belasten.“

Adrian Baumann, Arzt am Klinikum rechts der Isar der TU München, hat bereits 2020 in einem Aufsatz einen anderen kurzfristigen Ansatz für mehr Klimaschutz empfohlen. Zusammen mit weiteren Mitgliedern der AG Klimawandel der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin schreibt er: „Mit gemeinsam rund 450 Milliarden Euro Rücklagen verfügen die Ärztlichen Versorgungswerke sowie die Privaten Krankenkassen in Deutschland über einen der größten Hebel, klimafreundlich und zukunftssicher zu investieren.“

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