70 Jahre Zeitschrift "Sinn und Form" : Vom Bestellen des Feldes

Seit 70 Jahren ist die „Sinn und Form“ unverwechselbares Organ der literarischen Welt. Die Zeitschriftenkolumne.

Gründungschefredakteur. Der Dichter Peter Huchel.
Gründungschefredakteur. Der Dichter Peter Huchel.Foto: Promo Huchel-Haus

Waren es nicht gerade erst fünf Jahrzehnte, die „Sinn und Form“ als unverwechselbares Organ der literarischen Welt feiern konnte? Damals, im Januar 1999, stand die Zeitschrift noch ganz unter dem Eindruck eines mit der Wende unwiderruflich vollzogenen Epochenbruchs, der sich in der Perestroika-Ära auch redaktionsintern angedeutet hatte. Im Vorwort zu „Stimme und Spiegel“, einer im Aufbau Verlag erschienenen Anthologie mit herausragenden Texten aus einem halben Jahrhundert, sprach ihr damaliger Chefredakteur Sebastian Kleinschmidt vom Verlust eines „Universums der Daseinsgewissheit“ und der Öffnung zu einer Autorschaft, die weder „im Banne noch im Schutze einer alleinigen Lehre“ steht. Zugleich war ihm mulmig angesichts eines sich ungehemmt ausbreitenden „Agnostizismus des Sinns“. Inmitten historisch wechselnder Bewusstseinslagen stellt er die Kontinuität in Frage, die der Dichter Peter Huchel als erster Chefredakteur bis zu seiner vom DDR-Staat erzwungenen Demission 1962 begründet hatte: „das in gewissem Sinne Unpolitische, Distanzierte, Erlesene, die Balance zwischen Gedicht und Gedanken, der Ernst“.

Zum Erscheinen des Hefts, mit dem „Sinn und Form“ nun sein 71. Jahr beginnt(1/2019, 11 €, sinn-und-form.de), lässt sich längst ein neuer Bruch diagnostizieren – nur dass er eher den Charakter einer massiven tektonischen Verschiebung hat. „Das Abenteuer des Lesens“, wie die Jubiläumsveranstaltung mit dem jetzigen Chefredakteur Matthias Weichelt sowie Georg Klein, Sibylle Lewitscharoff, Dénes Krusovszky, Cécile Wajsbrot und anderen heißt (Di 15.1., Akademie der Künste, Pariser Platz, 19 Uhr), ist gegenüber anderen Welterschließungsmethoden ins Hintertreffen geraten.

Symbolisches Kapital im Sozialismus

Der deutsche Literaturwissenschaftler Matthias Braun und das britische Germanistenpaar Stephen Parker und Matthew Philpotts, haben die Rolle der Zeitschrift in der Vergangenheit mit unterschiedlichen Akzenten untersucht. Braun 2004 offensiv politisch unter Verweis auf ein „ungeliebtes Aushängeschild der SED“; Parker/Philpotts 2009 in ihrer „Anatomy of a Literary Journal“ unter kräftiger Zuhilfenahme von Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes. Fraglich ist allerdings, ob man in einer sozialistischen Gesellschaft „symbolisches Kapital“ erwirtschaften kann, wie es dem französischen Soziologen vorschwebte.

Wie immer man das Feld für „Sinn und Form“ heute abstecken will: Der Systemwechsel, der von der Trägerschaft der Ostberliner Akademie der Wissenschaften zur gesamtdeutschen Akademie der Künste führte, hat vielleicht den politisch bedingten Nimbus beeinträchtigt, das Profil in der rundherum wuchernden Beliebigkeit aber geschärft. Kaum eine andere deutsche Zeitschrift von Rang musste sich weniger von Grund auf erneuern und hat dennoch glücklich einen Generationswechsel vollzogen.

Es mag Zufall sein, dass die stille Sensation des Jubiläumshefts nun der Text eines Schriftstellers ist, der mit einer „Rede über das Jahrhundert“ schon die Anthologie „Stimme und Spiegel“ eröffnete. In Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1959 bis 1962 schildert Imre Kertész in gewohnt luzider Prosa die Qualen, unter denen er sich seinem 1975 erstmals erschienenem „Roman eines Schicksallosen“ näherte. Es ist aber auch ein Zeichen für die Haltbarkeit eines Schreibens, das seine intellektuelle Verantwortung in einer Vermittlung von Ethischem und Ästhetischem sucht: Geschichtlich war für Kertész die ultimative Herausforderung Auschwitz war, biografisch die Rettung der eigenen Haut.

Der Bogen rundet sich in einem Gespräch mit Georg Stefan Troller. Daneben entstehen neue europäische Nachbarschaften, wenn der Pole Adam Zagajewski den Schweden Tomas Tranströmer darum beneidet, ohne Not zu ideologischem Widerspruch geschrieben zu haben, oder wenn die Meisterstilisten Julien Gracq und Georg Klein aufeinandertreffen. Wolfgang Hilbig ist als Briefeschreiber dabei und Daniel Kehlmann als Verehrer von Franz Werfel. Wer dies – und noch viel mehr – nicht als Einladung zu einem Abenteuer begreifen kann, ist für die Literatur wohl generell verloren.

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