Vom Kulturpessimismus zur Demokratieverachtung der Neuen Rechten.

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Akif Pirinçcis Hass-Buch "Deutschland von Sinnen" : Der Pöbler und die Neue Rechte
Bekannt wurde Pirinccis eigentlich als Katzenkrimiautor.
Bekannt wurde Pirinccis eigentlich als Katzenkrimiautor.Foto: Ulf Andersen

Die Bereitschaft, sich Sündenböcke zu basteln, teilt der Autor mit seinem Publikum. Dessen Kommentare aber liefern den von Pirinçci gescholtenen Soziologen so kostbares Studienmaterial über die Ressentiments von Zeitgenossen. Rasch alles kopieren, das sind Quellen. Caroline Fetscher.

"Der Wohlfahrtsstaat hat uns in die Zange genommen.“ „Feminismus ist eine tropfende Hassreligion, ein totalitärer Umbau der Normalität.“ Die „auszehrende Monotonie des westlichen Diskurses“ führt zu einem „Dasein ohne Herkunft, Heimat, Nachkommenschaft und Transzendenz“.

Empörung und Resignation mischt sich in diesen Stoßseufzern über eine Welt, die sich im ewigen Umbruch befindet. Ist es nicht eigentlich schon zu spät für den Protest, die Schlacht bereits verloren? Die geharnischte Kulturkritik entstammt drei aktuellen Neuerscheinungen aus der „Edition Sonderwege“, in der auch Akif Pirinçcis Bestseller „Deutschland von Sinnen“ herausgekommen ist. Die zwei Dutzend Autoren der zum Manuscriptum-Verlag gehörenden Edition sind ausschließlich Männer – ältere, verbittert bis weinerlich wirkende Männer, deren Wut sich gegen die immergleichen Gegner wendet: die Emanzipation der Frauen, die Moderne, den Westen.

Auffällig: Viele Autoren haben das politische Lager gewechselt

Unter den Sonderwege-Autoren haben auffallend viele das politische Lager gewechselt. Der Kabarettist, Alt-Hippie und Liedermacher Bernhard Lassahn, der nun gegen die Homosexuellen-Ehe und den „Krieg gegen den Mann“ agitiert, hat früher für den Diogenes-Verlag humoristische Unterhaltungsromane aus dem WG-Milieu der achtziger Jahre geschrieben. Frank Böckelmann, Verfasser des Verwestlichungs-kritischen Pamphlets „Jargon der Weltoffenheit“, hat als SDS-Funktionär begonnen und beteiligte sich mit Rudi Dutschke und Dieter Kunzelmann an der „Subversiven Aktion“. Und der emeritierte Soziologieprofessor Gerhard Amendt gehörte zu den Gründern des ersten Bremer Frauenhauses und polemisiert jetzt gegen „Frauenquoten – Quotenfrauen“.

Auch der Besitzer des im westfälischen Städtchen Waltrop ansässigen Verlags ist ein ideologischer Renegat. Thomas Hoof, 1948 im Münsterland geboren, war Geschäftsführer der nordrhein-westfälischen Grünen, bevor er aus der Partei austrat, weil sie ihm „zu links“ geworden war. Dann gründete der gelernte Buchhändler die Firma Manufactum, einen Kaufhaus- und Versandhandel für exklusive, oft handgefertigte Gebrauchsgegenstände, den er 2007 für geschätzte 20 Millionen Euro an die Otto-Gruppe verkaufte. Seitdem vereint er in der Thomas-Hoof-Gruppe unter anderem einen schleswig-holsteinischen Bio-Hof, Forstwirtschaften im Ruhrgebiet und in Holstein sowie einen Hersteller von Wärmespeicheröfen. Alle Produkte sind, das versteht sich von selbst, langlebig und etwas teurer.

Verleger verteidigt Pirinçcis Verbalausbruch als "Ton der Wut und des Zorns"

Thomas Hoof ist ein reicher Mann, aber angetrieben wird er offenbar von der Wut: „Ich ertrage Fernsehen und Zeitungen einfach nicht mehr wegen des völlig monotonen, volkserzieherischen, indoktrinierenden Curriculums, das da abgespult wird“, sagte er 2011 in einem Interview. Das ist eleganter formuliert, unterscheidet sich aber kaum von dem Furor, mit dem sein Autor Akif Pirinçci gegen die „rot-grün-versifften“ Medien wettert. Dessen pöbelnde, verwahrloste Sprache verteidigt der Verleger als „Ton der Wut und des Zorns, ohne Sondierungen, einschränkende Rückversicherungen und ironische Bemäntelung – das ist Bukowski-Sound, Çeline-Gepöbel, ein Wutanfall im Straßenjargon.“

Der Übergang vom Kulturpessimismus, dem viele Autoren der Manuscriptum-Verlagsgruppe anhängen, zur schneidigen Demokratieverachtung der Neuen Rechten ist fließend. Pirinçcis Verlagsleiter in der Edition Sonderwege sind André F. Lichtschlag, der das libertäre, gegen den Sozialstaat gerichtete Magazin „Eigentümlich Frei“ herausgibt, und Andreas Lombard, der „den täglich eskalierenden Kampf um Abtreibung, Einwanderung, Homosexuellenrechte, Genderismus, Feminismus“ beklagt. Ihnen wurde von der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ der Gerhard-Löwenthal-Preis verliehen.

„Es gibt sie noch, die guten Dinge“, lautet das Firmenmotto von Manufactum. Eine Formel, die Akif Pirinçci wohl kaum unterschreiben würde. Denn sein „Deutschland von Sinnen“ ist ein Gemeinwesen am Abgrund, in dem nichts mehr gut ist und das beherrscht wird von irren Frauenbeauftragten, unverschämten Homosexuellen und kriminellen Zuwanderern. Manufactum will übrigens nichts mehr zu tun haben mit seinem Gründer und distanziert sich von dessen Verlag.

Soeben ist in dem Band "Sprache - Macht - Rassismus" (Metropol Verlag, Berlin) eine ausführliche Analyse des Sprachgebrauchs von Akif Pirincci erschienen. Die Autoren Agniezska Satola und Joachim Spanger entschlüsseln in ihrem Aufsatz "Die Sprache des antimuslimischen Rassismus im Netz" einen Text, den Pirincci im März 2013 auf dem Blog "Die Achse des Guten" veröffentlicht hatte. Unter dem Titel "Das Schlachten hat begonnen" beschwor Pirincci einen bevorstehenden "Genozid" an den Deutschen durch gewalttätige, muslimische Jugendliche herauf. Wie in seinem aktuellen Buch berief sich der Autor darauf, dass "die Wahrheit" über diese aufziehende Gefahr von den Medien absichtlich verschwiegen werde. Die sprachliche Analyse führt den manipulativen und ideologischen Duktus von Pirincci klar vor Augen.  

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