„All My Loving“ mit Lars Eidinger : Morgen Barcelona

Panikattacken, Versagensängste - und all die anderen Baustellen des Lebens: Edward Bergers grandios besetztes Geschwisterdrama "All My Loving" führt tief in deutsche Seelenlandschaften.

Zweite Pubertät. Tobias (Hans Löw) betrinkt sich.
Zweite Pubertät. Tobias (Hans Löw) betrinkt sich.Foto: Jens Harant/Port au Prince

Ein Hotel in einer deutschen Großstadt, vielleicht Berlin, vielleicht Köln, vielleicht Stuttgart. An der Bar hockt ein Mann, der eine Pilotenuniform trägt und an seinem Wodka auf Eis nippt. Dann blickt er zur Seite, zu einer Frau, die gerade hereingekommen sein muss. Sie ist nicht zu sehen, nur zu hören. „Stopp“, sagt sie. „Wie denn?!“, fragt er. „Einfach weggucken“, entgegnet sie genervt. „Geht nicht“, strahlt er und setzt sich zu der ziemlich jungen, ziemlich attraktiven Frau. Er ist Kapitän bei einer großen Fluggesellschaft und nur für eine Nacht in dieser Stadt, in diesem Hotel. „Und morgen?“, will sie wissen. „Morgen Barcelona.“ Es folgt ein eiliger, trostloser One-Night-Stand.

Stefan, der Pilot, ist eines von drei Geschwistern, die Edward Bergers Drama „All My Loving“ für ein paar Tage durchs Leben begleitet. Am Anfang treffen sie sich in einem Restaurant. Tobias (Hans Löw) wird weder mit seiner Diplomarbeit noch mit dem Haus fertig, in dem er schon seit längerer Zeit mit Frau und drei Kindern wohnt. Sein Leben ist eine ewige Baustelle. Julia (Nele Mueller-Stöfen, die wie schon beim Vorgängerfilm „Jack“ das Drehbuch mit Berger geschrieben hat) rauscht nur kurz rein und dann gleich wieder raus. Keiner kriegt sie zu fassen. Und Stefan (Lars Eidinger) kann es nicht lassen, mit seiner Weltläufigkeit zu prahlen. Als der Kellner die Weinkarte bringt, fachsimpelt er: „Könnt ihr alles nehmen, ist alles gut.“

In Wirklichkeit ist gar nichts gut, schon gar nicht bei ihm. Stefan, den Eidinger in einer großartigen Mischung aus Zwanghaftigkeit und Verzweiflung spielt, trägt seine Uniform nur noch, um Frauen zu beeindrucken. Ins Cockpit darf er nicht mehr, seit er einen Hörsturz erlitten hat. Immer wieder strecken ihn Panikattacken nieder. Dann wird das Pfeifen im Ohr unerträglich, das Herz rast. Der Blender hat seinen Gleichgewichtssinn verloren, er taumelt buchstäblich durch die Welt, macht aber weiter, als wäre nichts passiert. Gleitet in seinem Porsche durch die nächtliche Großstadt, immer auf der Suche nach dem nächsten Flirt, dem nächsten Sex. Wenn er dann doch mal einer Frau von seiner Angst erzählt, will sie davon nichts hören: „Ich hab jetzt keine Lust auf so was.“

„All My Loving“, bis in die kleinsten Rollen grandios besetzt, besteht aus vielen solcher kammerspielartigen Szenen, in denen die Figuren treffsicher aneinander vorbeireden. Angeknackst sind sie alle, was manchmal tragisch, manchmal auch slapstickhaft komisch wirkt. Julia kann mit Menschen nichts anfangen, sie ist verrückt nach Hunden. Als sie mit ihrem Mann Christian (Godehard Giese) für ein Wochenende nach Turin fliegt, päppelt sie einen Straßenköter auf, der überfahren wurde. Die Liebe zum Tier soll einen Schmerz mildern, den sie nicht mehr loswird. Was denn ihr Sohn mache, fragt ein Freund, den sie in Italien zufällig wiedergetroffen haben. Der Sohn ist tot, das ist der Riss, der durch die Frau und durch die ganze Familie geht. „Christian redet nicht gern darüber, weil er nicht weiß, ob ich das aushalte“, erzählt sie und wird immer leiser. Kann man das aushalten, eine solche Vergangenheit?

Edward Berger beweist sich als dramaturgischer Feinmechaniker

Edward Berger, der für „Jack“, sein Porträt eines verwahrlosten Großstadtjungen, bei der Berlinale 2014 gefeiert wurde und danach die Serien „Deutschland 83“ und „Patrick Melrose“ drehte, ist ein dramaturgischer Feinmechaniker. „All My Loving“, in drei lange, jeweils einem Protagonisten gewidmete Kapitel unterteilt, führt tief hinein in deutsche Seelenlandschaften. Im Fall von Tobias ist das mit einer Reise tief in den Westen der Republik verbunden, zu den gebrechlichen Eltern (Manfred Zapatka und Christine Schorn) und ihrem Bungalow, einem maroden Denkmal des Mittelklassewohlstands der Nachkriegsjahre.

Dort wird gebohrt und gehämmert, ein osteuropäischer Bautrupp verlegt schrillfarbige Fliesen, weil die Mutter das „jetzt mal so möchte“. Nur passt die Badewanne nachher nicht hinein. Und der Vater, ein knurriger Patriarch, stürzt beim Versuch, das Vogelhäuschen umzuhängen, von der Leiter. Tobias will ihn ins Krankenhaus bringen, doch der Alte lehnt die Hilfe kategorisch ab: „Du kriegst dein Leben nicht auf die Reihe, tauchst alle zwei Jahre hier auf und willst mir Ratschläge geben.“ Eine Demütigung, aus welcher der Sohn in die pubertären Trinkspiele der Ortsdiskothek flüchtet. Wahrscheinlich lieben diese Leute einander wirklich, wie es der einem Beatles-Song entlehnte Filmtitel suggeriert. Zeigen können sie es nicht.

In acht Berliner Kinos

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