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Renaud Capucon begeisterte mit seinem Spiel das Publikum ebenso wie die Orchestermitglieder
© Guido Werner

European Union Youth Orchestra: Alles Walzer oder was?

Bei Young Euro Classic tritt das European Union Youth Orchestra mit dem Geiger Renaud Capucon und dem Dirigenten Gustavo Gimeno auf.

Was soll man zu diesem Konzert sagen? Die Leute im fast ausverkauften Konzerthaus sind begeistert, sie jubeln und johlen. Und auch das Orchester applaudiert, seinem Dirigenten Gustavo Gimeno sowie dem Solisten des Abends, Renaud Capucon, für den die jungen Musikerinnen und Musiker sogar in rhythmisches Stampfen verfallen.

Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr mit uns in die Zukunft schaut!, könnte das Motto des European Union Youth Orchestra lauten. Tatsächlich aber trägt die diesjährige Sommertournee den Titel „Peace in Europe“ – und vor dem Auftritt beim Young Euro Classic-Festival gibt es eine solidarische Schweigeminute.

Der erste Konzertteil hat elegischen Charakter, nach einem tonmalerischen Frühwerk von Igor Strawinsky, genannt „Der Bienenflug“ spielt der Violinvirtuose Renaud Capucon zwei Werke aus seiner französischen Heimat, Ernest Chaussons „Poème“ sowie die „Havanaise“ von Camille Saint-Saens. Capucon schwelgt, lässt sein Instrument singen, mit der träumerischen Emphase eines verliebten Jünglings, zuckersüß in den höchsten Höhen. Und als Zugabe setzt er noch eins drauf in Sachen Schwärmerei, spielt Jules Massenets „Méditation“, raumgreifend gefühlvoll, aber nicht schnulzig.

Das Berliner Konzerthaus ist ein prächtiger Veranstaltungsort
Das Berliner Konzerthaus ist ein prächtiger Veranstaltungsort
© Guido Werner

Stilistisch monothematisch geht es auch im zweiten Teil weiter, mit noch mehr Romantik, diesmal im Walzertakt. Rätselhaft, warum Dirigent Gustavo Gimeno für die Jugendlichen so gar nichts zum Zupacken ausgewählt hat, robuste Partituren, bei denen sie ihrem hinreißenden Enthusiasmus, ihrer überschäumenden Lebensenergie freien Lauf lassen könnten. Sowohl die „Rosenkavalier“-Suite von Richard Strauss als auch Maurice Ravels „La Valse“ sind Reife- Leute-Musik, Stücke, in denen es um Melancholie und verklärte Erinnerungen geht, um Rückschau auf vermeintlich bessere Tage.

Beide Werke entfalten ihren unendlich raffinierten Zauber, wenn sie von den allerbesten Orchestern gespielt werden, unter der Leitung von Dirigent:innen, die feinste Antennen haben für Zwischentöne, Subtexte und Metaebenen. Von den Heranwachsenden kann das niemand erwarten, und so gelingen zwar die Dreivierteltakt-Passagen tollkühn tänzerisch, dazwischen aber, wenn kunstvolle Schattierungen und klangfarbliche Nuancen gefragt wären, werden im allgemeinen Furor die tollen Details der Instrumentationsmeister Strauss und Ravel weitgehend plattgewalzt. Gustavo Gimeno koordiniert das Getümmel technisch, mehr aber auch nicht.

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