Andres Veiel am DT : Meine Insel, mein Staat

Was bringt die Zukunft? Andres Veiels Rechercheprojekt „Let Them Eat Money“ am Deutschen Theater Berlin.

Faktenakrobatik. Szene mit Susanne-Marie Wrage und Paul Grill.
Faktenakrobatik. Szene mit Susanne-Marie Wrage und Paul Grill.

Selten werden Theaterabende so gründlich vorbereitet wie Andres Veiels „Let Them Eat Money“ im Deutschen Theater Berlin. „Welche Zukunft?!“ heißt die Aufführung im Untertitel. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie die Frage, wie es weitergeht mit Europa und der Welt, nicht einfach ahnungsfrei-spekulativ in den Raum wirft. Veiel hat sie im Vorfeld tatsächlich kundigen Zeitgenossen gestellt: mit großer Ernsthaftigkeit und dem sympathischen Anspruch, „auf möglichst hohem Niveau auch eigene Haltungen und Überzeugungen“ zu erfragen.

Der Dokumentarfilmregisseur, der auch immer wieder fürs Theater arbeitet, ist ja quasi von Berufs wegen krisenerprobt. Für sein vor sechs Jahren uraufgeführtes Stück „Das Himbeerreich“ interviewte er hochrangige Banker zur Finanzkrise anno 2008. Jetzt, zehn Jahre später, erklärt Veiel, habe er sich gefragt: „Warum eigentlich immer zurückgucken?“ Und behauptet nun auf der Bühne ein Krisenszenario anno 2028, um gleichsam aus der Zukunft heraus den Punkt anzuvisieren, an dem man individuelle Verantwortung noch festmachen kann, die sich zusehends zwischen selbst lernenden Algorithmen aufzulösen scheint.

Veiel und seine Co-Autorin Jutta Doberstein haben im September 2017 internationale Wissenschaftler eingeladen, in Workshops mit interessierten Bürgern am DT fiktive, aber faktengestützte Zukunftsszenarien zu entwickeln. Einige Monate später folgte in einem zweiten Schritt ein vom Humboldt Forum durchgeführtes Vertiefungssymposium. Es muss während dieser Phase hoch hergegangen sein. Ob wir nach einer potenziellen Krise überhaupt zu nationalen Organisationsformen zurückkehren würden oder längst transnational organisiert sind: Solche Fragen seien heiß diskutiert worden, so Veiel. Nicht nur eingeladene Vertreter aus dem Silicon Valley belächelten den Staat als „Altherrenmodell“. Die Alternative, die auch im Theaterstück eine zentrale Rolle spielt: Künstliche Inseln mit je eigenen Verfassungen. Der Staat praktisch als Geschäftsmodell: Wenn das Angebot nicht attraktiv ist, findet es keine Follower, basta.

Wie kommt Leben in den Stoff?

Man kann sich gut vorstellen, wie die Köpfe in diesen Labors geglüht haben. Im Deutschen Theater kam nun eben Projektphase drei, das Bühnenstück, dazu. Und somit, in Veiels Worten, die Herausforderung, den Stoff „mit Leben zu füllen“, damit die Figuren „nicht nur als Thesenträger über die Bühne gehen“." Genau hier hat „Let Them Eat Money“ leider ein Problem.

Das Setting: eine Verhörsituation anno 2028 mit entsprechend futuristischer Anmutung. Vom Schnürboden herab hängen lauter Schlingen (Bühne: Julia Kaschlinski), in denen die Akteure buchstäbliche Faktenakrobatik betreiben oder sich gelegentlich auch etwas hölzern zu kleinen Intimitäten annähern. Ins bildliche Schlingern ist die EU – so in Kürze der Plot – vornehmlich durch Italiens Austritt anno 2023 geraten. Wobei, traurige Ironie, ausgerechnet das eigentlich gut gemeinte „bedingungslose Grundeinkommen“ krisenverschärfend wirkte.

Die Netzgemeinde stimmt ab

Im Resultat funktioniert nun praktisch nichts mehr, so dass in Ermangelung entsprechender (staatlicher) Instanzen die besagten Köpfe der Oppositionsbewegung „Let Them Eat Money“ die mutmaßlichen Krisenverantwortlichen kurzerhand entführen, um sie in einem ranschmeißerischen Doku-Show-Livestream-Format entsprechenden Befragungen zu unterziehen. Von der EU-Kommissarin Franca Roloeg (Susanne-Marie Wrage) über den „Investor und Technologie-Pionier“ mit Elon-Musk-Anleihen (Frank Seppeler) bis zum EZB-Präsidenten und Goldanzugträger Frerich Konnst (Jörg Pose): Am Ende darf die Netzgemeinde über deren Schicksal abstimmen.

Zwar versucht Andres Veiel als Regisseur des Textes den Abend aufzulockern. Aber trotz futuristischer Details wie der unserer handelsüblichen Siri mit Siebenmeilenstiefeln entwachsenen künstlichen (Sprach-)Intelligenz, die sich gern mal mit Vorsatz blamiert, bleibt der Abend papieren. Hinzu kommt, dass die Schauspieler auf der Suche nach Rollenfutter zur Vereindeutigung neigen, was der Absicht, keine Figur vorschnell zu denunzieren und jede mit mindestens einem plausiblen Argument auszustatten, nicht zuträglich ist. Aber der Theaterabend ist ja erst der dritte Akt. Im Frühjahr 2020 gibt’s zusammen mit dem Humboldt Forum noch eine Abschlusskonferenz zu drängenden Zukunftsfragen.

Wieder am 3., 9., 13. und 27. Oktober

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