Ausstellung von Andreas Greiner : Zurück in das Dunkel der Ozeane

Lebende Skulpturen: Andreas Greiner beschäftigt sich in der Galerie Dittrich & Schlechtriem mit Algen.

Feuchte Räume. Blick in die Ausstellung mit Glasaquarien, in denen biolumineszente Einzeller auf die Umgebung reagieren.
Feuchte Räume. Blick in die Ausstellung mit Glasaquarien, in denen biolumineszente Einzeller auf die Umgebung reagieren.Foto: Jens Ziehe

Das Summen wird lauter, intensiver. Man steht in der Galerie Dittrich & Schlechtriem und spürt die Vibration bis ins Brustbein, in die Magengrube. Dann: Stimmen, vier insgesamt. Sie nehmen einen mit auf eine mystische Reise, eine Art umgekehrte Evolution: die Entwicklung des Menschen zurück zu den Tiefen, aus denen Leben entsprang, in das Dunkel der Ozeane, zurück zu Algen, zum Einzeller.

Das Summen, die verschiedenen Frequenzen, das kunstvolle Zwischenspiel der Stimmen in einer Art von epischem Sound-Gedicht, die den wissenschaftlichen Begriffen ein seltsames, aber doch passendes Pathos verleihen – all diese Eindrücke verdichten sich mit steigender Intensität der Geräusche und dem abnehmenden Licht des Raumes. Die hochauflösenden Fotografien an den Wänden versinken in Schatten, nur die Schemen der stark vergrößerten Aufnahmen von Algen, Krebs- und Hybridzellen sind zu erkennen. Dann, einem Paukenschlag gleich, völlige Dunkelheit. Das Summen dröhnt in den Ohren. Und plötzlich sieht man sie in dem rechteckigen, mit Meerwasser gefüllten Aquarium in der Mitte des Raumes: kleine, zitternde, leuchtende Punkte, Formen, die im Rhythmus der Musik zu schwingen und hüpfen scheinen. Es handelt sich bei den flirrenden Lichtern um biolumineszente Algen, genauer gesagt um Dinoflagellaten. Sie sind das Herzstück der Ausstellung und Bestandteil der Coproduktion der Installation „The Molecular Ordering of Computational Plants“ in Kooperation mit dem Komponisten Tyler Friedman.

Greiner ist Meisterschüler von Olafur Eliasson

Nichts sonst ist mehr zu erkennen. Die flirrenden Algen haben eine nahezu hypnotische Wirkung, ihre unregelmäßigen Bewegungen scheinen wie ein intergalaktischer Sternentanz, irgendwo in den Tiefen der Meere, in der tintenschwarzen Höhle, aus der das Leben entstand.

Wenn man Andreas Greiners Ausstellung „Hybrid Matter“ (Preise: 2975– 40 000 Euro), die erste Soloschau in der Galerie, verlässt, fühlt man sich benommen, zeitverzögert. Der ehemalige Medizinstudent, der 2016 mit dem Gasag-Kunstpreis ausgezeichnet wurde, dürfte zufrieden sein: Als Meisterschüler von Olafur Eliasson hat er sich dem verschrieben, was er „lebendige Skulpturen“ nennt. Die Grenzen zwischen Kunst, Kultur und Technik verschwimmen und kreieren ein neues, hybrides Konstrukt, das fremdartig und faszinierend wirkt. Dabei sind Musik und Text aus Friedmans Feder unabdingbar. In bis zu 10 000-facher Vergrößerung wird das Foto zum Porträt eines Zellhaufens – sei es von Darmkrebszellen oder genetisch verändertem Material. An den Wänden hängen Momentaufnahmen, starr und ätherisch, während in der Mitte des Raumes und an einer Wand das Leben in einem Glasaquarium und in Glasröhren flimmert.

Die Zukunft der Menschheit liegt im Dunkeln

Greiners Motive sind allerdings zum Zeitpunkt, in dem sie als Fotografie verewigt werden, bereits tot: Die sogenannten Syn3.0-Zellen, die das J. Craig Venter Institute aus Rockville, Maryland, zur Verfügung stellte, unterliegen strengen Regulierungen. Greiner stößt an die Grenzen des menschlichen Empathievermögens, wenn er versucht, einer Krebszelle die Würde eines Lebewesens zurückzugeben. Kategorien von Gut und Böse werden nicht durch das menschliche Auge gesehen, sondern aus der Sicht des Organismus: Ihre Aufgabe erfüllt eine Krebszelle, wenn sie sich möglichst häufig vermehrt. Und so fühlt es sich in diesen Minuten, in denen die Algen vor einem umherflitzen, während nur die Schemen der porträtierten toten Mikroorganismen zu erahnen sind und Friedmans Summen durch den ganzen Körper dröhnt, an, als wäre man am Scheitelpunkt zwischen Sein und Nicht-Sein, Leben und Sterben, Anfang und Ende angekommen.

In Zeiten von immer weiter entwickelter künstlicher Intelligenz geht Wissenschaftlern auf, dass die Zukunft der Menschheit wohl eines Tages nicht mehr von Menschen geprägt sein wird, wie es beispielsweise Yuval Harari beschreibt. Bevor der Besucher die Ausstellung betritt, begrüßt ihn ein Schaukasten mit dem Titel „Edit Yourself“ und einem „Genome Engineering“-Kit. Der Mensch, der am Leben selbst arbeitet, es formt und manipuliert, das ist der Ausgangspunkt jener Re-Evolution, auf die Greiner den Betrachter mitnimmt. Zellhaufen werden zu Landschaften, dann zu Porträts. Was ist Leben? Darauf finden wir keine genaue Antwort, und doch gibt der Titel einer mikroskopischen Fotografie einer Alge einen Hinweis: „What had been humanity“. Greiners Zukunft der Menschheit liegt am Ende ganz buchstäblich im Dunkeln – und hat in ihrem Untergang eine furchtbare Schönheit inne.

Galerie Dittrich & Schlechtriem, Linienstr. 23; bis 23. 6. Di–Sa 11–18 Uhr

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