Autorentheatertage 2019 : Wo sind bloß die Narrative hin?

Drei Uraufführungen druckfrischer Texte an einem Abend: Die „Lange Nacht der Autor*innen" am Deutschen Theater Berlin.

In den Seilen hängen. Szene aus "ruhig Blut" von Eleonore Khuen-Belasi.
In den Seilen hängen. Szene aus "ruhig Blut" von Eleonore Khuen-Belasi.Foto: Lupi Spuma

Irgendwann hüpft Hannah (Hanna Eichel) mit einem überlebensgroßen Rucksack über die Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Klar: Die junge Frau verfügt nicht nur über eine bewegte Vergangenheit als Rucksacktouristin, sondern trägt auch schwer an der Gegenwart. Sie wurde verurteilt, weil sie die neue Frau ihres Ex-Lovers lebensgefährlich verletzt und deren Kinder getötet haben soll.

Was allerdings im Gegensatz zum Riesenrucksack nicht so recht zur Schicksalslast passen will, ist die fast schon debile Fröhlichkeit, mit der der Regisseur Peter Kastenmüller diese Figur ausgestattet hat. Aber letztlich erweist sich die Frage, wieso die auf dünner Indiziengrundlage verurteilte Frau ihre Story mit diesem Grinse-Pokerface vortragen muss, auch gar nicht als zielführend. Denn Kastenmüllers Inszenierung vervielfacht lediglich mit Bühnenmitteln, was der Stücktext selbst praktiziert: Lisa Danulats „Entschuldigung“ – eine Art rückblickende Lebensgeschichten-Entrollung zweier Frauen, die sich mit Schuldfragen beschäftigen müssen – gibt sich ostentativ verrätselt.

Die zweite Frau, Ingrid (Martin Butzke), beging Suizid und hat mit Hannah offenbar nichts zu tun – sieht man einmal davon ab, dass beide sich immer mal wieder an das Geräusch von „Flipflops“ erinnern. Bei der einen „flippen“ sie durch die Empfangshalle eines Hostels, bei der anderen „floppen“ sie zum Kühlschrank. Bei der einen sind es die Flipflops des designierten Lovers, die „flippen“, bei der anderen die des unachtsamen Sohnes, die „floppen“. An diesem Punkt, wo die Geschichte bestenfalls anfangen könnte, ist sie auch schon zu Ende. Die Engführung zweier Lebensgeschichten bleibt pure Oberfläche, die Schuld-Thematik Behauptung, der collagehafte Stil Relevanz-Lifting.

Die Jury wird schon das Tragfähigste ausgesucht haben

Danulats Text ist der erste von drei Beiträgen zur „Langen Nacht der Autor*innen“ am Deutschen Theater Berlin, mit der jahraus, jahrein die Autorentheatertage enden. DT-Chef Ulrich Khuon hatte das Gegenwartsdramatikfestival schon lange vor seinem Berliner Amtsantritt aus der Taufe gehoben; das Procedere wurde im Laufe der Zeit mehrfach modifiziert. Aktuell präsentiert die „Lange Nacht“ als Schlusspunkt einer Gastspiel-Reihe mit Gegenwartsstücken drei Uraufführungen druckfrischer, von einer Jury ausgewählter Texte.

Das DT kooperiert dafür mit dem Schauspielhaus Graz und dem Neumarkt-Theater Zürich: Jedes Haus übernimmt eine Inszenierung, die dann an den jeweiligen Bühnen ins Repertoire wandert. Und während die Auswahljury – dieses Mal die Kulturjournalistin Esther Boldt, die Filmregisseurin Valeska Grisebach und die Schauspielerin Steffi Kühnert – jährlich wechselt, bleibt der Tenor in den Pausenfoyers mehr oder weniger gleich: Die Jury wird schon das Tragfähigste aus den (aktuell 113) Einsendungen ausgesucht haben.

Plaudern über Grenzziehungen und andere Dinge

Die Regisseurinnen und Regisseure versuchen dann häufig ihrerseits, die Textleerstellen mit Ausstattungsopulenz zu überspielen. Peter Kastenmüller lässt die Figuren seiner Lisa-Danulat-Inszenierung fürs Zürcher Neumarkt-Theater unglücklich durch einen Böse-Märchen-Wald mit ausgestopften Tieren (Bühne: Alexander Wolf) irrlichtern. Da wird bei Clara Weyde, der Regisseurin des Grazer Beitrags, wesentlich erfolgreicher in den Seilen gehangen. Die Bühnenbildnerin Thea Hoffmann-Axthelm hat den drei Frauen, die in Eleonore Khuen-Belasis Stück „ruhig blut“ in Plastikstühlen am Straßenrand sitzen und über Asphalt-Ausbesserungsarbeiten, Grenzziehungen und andere Dinge des aktuellen Gesellschaftslebens plaudern, ein riesiges Netz übers Szenario gespannt. Das passt insofern gut, als hier intendiertermaßen abendfüllend auf Metaebenen ausgerutscht wird, bis der personifizierte Asphalt es satt hat, nur Objekt des Diskurses zu sein, und sich selbst zu Wort meldet: „Wo ist mein Narrativ?“ Berechtigte Frage.

Ganz anders, nämlich geradezu minimalistisch ist dagegen der dritte, der DT-Beitrag zur „Langen Nacht“: In Svealena Kutschkes Stück „zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ monologisieren verschiedene Bewohner eines Pankower Mietshauses – ein alkoholkranker ehemaliger Gerichtsvollzieher, ein junges lesbisches Paar sowie ein älteres geschiedenes Paar – über den aus Syrien geflüchteten (und laut Autorinnen-Vorwort bewusst Projektionsfläche bleibenden) Nabil, wobei sie sich über ihre Zuschreibungen mehr oder weniger selbst entlarven. Eine bekannte Methode in bewährter Dramaturgie – die von den drei vorgestellten Texten zwar potenziell am meisten zu sagen hat, aber leider auch nicht abendfüllend über Stereotype hinauskommt. András Dömötör übersetzt das Mietshaus in der DT-Box in einen intimen gemeinsamen Stuhlkreis von Akteuren und Publikum.

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