Baltic Sea Philharmonic : Kobolde unter Mitternachtssonne

Draußen ist es bullenheiß, drinnen kühlt nordische Musik: Das Baltic Sea Philharmonic spielt mit Kristjan Järvi in der Philharmonie.

Elias Pietsch
Zerbrechlich und kraftvoll. Die norwegische Geigerin Mari Samuelsen.
Zerbrechlich und kraftvoll. Die norwegische Geigerin Mari Samuelsen.Foto: Peter Adamik

Die Tage sind Mitte Juni bekanntlich die längsten des ganzen Jahres. Wo es in Berlin jedoch einfach ein bisschen länger hell ist, gestaltet sich das Naturphänomen in noch nördlicheren Breiten extremer: Es wird gar nicht erst dunkel. Diesen leicht surrealen Zustand hat sich das Baltic Sea Philharmonic mit seinem künstlerischen Leiter Kristjan Järvi zum Anlass genommen, um ihre Zuhörer auf eine musikalische Reise durch den Mittsommer mitzunehmen. Unter dem Titel „Midnight Sun“ stehen beim Konzert in der Philharmonie Werke sechs nordischer Komponisten auf dem Programm.

Das Baltic Sea Philharmonic versammelt junge Musikerinnen und Musiker aus allen zehn Ländern der baltischen Region. Ziel: neue Wege zu finden, das klassische Konzerterlebnis zu gestalten. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie das gesamte, rund zweistündige Programm auswendig spielen. Und als ob das nicht beeindruckend genug wäre, spielen sie auch noch gut. Also wirklich gut. Etwa den „Cantus Arcticus“ des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara, der sich als roter Faden durch das ohne Pausen gespielte Konzert zieht. Aufnahmen von trillernden, schreienden und gluckernden Vogelstimmen mischen sich in die ungemein spielfreudige Interpretation des Orchesters, die auf den Chorbänken verstreut stehenden Bläser gleichen selber einem fröhlichen Vogelchor.

Diese Spielfreude hat wohl auch viel mit dem Auswendigspielen zu tun: Durch die Abwesenheit von Notenständern herrscht Bewegung auf der Bühne, die Musikerinnen und Musiker interagieren miteinander, schauen sich viel an, das Zusammenspiel wirkt so sehr lebendig.

Zwischen Ambient und Folk

Schön abwechslungsreich gestaltet sich der Abend auch durch die immer wieder dazwischengestreuten Lieder des estnischen Singer-Songwriters Mick Pedaja. Seine ruhigen, zwischen Ambient und Folk schwebenden Songs passen gut zu den klassischen Werken, auch die Orchesterarrangements sind größtenteils gelungen und vermeiden meist durch dezente Elektronik den Kitsch vieler Klassik-Pop-Kombinationen.

Bei einigen Stücken begleitet außerdem die norwegische Geigerin Mari Samuelsen das baltische Orchester. „Lonely Angel“ des lettischen Komponisten Pēteris Vasks spielt sie glasklar und zugleich zerbrechlich und kraftvoll, Max Richters „Dona Nobis Pacem“ dagegen gelingt ihr besonders klanggewaltig. Das aus der HBO-Serie „The Leftovers“ bekannte Stück wirkt in Samuelsens Interpretation aggressiv und tieftraurig zugleich.

Eine äußerst stimmungsvolle Lichtshow verstärkt die wunderbar mystische Atmosphäre, die durch die Musik erzeugt wird. Zu Kristjan Järvis vom Nordlicht inspirierten „Aurora“ flackert dem Naturphänomen entsprechend rotes, gelbes und blaues Licht über die Bühne. Järvi selbst gibt als Dirigent mit vollem Körpereinsatz den Stimmungsmacher. Wie ein Kobold springt der estnische Dirigent über die Bühne und heizt seine Schützlinge zu immer wuchtigerem Spiel an. Dementsprechend furios gelingt die Interpretation von Igor Strawinskys „Feuervogel“, das Orchester entfacht noch einmal einen regelrechten musikalischen Sturm.

Ein vom ganzen Ensemble gesungenes estnisches Volkslied beschließt einen Abend, der trotz glühender Hitze draußen für kurze Zeit den kühlen Norden nach Berlin gebracht hat.

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