Barocktage der Staatsoper : Leergut

Die Regisseurin Saar Magal und ihr „Monteverdi Project“ im Apollosaal der Berliner Staatsoper

Adaya Berkovich im Apollosaal der Staatsoper.
Adaya Berkovich im Apollosaal der Staatsoper.Foto: Efrat Mazor

Wer in dieser Stadt eine Performance mit Tanz und Musik in einem Raum voller leerer Bierflaschen arrangiert, muss mit deren Aura auch wirklich etwas anfangen wollen. Und Poesie erschaffen können aus den allgegenwärtigen Ausdünstungen des Wegbiers und dem traurigen Klirren der Pfandsammler. Die Regisseurin Saar Magal hat im Vorfeld der Staatsopern-Barocktage „A Monteverdi Project“ für den nächtlichen Apollosaal ersonnen. Sie lässt ihre Sänger und Tänzer über Flaschenhälse balancieren, während zu rudimentären Elektro-Pings zögernd ein Madrigal angestimmt wird. Ein zähflüssiger Vorgang, auf den erstmal eine Musikpause folgt. Die Flaschen reizen zum Umgeworfenwerden, und erstaunlicherweise auch dazu, dass die Performer sich selbst als Konsumobjekte anpreisen. Darüber lachen am meisten die versammelten Freunde der Darsteller.

Unvermittelt ertönt die Stimme von Werner Herzog

Irgendwann jedoch scheint allen das Geräusch der umfallenden Flaschen auf die Nerven zu gehen. Und das Publikum wird aufgefordert, dabei mitzuhelfen, das Leergut in Kisten zu verstauen. Das dauert seine Zeit, die mancher dafür nutzt, sich aus dem Staub zu machen. So nachvollziehbar das sein mag, den besten Beitrag des Abends verpassen die Frühentwichenen tragischerweise. Er besteht in einem Tondokument, das unvermittelt eingespielt wird, während die Saalwände sich in grün beleuchtetem Stoff hüllen. Auf ihn werden verschlungene Paare projiziert, im Bühnenraum nehmen ausgestopfte Tiere Aufstellung. Die Männerstimme aus den Lautsprechern spricht Englisch mit Münchner Zungenschlag und berichtet von ihrer Erschütterung angesichts des Urwalds. Kinski sehe darin sexuelle Symbole, er hingegen könne nur einen mörderischen Organismus erkennen.

Wie wortgewandt Werner Herzog hier über das Bodenlose spricht, mit welcher Ehrfurcht und welchem faszinierten Grauen, liegt derart jenseits des Performanceniveaus, dass das Erwachen umso schmerzhafter ausfällt. Da schleppen sich Sänger und Tänzer unter Greisenmasken ein letztes Mal über die Bühne, ein paar Brocken Monteverdi raunend. Verzeih, Claudio, aber es ist ein Trauerspiel.

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Wieder am 20., 23., 27. und 30. 11.

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