Bayreuther Festspiele : Flieh des Ringes Fluch

Erst die Absage der diesjährigen Festspiele, dann die Nachricht vom krankheitsbedingten Ausfall der Chefin: Bayreuth sorgt sich um Katharina Wagner.

Gralshüterin Katharina Wagner, fotografiert im Festspielhaus.
Gralshüterin Katharina Wagner, fotografiert im Festspielhaus.Foto: Nicolas Armer/dpa

Es war das erste große Sommerfestival, das wegen der Corona-Pandemie den Ausfall der kompletten Saison bekanntgeben musste, inklusive des Herzstücks, der neu zu schmiedenden Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Die Bayreuther Festspiele haben damit früh Verletzlichkeit gezeigt, während man in Salzburg noch immer hofft, wenn schon kein rauschendes Jubiläumsprogramm zum 100. Geburtstag, so doch irgendwie „andere Festspiele“ ausrichten zu können.

Nun kommt die nächste Hiobsbotschaft vom Grünen Hügel: Festspielchefin Katharina Wagner ist so schwer erkrankt, dass sie ihr Amt „bis auf Weiteres“ nicht ausüben kann. Um die Geschäftsfähigkeit des Wagner-Horts aufrechtzuerhalten, wurde mit Heinz-Dieter Sense ein zusätzlicher kommissarischer Geschäftsführer berufen. Der 81-Jährige war bereits von 2013 bis 2016 kaufmännischer Leiter der Festspiele, er ist ein ebenso versierter wie loyaler Helfer.

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Nimmt man zu dieser Meldung noch die spürbar geschockte Reaktion des Bayreuther Umfelds hinzu, macht man sich ernsthaft Sorgen um die Gesundheit der 41-jährigen Gralshüterin. Georg von Waldenfels, Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, gibt zu Protokoll, dass Katharina Wagner aufgrund ihrer Erkrankung auch ausgefallen wäre, wenn die Festspiele dieses Jahr hätten stattfinden können.

Aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit hat sich die Tochter Wolfgang Wagners immer weiter zurückgezogen. Als hätte sie sich Siegfrieds Tarnhelm übergestülpt, um Angriffen kein Ziel mehr zu bieten, wurde sie in den letzten Jahren praktisch unsichtbar.

Ihr Triumph war von Tragik überschattet

Wenn doch mal ein Foto der Urenkelin Richard Wagners auftauchte, konnte man in dem gedunsenen Gesicht kaum jene junge Frau erkennen, die nach zähem Ringen, auch mit dem Vater, 2008 zunächst noch zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Leitung am Grünen Hügel übernahm.

Ihr Triumph war damals schon von Tragik überschattet: Stefan Müller, der Rechtsanwalt und Freund, starb auf dem Weg zum Treffen mit dem Stiftungsrat auf der Autobahn hinter dem Lenkrad, Katharina Wagner konnte den Wagen zum Stehen bringen, Müller aber nicht retten. Mit seiner Hilfe hatte sie Konstruktionen geschaffen, die ihr die Modernisierung von Bayreuth ermöglichen sollten.

Mit Häme wurde registriert, wenn Sponsoren absprangen

Public Viewing, Wagner für Kinder – das war revolutionär und stieß auf erbitterte Ablehnung von orthodoxen Opernpilgern und traditionellen Förderern. Mit Häme wurde registriert, wenn von Katharina Wagner aufgetane Sponsoren einmal absprangen oder Regisseure dann doch nicht zur Arbeit an Wagners Vermächtnis antraten.

Zwischenzeitlich zierte die Festspielchefin, nach Radikaldiät als Vamp gestylt, die Seiten der Hochglanzpresse, die sich für ihre künstlerischen Ambitionen einen feuchten Kehricht interessierte. All das muss sie viel Kraft gekostet haben – mehr, als man es bei ihrer scheinbar so robusten fränkischen Natur vermutet hätte.

Doch der Blick auf Katharina Wagner ist bis heute getrübt vom omnipotenten Auftreten ihres Vaters und Bayreuth-Patriarchen Wolfgang. Er starb vor zehn Jahren, doch sein Geist hat den Grünen Hügel nie gänzlich verlassen. Wer die Macht will, davon erzählt „Der Ring“ eindringlich, zahlt dafür einen hohen Preis. Man kann Katharina Wagner nur von Herzen umfassende Genesung wünschen.

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