Beethovens Streichquartette auf CD : Höllentempo und Pistolenschüsse

Zwei neue Live-Gesamtaufnahmen feiern Ludwig van Beethovens Streichquartette: das Quatuor Ébène aus Paris und Kuss Quartett aus Berlin im Vergleich.

Das Kuss Quartett gratuliert Beethoven zum 250. Geburtstag.
Das Kuss Quartett gratuliert Beethoven zum 250. Geburtstag.Foto: Rüdiger Schestag

Beethovens Musik ist universal. Das wollte das französische Quatuor Ébène beweisen, indem es mit seinen Streichquartetten auf eine Welttournee ging, die das Ensemble auch nach Kenia und Brasilien führte. Das Ergebnis ist grandios. Die Interpretationen haben eine Frische und eine Spannung, die geradezu elektrisiert. Man spürt den Mut zum Risiko und die Freiheit, die sich daraus ergibt. Man hört den Atem von Primarius Pierre Colombet, mit dem er nicht nur heikle Einsätze gibt, sondern auch den Charakter eines Tons antizipiert.

Die sieben CDs (erschienen bei Erato) kombinieren meist Werke aus unterschiedlichen Entstehungszeiten, weil man an jedem Abend die ganze Bandbreite des Komponisten zeigen wollte. Das feingliedrige, bis ins kleinste Detail modellierte Quartett Nr. 1 in F-Dur opus 18/1 trifft auf das vielschichtige, im Finale vom Quatuor Ébène entfesselte Quartett Nr. 14 in c-Moll op. 131 (Philadelphia, 6.5.2019). Das ganz elegant gespielte G-Dur-Quartett op. 18/2 wird mit dem schroffen „Quartetto serioso“ op. 95 kombiniert (Melbourne, 30.10.2019).

Enorme Risikobereitschaft

Die vier Franzosen zelebrieren nie den bloßen Effekt. Dafür sind sie zu sehr Ästheten, die auch noch in Grenzbereichen den Klang formen, einen Non-Vibrato- Ton langsam aufblühen lassen oder sich die Zeit zum Runden einer Phrase nehmen. Die Risikobereitschaft ist enorm, exemplarisch zu hören beim Rasumowsky-Quartett in C-Dur op. 59 Nr. 3. Das Höllentempo, das die neue, großartige Bratschistin Marie Chilemme in der gefürchteten Finalfuge vorlegt, könnte Angst machen, aber der zweite Geiger Gabriel Le Magadure, der Cellist Raphaël Merlin und Pierre Colombet an der ersten Violine lassen sich von diesem Sog mitreißen (Tokio, 16.7.2019).

Auch das in Berlin ansässige Kuss Quartett legt im Beethovenjahr eine live aufgenommene Gesamteinspielung der Streichquartette vor. Im Gegensatz zum Quatuor Ébène sind alle acht CDs (erschienen bei Rubicon) am selben Ort, der Suntory Hall in Tokio aufgenommen.

Auch geht das Kuss Quartett bei den CDs chronologisch vor, was Beethovens kompositorische Entwicklung verdeutlicht – vom noch ganz mozartisch klingenden, im Januar 1799 vollendeten Streichquartett in D-Dur op. 18 Nr. 3, das Primaria Jana Kuss traumverloren beginnt, bis zum rätselhaften, im Sommer 1826 entstandenen Quartett in F-Dur op. 135. Als Dessert serviert das Kuss Quartett noch Bruno Mantovanis Streichquartett Nr. 3 „Beethoveniana“ – ein brillant gespielter, die Extreme suchender Parforceritt durch Beethovens Streichquartettmotivik.

Dramatik mit Swing

Schon bei den frühen sechs Quartetten arbeiten Jana Kuss, Oliver Wille (2. Violine), William Coleman (Viola) und Mikayel Hakhnazaryan (Violoncello) die Ecken und Kanten heraus. Individualität ist ihnen wichtiger als eine homogene Tongebung. Leider fehlt es an Schattierungen im Pianobereich, und was die Agogik angeht, ist mitunter eine holzschnittartige Überdeutlichkeit zu hören. Wenn die Notenwerte im eröffnenden Allegro des ersten Rasumowsky-Quartetts op. 59 länger werden, dann verlangsamen die vier zusätzlich das Tempo, was den musikalischen Fluss gefährdet.

Langweilig wird es jedenfalls mit der musikantischen, kontrastreichen, sehr freien Beethoven-Interpretation des Kuss Quartetts nie. Und es gibt viele starke Momente, wenn die vier im Prestofinale von op. 59/2 Dramatik mit Swing verbinden oder den Beginn des f-Moll-Quartetts op. 95 wie aus der Pistole schießen lassen. Die Große Fuge op. 133 wird zu einem ruppigen, hochdramatischen Überlebenskampf, der nie an Energie verliert. Das ist nicht schön, aber wahr.

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