Berlin Art Week : Sammlers Dreifaltigkeit

Drei Künstler, ein Kontrastprogramm: Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, Gerhard Richter und Jonas Burgert im Me Collectors Room.

Verwuselte Welt. Jonas Burgerts Gemälde „Schlag Luft“ (2019) lässt sich kaum entschlüsseln.
Verwuselte Welt. Jonas Burgerts Gemälde „Schlag Luft“ (2019) lässt sich kaum entschlüsseln.Foto: Lepkowski Studios

Drei Räume hat der Me Collectors Room. Jeder davon gehört jetzt einem Künstler, ach was, Künstlerstar. Die drei liegen Thomas Olbricht besonders am Herzen: Ernst Ludwig Kirchner sammelt er schon seit 40 Jahren. Von Gerhard Richter besitzt er sämtliche Editionen, als einzige Sammlung weltweit.

Auf Jonas Burgert wurde er vor 15 Jahren aufmerksam, als der Maler im maroden Palast der Republik ein Kunstprojekt auf die Beine stellte. Mittlerweile ist der Berliner Künstler so bekannt, dass der Ausstellungstitel „Kirchner, Richter, Burgert“ getrost auch auf seinen Vornamen verzichten kann. Man kennt den Malervirtuosen mit der Vorliebe für riesenformatige Wimmelbilder mit morbide-rätselhaftem Touch.

Drei Künstler, ein Kontrastprogramm! (Auguststr. 68, bis 3. 11.; Mi bis Mo 12 – 18 Uhr) Sie kommentieren sich gegenseitig und doch macht jeder sein eigenes Ding. Was den einen umtreibt, interessiert den anderen wenig.

Die technischen Experimente eines Richter, der in seinen Editionen mit den medialen Differenzen zwischen Fotografie, Print, Grafik jongliert und die auf dem Kunstmarkt entscheidende Grenze zwischen Reproduktion und Original aushebelt, lassen Burgert kalt. Er malt. Altmeisterlich geradezu.

Zwei Monumentalformate aus jüngster Produktion hat der 50-Jährige als Leihgaben beigesteuert. Die Farbschlieren im typischen Burgert-Kolorit leuchten und blitzen, als seien sie kaum getrocknet. Eigenartig fahl und zugleich grell ist seine Farbtonlage, die man selbst ohne die Motive wiedererkennen würde.

Reingezoomt. Zur Art Week macht Kwadrat Berlin einen Neustart in einer Kreuzberger Remise.
Reingezoomt. Zur Art Week macht Kwadrat Berlin einen Neustart in einer Kreuzberger Remise.Foto: Markus Georg

Die verschlungenen Fäden seiner vielfigurigen Bilderzählungen zu entwirren, bleibt hoffnungslos. Gerade im Rätseln liegt ihr Sinn. Auf dem über 5 Meter breiten Gemälde „Schergen“ aus der Olbricht-Sammlung beugt sich ein Riese über die verknäulten Farbbänder in seiner Hand. Es könnten die Fäden eines Marionettenspielers sein. Um ihn her wuseln winzige Akteure in einer Ruinenkulisse, die aus Piranesis Architekturalbträumen entsprungen scheint: Ein fantastisches Kopfkino, in dem sich der Künstler Gastauftritte gönnt.

Auch seine erste plastische Arbeit von 2009 besitzt Olbricht. Mit riesigen, farbverschmierten Händen steht der Protagonist da. Er breitet seine Finger aus, als seien es Flügel: Ein Ikarus, dem seine Farbzauberei zum Fliegen verhelfen könnte. So entkommt Burgert der Gegenwart, die seine vertrackten Figurentableaus melancholisch verrätselt spiegeln.

Für Ernst Ludwig Kirchner, 100 Jahre zuvor, war nicht die Fantasie die Antriebskraft. Seine Figurenbilder reiben sich an der Wirklichkeit und heizen sich expressiv daran auf. Was der Brücke-Künstler in Dresden und später auf den Berliner Trottoirs sah, notierte er mit unverkennbarem Strich. Seine Strategie hieß Schnelligkeit, Rohheit, Unmittelbarkeit. Das lässt sich in den ausgestellten Kirchner-Blättern vom Holzschnitt bis zur Pastellskizze prachtvoll studieren.

Am Potsdamer Platz, in der Leipziger Straße drängen sich die Menschen, werden zur Chiffre des großstädtischen Getriebes, hektisch vom Künstler aufs Blatt geworfen. Zur Ruhe kommt Kirchner erst, wenn er sich beim Aktzeichnen auf seine Lieblingsmodelle konzentriert. Fränzi tritt hier fünfmal in Erscheinung. Olbricht reizt an solchen Blättern die Farbe. Der Sammler liebt seinen Kirchner.

Sein letzter Brücke-Ankauf liegt wenige Jahre zurück, aber noch nie hat er seine kapitale Kirchner-Sammlung ausgebreitet. Burgerts Werke konnten teilweise von der Vorgängerschau bleiben. Bei Richter blieben die abstrakten Tapisserien außen vor. Jetzt kreisen auch seine Werke allein um das Thema Figur, was der Schau bei aller stilistischen Bandbreite den motivischen roten Faden sichert.

Die klassische Gattung Porträt loten Richters Bildreflexionen immer wieder neu aus. Eine ganze Wand gehört Mao, der sich im verschwommenen Schwarz-Weiß verflüchtigt. Das jüngste Werk dieser 1968 begonnenen Motivserie stammt von 2019. Schafft der 87-Jährige ein neues Auflagenwerk, so wird Olbricht es kaufen. So ist sein Plan.

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