Biopic „Der Spitzenkandidat“ : Politik im Bademantel

US-Wahl 1988: „Der Spitzenkandidat“ erinnert an den Skandal um den Demokraten Gary Hart.

Jan-Philipp Kohlmann
Medienhysterie. Der demokratische Hoffnungsträger (Hugh Jackman) sieht sich im Wahlkampf einer Kampagne ausgesetzt.
Medienhysterie. Der demokratische Hoffnungsträger (Hugh Jackman) sieht sich im Wahlkampf einer Kampagne ausgesetzt.Foto: Sony

Das US-Wahlkampfjahr 1988 sollte eigentlich das Jahr von Gary Hart werden. Bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei hätte dem ehemaligen Senator von Colorado angeblich niemand das Wasser reichen können, und auch George H. W. Bush, damals amtierender Vizepräsident, wäre gegen Hart ein Außenseiter gewesen; amtierende Vizepräsidenten hatten seit 150 Jahren keine Wahl mehr gewonnen. Hart wäre also mit Verve und innovativen Ideen ins Weiße Haus eingezogen, hätte außenpolitisch auf Diplomatie gesetzt, eine ökologische Wende eingeleitet, Wirtschaft, Militär und Bildung reformiert. Folglich: keine Bush-Dynastie, keine Irakkriege, kein Rückschlag beim Klimaschutz.

Diese Alternativgeschichte bildet den spekulativen Subtext eines Films, den der kanadische Regisseur Jason Reitman nun über das abrupte Ende einer Kandidatur gedreht hat, an die sich in Europa kaum noch jemand erinnert. „Der Spitzenkandidat“ erzählt die ersten drei Wochen von Gary Harts Kampagne im Frühjahr 1987, also gut anderthalb Jahre vor der tatsächlichen Präsidentschaftswahl. Hart, den Hugh Jackman mithilfe einer immer etwas windschief wirkenden Perücke spielt, hatte sich 1984 bereits strategisch in Position gebracht und ist nun der front runner (so der Originaltitel) fürs Oval Office: Souverän liegt er in den Umfragen vor seinen Parteigenossen und den republikanischen Kandidaten, in Debatten zeigt er sich kompetent, zukunftsgewandt, schlagfertig. Mit journalistischem Interesse für sein Privatleben scheint er jedoch nicht gerechnet zu haben.

Fragen über die zeitweilige Trennung von seiner Frau Lee (Vera Farmiga) und kolportierte Affären weist Hart von sich: „Schnüffelt mir doch hinterher, ihr werdet euch langweilen!“ Schon bevor dieses (überlieferte) Zitat in der Zeitung steht, beobachten ihn Reporter vor seinem Wohnhaus in Washington mit einer jungen Frau. Bald kursieren die Hintergründe dieser Bekanntschaft – ein Flirt auf einem Partyboot – und ein unvorteilhaftes Foto. Über Nacht interessieren sich die Medien weniger für Harts Reformideen als für die Tatsache, dass jene fatale Affäre auf einer Yacht namens „Monkey Business“ ihren Anfang nahm.

Wie die meisten Filme von Jason Reitman ist auch „Der Spitzenkandidat“ handwerklich solide. Das Drehbuch setzt nicht bloß markige Dialoge im Politjargon ab (vor allem J.K. Simmons als Wahlkampfmanager), sondern gibt den Figuren auch in kleinen Szenen ein glaubwürdiges Profil. Für ein Biopic eher ungewöhnlich, erzählt der Film das missglückte Krisenmanagement multiperspektivisch aus Sicht des Politikers, seiner Familie, seiner Geliebten, seines Teams und zwei Zeitungsredaktionen, der „Washington Post“ und des „Miami Herald“. Historische Bilder und Töne aus den TV-Archiven, Re-Enactments realer Auftritte und fiktive Kammerspielszenen fügen sich mühelos in einen Erzählfluss über jenen Moment – so suggeriert Reitman –, in dem die US-Mediendemokratie zu hyperventilieren begann. Seine komplexen Themen begradigt der Film dann aber in zweifelhaften Positionen.

Fragen zu Machtmissbrauch gegenüber Frauen werden ausgespart

Hart ist als tragischer Held stark idealisiert, was vor allem durch die Vielzahl der Stimmen beglaubigt wird, die unisono seine Ideen und seine präsidiale Eignung betonen: „Der Mann wird unser nächster Präsident!“ Niemand könne den Wahnsinn der Politik so verständlich entwirren, behauptet Simmons’ Figur am Anfang.

Den Beweis für die Volksnähe des „Atari-Demokraten“, der seine Ideen zu Digitalisierung und Green Economy an keiner Stelle konkret ausführt, bleibt der Film schuldig. Dass hingegen Fragen zum Machtmissbrauch gegenüber Frauen angebracht wären – unter anderem soll auch Hart im Bademantel eine Reporterin empfangen haben – und er mehrfach als Lügner entlarvt wurde, fällt in der Tragik seines Scheiterns unter den Tisch. „Vielleicht bekommen wir die politischen Köpfe, die wir verdienen“, sagt Hart bei seinem Rücktritt. Im Einklang mit der Vorlage von Co-Autor Matt Bai („The Week Politics went Tabloid“) betrauert „Der Spitzenkandidat“ einen Paradigmenwechsel im Journalismus, dem vermeintlich rechtschaffene Politiker wie Gary Hart und Bill Clinton zum Opfer fallen. Und skrupellose wie Donald Trump eben nicht.

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