Bonner Oper „Marx in London“ : Der Philosoph braucht Geld

Fiktiver Tag der Familie Marx, an dem so ziemlich alles schiefgeht: Bonn zeigt die komödiantische Oper „Marx in London“ von Jonathan Dove.

Jonas Zerweck
Nur echt mit Bart. Mark Morouse singt Karl Marx.
Nur echt mit Bart. Mark Morouse singt Karl Marx.Foto: Theater Bonn/Thilo Beu

Mit seinem Gehstock drischt Karl Marx auf den Widersacher ein, vertreibt ihn mit Händen und Füßen von der Bühne. Nun bietet sich ihm, dem Mann mit dem Rauschebart, die Chance, das Preisgeld zu gewinnen. Seine Zuhörer im Londoner Pub warten gespannt. Marx weiß längst selbstsicher: Wer sonst, wenn nicht er, sollte mit einem Plädoyer über die Tugenden des Kommunismus überzeugen? Seine Prämie fasst er dann in Alles-gehört-allen-Manier nur kurz an, reicht die Geldnoten direkt an die Menge weiter. Drinks für alle!

Die Oper „Marx in London“ von Jonathan Dove rückt die Theorien und Schriften des deutschen Philosophen und Ökonomen nur zweimal wirklich in den Mittelpunkt. Neben der Pubszene träumt Marx von einer Arbeitermenge, die skandierend eine freie Welt verkündet – das war’s. Stattdessen erzählt die Komödie von einem fiktiven Tag der Familie Marx, an dem schiefgehen kann, was nur möglich ist. Der liebenswert trottelige Protagonist ist zwar ein genialer Denker, doch er stürzt sein Umfeld ins Chaos. Wegen unbezahlter Schulden wird gleich am Anfang das Mobiliar abtransportiert. Statt zu schreiben, setzt Karl lieber die Affäre mit einer Haushälterin fort, die vor 18 Jahren sogar einen gemeinsamen Sohn zur Welt brachte. Der taucht prompt auf und kommt Marx’ Tochter so lange näher, bis sich in mozartscher Buffa-Manier alle Wirrungen auflösen und sich die Halbgeschwister erkennen. Marx aber braucht dringend Geld, um seine völlig zu Recht aufgebrachte Frau zu beruhigen, die natürlich alles andere als darüber erfreut ist, dass er die Prämie aus dem Pub in Alkohol für die Massen ummünzt.

Die Musik drängt immer nach vorne

Das Auftragswerk der Oper Bonn entstand in einer Dreiecksformation aus Regisseur Jürgen R. Weber, Librettist Charles Hart und Jonathan Dove. „Marx in London“ ist bereits die 29. Oper des Briten, der in Berlin unter anderem durch „The Monster in the Maze“ bekannt wurde, uraufgeführt 2015 von den Berliner Philharmonikern. Inszenierung, Musik und Libretto greifen eng ineinander, entwickeln Tempo. Drei parallele Handlungsstränge werden verwoben, immer passiert irgendetwas auf der Bühne. Das liegt auch an den flexiblen Kulissen und der detailverliebten Ausstattung von Hank Irwin Kittel. Jedes Element, das nicht mit einem Handgriff von der Bühne getragen werden kann, steht auf Rollen. Und der Unterbau des marxschen Wohnzimmers ist ein frühindustrieller Eisenbahnwagen.

Das hohe Tempo speist sich auch aus dem fantastischen Libretto. Mit kleinen Wortwitzen und auf den Kern reduzierten Dialogen prescht Charles Hart durch die Geschichte. Marx’ Kontrahent in der Pubszene, der Italiener Melanzane, elaboriert so ausschweifend mit ziellosen Koloraturen, dass er sich sofort als schwafelnder Gaukler entpuppt. Mit dem Kontrast zum sonst so dichten Wort-Ton-Verhältnis karikiert Dove gleichzeitig die ausladenden Tenorpartien der Musikgeschichte. Seine Musik charakterisiert ein ständiges Pulsieren, mal walkingbassähnlich gezupft, mal im aufgefächerten Klang des ganzen Orchesters. Stilistisch changiert sie zwischen Minimal Music, atmosphärischen Klangflächen und fast operettenhaften Abschnitten. Die Musik drängt immer nach vorne, blendet eine Szene in die andere, verschiebt Stimmungen in Augenblicken. Zusätzlich hat Dove für jeder Figur eine eigene Klangfarbe geschrieben. Marx begleiten oft satte Blechbläser, der wohlhabende Friedrich Engels, nobler Retter am Schluss, strahlt in hellem C-Dur.

Etwas schade, dass Gags nur selten zu wirklichen Lachern werden, weil den Darstellern das letzte Quäntchen Komik fehlt. Stimmlich aber überzeugen sie: Mark Morouse singt mit sattem Bariton die Titelrolle, Yannick-Muriel Noah packend und dramatisch-zerrissen seine Frau Jenny. Im C-Dur von Engels suhlt sich stimmlich strahlend Johannes Mertes, der auch das Volumen hat, gegen das von David Parry geleitete Beethoven-Orchester zu bestehen. Das übertönt zwar immer wieder die Sänger, aber immerhin mit vielen starken Ausdrucksfacetten.

Wieder am 12., 20. Januar und 2., 8., 14. Februar 2019, www.theater-bonn.de

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