Bregenzer Festspiele : „Rigoletto“ als Riesenclown

In Philipp Stölzls „Rigoletto“ wird das Bühnenbild zum Hauptdarsteller. Die Inszenierung bei den Bregenzer Festspielen schafft eine Intimität, die man so lange nicht mehr gesehen hat.

Mit dem Clown kamen die Tränen. Der Kopf des Hofnarren von Mantua ist 13 Meter hoch.
Mit dem Clown kamen die Tränen. Der Kopf des Hofnarren von Mantua ist 13 Meter hoch.Foto: Dietmar Stiplovsek/APA/dpa

Er ist schon etwas in die Jahre gekommen, der Kopf ist kahl, die zerfurchten Hände erzählen von einem langen Leben. Rigolettos Augen sind geschlossen, während der freche Höfling Borsa (Paul Schweinester) auf seinem Kopf tanzt und Faxen macht. Dann setzt Giuseppe Verdis Musik ein, mit dem dissonanten Fluchmotiv, dem die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Enrique Mazzola die notwendige Schärfe geben – und Rigoletto dreht den Kopf, reißt seine Augen und seinen Mund auf und erstarrt in diesem Schockzustand. Der Narr weiß schon, dass dieser Abend nicht gut enden wird. Sein Lächeln ist blankem Entsetzen gewichen.

Dieser Bregenzer Rigoletto besteht aus Holz, Fassadenputz, Styropor und Farbe. Seine Nase hat man aus Kunststoff geformt. Der Kopf, montiert auf einer 35 Meter langen Stahlwippe, ist 13 Meter hoch. In seiner rechten Hand hält er einen Ballon, seine Linke ist sehr beweglich und kann auch mal einen Stinkefinger zeigen, wenn sein Vorgesetzter, der Herzog von Mantua, auf Frauenjagd geht.

Stölzl hat das richtige Händchen

Rigolettos Kragen ist die Hauptbühne, die Manschetten werden als kleinere seitliche Spielflächen genutzt. Der Rest dieses Riesenclowns ist nicht zu sehen, man muss sich ihn unterhalb der Bregenzer Seebühne dazudenken.

Diese sinnliche, variable Bühnenbild von Regisseur Philipp Stölzl und Heike Vollmer ist die Hauptfigur einer großartigen Neuproduktion am Bodensee. Stölzl beseelt die von zahlreichen Hydraulikpumpen gelenkte Maschinerie, lässt sie zu Rigolettos Alter Ego werden. Spott, Schmerz, Wut, Trauer, Nähe, Distanz – all das ist an diesem Bühnenbild abzulesen. Die organischen Bewegungen, häufig in Zeitlupentempo, entfalten eine magische Aura. Das ist keine spektakuläre, auf Event getrimmte Show. Die Technik dient dem künstlerischen Ausdruck. Und ermöglicht eine Psychologisierung und Intimität, die man so auf der riesigen Seebühne seit der eindrücklichen „Tosca“ von 2007 nicht mehr gesehen hat.

Auch für die Massenszenen hat Stölzl das richtige Händchen. Der Zirkus ist die Welt, in der er Verdis Oper ansiedelt. Zur Einführung stehen Feuerschlucker, Messerwerfer, Artisten und Gewichtheber auf der Bühne. Dieses bunte Völkchen kann sich aber auch zur brutalen Schlägertruppe wandeln. Besonders vier Männer mit Affenmasken (Kostüme: Kathi Maurer) sorgen immer wieder für Schrecken. Der Herzog von Mantua ist ihr strenger Zirkusdirektor. Stephen Costello gibt dem skrupellosen Frauenjäger mit seinem höhensicheren, strahlkräftigen Tenor das notwendige Standing. Und hat genügend Schmelz, um, als Student verkleidet, Rigolettos Tochter Gilda zu betören. Nur sein schön geschmettertes „La donna è mobile“, das er zu einer trashigen Choreografie von vier vielbrüstigen Frauen singen muss, wird szenisch verschenkt.

Man hat Mitgefühl mit diesem gebrochenen Mann

Mélissa Petit zeigt mit ihrem farbenreichen Sopran Gilda als eingesperrte, aber nicht gebrochene Frau, die durch den Herzog ihre Fesseln verliert. Sie entschwebt mit dem Heißluftballon in den Bregenzer Nachthimmel, während sie in der Arie „Caro nome“ feinste Koloraturen modelliert und dabei sogar ein Bein aus dem Korb hängen lässt.

Dass Rigoletto die Leine hält, sein Riesenkopf sich nach oben wendet und sie mit offenem Mund lüstern anstarrt, merkt sie nicht. Das höchst problematische Vater-Tochter-Verhältnis ist nur für den Zuschauer zu sehen. Gilda wird dort oben von einem hochkletternden Stuntman des Wired Aerial Theatre entführt wird und landet direkt im Mund von Rigoletto, was die Geschichte auf spektakuläre Weise weitertreibt.

Im zweiten Akt bringen die Gaukler die Augen des Kopfes als Trophäe mit. Rigoletto ist getäuscht und geblendet – und wird später noch seine Nase und einige Zähne verlieren. Aus dem lächelnden Narr ist ein Totenkopf geworden. Vladimir Stoyanov zeigt Rigoletto mit seinem markanten, geschmeidigen und nur in der Höhe etwas gedrückten Bassbariton als liebenden Vater, aber auch als verblendeten Patron. Wenn er und sein Alter Ego im Schlussbild nach dem Tod Gildas dem Heißluftballon nachschauen, der mit einer gleich kostümierten Frau in den Himmel steigt, dann hat man Mitgefühl mit diesem gebrochenen Mann.

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Selbst nach dem Schlussakkord gehen der Regie die Ideen nicht aus. Ein Scheinwerferspot wird über die gesamte Bühnenbreite pantomimisch hin- und hergeworfen, um einzelne Solisten ins Rampenlicht zu rücken. Nach dem düsteren Ende kehrt die unbeschwerte Zirkuswelt des Beginns wieder zurück, der Bogen schließt sich.

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