Briefband von Elias Canetti : Der gnadenlose Austeiler

Mit scharfer Zunge: Elias Canettis fulminanter Briefband „Ich erwarte von Ihnen viel“ gibt Einblicke in die Stimmungen des Literaturnobelpreisträgers.

Bastian Reinert
Späte Ehre. Elias Canetti (1905 – 1994) bekam 1981 den Literaturnobelpreis.
Späte Ehre. Elias Canetti (1905 – 1994) bekam 1981 den Literaturnobelpreis.Foto: dpa/ picture alliance / Manfred Rehm

Als Adresse gibt der Wiener Absender eines Briefes an Thomas Mann „Am Himmel 30“ an. Der Ton ist devot, die Geste, wie der Schreiber später selbst einsieht, überheblich. Mit hochmütiger Selbstvergottung – die korrekte Adresse lautete Himmelstraße 30 – wandte sich der junge Elias Canetti an den Nobelpreisträger, um von ihm das alles entscheidende Urteil für den ambitionierten Roman „Die Blendung“ zu erhalten – und wird enttäuscht.

1905 in Bulgarien als Kind sephardischer Juden geboren, in Manchester und Zürich aufgewachsen, hat Canetti in Wien, dem er die eigentlichen intellektuellen Impulse seines Lebens verdankt, studiert und promoviert. Geschrieben hat er in der Sprache seiner geistigen Väter Karl Kraus, Robert Musil und Franz Kafka, der fünften, aber nicht der letzten Sprache, die er lernte. Als „Die Blendung“ 1936 dank der Vermittlung Stefan Zweigs und Hermann Brochs doch noch erscheint, wird die Lage in Wien zunehmend gefährlich, Canetti muss nach dem „Anschluss“ mit seiner Frau ins Londoner Exil fliehen – der kurze Erfolg ist sofort wieder verpufft.

Die knapp 600 Briefe des von Sven Hanuschek und Kristian Wachinger herausgegebenen Bandes „Ich erwarte von Ihnen viel“ decken den Zeitraum von der Fertigstellung der „Blendung“ 1932 bis zu Canettis Tod 1994 ab. Als eine Art Querschnitt, allerdings einseitig, weil hier nur Canettis Briefe, nicht aber die Antworten enthalten sind, gibt der Band neben Einblicken in seine harschen wie zärtlich werbenden Stimmungen auch eine Ahnung vom Literaturbetrieb der Nachkriegszeit und von Canettis Kämpfen um Anerkennung, die ihm nach beinahe 30 Jahren schließlich mit der Veröffentlichung seines sozial-psychologischen Großessays „Masse und Macht“ 1960 doch noch zuteil wurde. Auf der Höhe seines Ruhms erhielt er 1981 den Nobelpreis.

Ein leichter Umgang war Canetti sicherlich nicht

Seine Geduld hat ihn stärker und kompromissloser gemacht, nicht selten aber auch scharfzüngig und ungerecht werden lassen. Canetti, der sich in seinen Briefen an Freunde, Familie, Kollegen, Journalisten und Verleger immer wieder „verletzt“, „getroffen“ und „zerstört“ zeigt, teilte selbst derart gnadenlos aus, dass einem die Lektüre dieses Auswahlbandes, der nur etwa die Hälfte der unpublizierten Briefe erstmals zugänglich macht, so manches Mal den Atem raubt. Stefan Zweig, dem er immerhin viel zu verdanken hat, wird kurzerhand eingereiht unter die „Mediokritäten und Nullen“ seiner Zeit, Hofmannsthal wie auch später Peter Weiss seien „maßlos überschätzt“, Thomas Bernhard, den er „für einen grundschlechten Menschen“ hält, sei „aufgeblasen und oft abscheulich“, Enzensberger, ein „Schmetterling“, sei „armselig“ und „jämmerlich“, Brecht „kastriert von seiner eigenen Theorie“ und Hilde Domin überhaupt „unbedeutend“.

Wer Canetti kritisiert, den kann er, wie Adolf Muschg „nicht mehr ernstnehmen“ oder über den lohnt es sich, wie über Marcel Reich-Ranicki, gar nicht erst, „ein Wort zu verlieren“. Doch dann bedenkt er den einflussreichen Kritiker, der „schon geistig ein schwer erträglicher Mensch, ein ahnungsloser Schulmeister“ ist, mit einer Reihe von Adjektiven, die von beschränkt über dumm bis ordinär reicht. Ein leichter Umgang war Canetti, dem Susan Sontag einen „außerordentlich erfindungsreichen Frauenhass“ attestierte, sicherlich nicht.

Kein "Waise der Literatur", sondern gut vernetzt

Neben den sehr privaten, herzlich-vertrauten Briefen an die lebenslange Freundin Cilli Wang, eine Wiener Kabarettistin, finden sich Briefe an Herbert Göpfert, seinen frühen Lektor bei Hanser, der ihm auch nach seinem Ausscheiden aus dem Verlag über Jahrzehnte beratend zu Seite stehen wird. Gerade diese zeigen nicht nur die unendlich sorgfältige Arbeitsweise Canettis, sondern zeichnen auch ein sehr genaues Bild davon, wie gut er, der sich immer als Außenseiter und als „Waise der Literatur“ stilisierte, in Wirklichkeit vernetzt war: die Briefe reichen von Hermann Kesten bis Theodor W. Adorno, von Paul Celan bis Jean Améry.

Zudem ist Canetti durch ein breites Netz von befreundeten Germanistikprofessoren bestens unterrichtet über die weltweit zu seinem Werk entstehenden Doktorarbeiten. So scheu er auch war, sich öffentlich zu äußern, so gerne hat er in Briefen Stellung bezogen. Daher machen einen großen Teil dieses Bandes diejenigen Briefe aus, in denen sich Canetti für einige Doktoranden auf immerhin bis zu zehn Seiten die Mühe macht, Details zu seinem Werk zu erläutern oder die ihm vorgelegten Deutungen zu korrigieren.

Ungeheure Produktivität, trotz Schicksalsschlägen

Wer sich weder für philologische Feinheiten noch für unkollegiale Unverschämtheiten interessiert, hat dafür die Gelegenheit, sich in diesem Band auf den vollendeten Stilisten Canetti selbst zu konzentrieren. Der allerdings hält sich für einen „schlechten Briefschreiber“. „Ich hasse meine Briefe“, schreibt er an Franz Baermann Steiner, einen seiner engsten Freunde – und schiebt eine kleine Poetologie des Briefes hinterher: „Darf ich also (...) sagen, dass mir von allen Verlogenheiten der Welt nichts so verlogen vorkommt wie ein Brief, jeder Brief – von allen Flüchtigkeiten nichts so flüchtig, von allen Eitelkeiten nichts so eitel. (Briefe) haben einen zu kurzen Atem, sie dürften nie aufhören.“ Denn nichts ist ihm verhasster als dass ein Gespräch – oder ein Brief – abbricht. Und sei es durch den Tod.

Der viel beschworene „Todeshass“, die Kehrseite seines „Lebens-Chauvinismus“, kommt auch deshalb in diesen Briefen allenthalben vor, weil Canetti ein ganzes Schriftstellerleben lang versucht hat, ein Buch gegen den Tod zu schreiben (das dann erst posthum aus dem Nachlass publiziert wurde). Diese „quijotische Feindschaft“ gegenüber dem Tod, als die W. G. Sebald sie einmal beschrieb, nimmt in den späten Briefen noch zu. Canetti drängt und treibt die Angst, die Bücher, die ihm wichtig geworden sind, nicht mehr abschließen zu können. Trotz oder gerade wegen etlicher Schicksalsschläge wie dem Tod seiner zweiten Frau oder einer drohenden Erblindung entwickelt er eine ungeheure Produktivität.

So stellt diese ausgezeichnete Briefedition einmal mehr unter Beweis, was schon Améry sehr treffend formulierte: „Canetti, in seiner Zeit und gegen sie stehend, ist eine Präsenz.“

Elias Canetti: Ich erwarte von Ihnen viel. Briefe 1932-1994. Hg. v. Sven Hanuschek u. Kristian Wachinger. München 2018. Hanser, 864 S., 42 €.

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