Bücher statt Smartphone : Warum lesen Menschen wieder in der U-Bahn?

In den öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin sieht man wieder mehr Zeitungen und Bücher. Ist das Zeitalter der digitalen Medien vorbei? Eine Glosse.

Eine Frau liest in der Berliner U-Bahn.
Eine Frau liest in der Berliner U-Bahn.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ob Sie uns auch in zehn Jahren noch auf dem Papier in der Hand halten? Oder ob der Gedanke an Druckerzeugnisse uns dann allen nur noch ein müdes Lächeln abringen wird? Wir wissen es doch auch nicht, liebe Leserinnen und Leser. Vielleicht erleben wir jenen Tag gemeinsam, an dem der Tod des Papiers endgültig verkündet wird – wir in der Frühkonferenz, Sie am Frühstückstisch. Oder kommt doch alles ganz anders?

Eine Kollegin präsentierte der Redaktion unlängst ein selbst geschossenes Foto, auf dem im Bus der Linie M41 alle abgebildeten Fahrgäste lasen. Nein, nicht auf E-Book-Readern oder im Smartphone – in Büchern. Wissen Sie noch, was das ist? Diese Dinosaurier der Medienlandschaft, in denen schriftlich niedergelegte, sprachlich formulierte Gedanken auf Cellulose festgehalten sind.

Über Jahrhunderte hinweg galt Gedrucktes auf Papier als Triebfeder der menschlichen Zivilisation. Doch in den vergangen Jahren schien auch im öffentlichen Raum die Revolution des Buchdrucks durch die digitale Revolution abgelöst worden zu sein. Wer in der U-Bahn ein Büchlein aus der Manteltasche zog, wirkte zwischen all den Chattern und Candycrush-Spielern beinahe so anachronistisch wie die letzten Pferdefuhrwerke im Automobilzeitalter.

Bücher gegen das Überangebot

In den letzten Tagen tauchte in den sozialen Medien ein Bild auf. Darauf sitzt ein Mann in einem Berliner Bus und studiert offensichtlich Notationen in einem Heft. Findige Scherzkekse beschrifteten das Foto: „Kopfhörer sind so überbewertet“. Nach dem der Mann für sein Aus-der-Welt-gefallen-Sein im Netz gefeiert wurde, meldete er sich zu Wort und lieferte eine ernüchternde Erklärung: Von Noten verstünde er nichts, er habe lediglich den Liedtext gelesen. Immerhin auf Papier.

Damit ist er nicht allein. Der krisengeplagte Buchmarkt meldete diese Woche, dass er das vergangene Jahr erstmals seit 2013 mit einem Umsatzplus abgeschlossen habe. Dabei stagniert der Anteil an E-Books bei fünf, sechs Prozent. Ob es an der Haptik liegt, der gefühlt fehlenden Wertigkeit digitaler Produkte? Vielleicht ist die Optionslosigkeit eines Buches in einer Welt des Überangebots auch ein Kristallisationspunkt menschlicher Sehnsucht.

Und wie soll man ohne Buchumschlag beweisen, dass man den neuesten Didier Eribon längst am Wickel hat? Ganz vielleicht ist die wiederaufkeimende Bücherfreude in Berlin auch einfach nur darauf zurückzuführen, das die Netzabdeckung in S- und U-Bahnen noch immer mangelhaft ist. Denn Papier ist geduldig, der gemeine Smartphone-Nutzer nicht.

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