Bücher zur Digitalisierung : Die Maschine ist unser Schicksal

Heil oder Unheil? Die Philosophen Franklin Foer und Martin Burckhard streiten über das Wesen der Digitalisierung.

Konstantin Sakkas
Ein Arbeiter baut Elektromüll in New Delhi auseinander.
Ein Arbeiter baut Elektromüll in New Delhi auseinander.Foto: Reuters/Amit Dave

"Der Computer ist die Lösung. Was wir brauchen, ist ein Problem.“ So überheblich dieser Satz ist – er stammt vom 2011 verstorbenen Steve Jobs –, so viel Wahrheit liegt in ihm. Denn nie war die Menschheit der Erlösung von allem Übel so nahe wie heute. Die digitale Revolution, in der wir uns heute befinden, ist Ausdruck dessen, was wir uns Tausende Jahre lang gewünscht haben, wovor wir uns heute aber am meisten fürchten: dass nämlich die Geschichte des In-der-Welt-Seins als eines defizitären Seins wirklich an ihr Ende kommen und abgelöst werden könnte durch die Geschichte eines Übermenschen, der auf alle Bedrohungen eine Antwort weiß.

Diese Vision macht „automatisch“ Angst, weil sie den Menschen aus seiner gewohnten Denkweise herausreißt, wonach er der Natur ohnmächtig ausgeliefert und daher auf die Sphäre des Übernatürlichen, also das Metaphysische, als Heilssphäre angewiesen sei. Dieses Denken, das bis 1945 bzw. 1990 dominierte, war einerseits traurig, andererseits aber auch bequem, denn man wusste ja, wohin man „eigentlich“ gehörte: ins Himmelreich, das aber, da nicht „herstellbar“, auch keine irdische Verantwortung begründen konnte: weder in die eine noch in die andere Richtung. Der neue Mensch dagegen ist einer, der schaffend in natürliche Prozesse eingreift; er löst das in seiner religiösen Beschreibung als creatura (= die, die schaffen wird) beschlossene Versprechen ein und wird selber Schöpfer, indem er die Dinge und damit das Dasein operationalisiert, so wie die Dinge ihrerseits unser Dasein, wie wir es heute verstehen, takten und strukturieren, anstatt es einfach nur fraglos und gewaltig zu überkommen.

Die Maschine ist der rote Faden der Geschichte

Der Philosoph Martin Burckhard, dem mit seiner „Philosophie der Maschine“ das wohl schwierigste und zugleich brillanteste Buch zum Thema gelungen ist, sieht in der Maschine den „roten Faden, der sich durch die Geschichte hindurch zieht“ und der gerade deshalb der „blinde Fleck der Philosophie“ geblieben sei. „In jedem alphabetischen Buchstaben, der sich der Welt entwunden hat und nichts mehr ist als er selbst, pulsiert die Energie des Automaten.“ Das heißt: Schon die Schrift ist nicht, wie Jacques Derrida vermeinte, vorkategorial, unvermittelt und „rein“, sondern selbst schon maschinenhaft, und schon das Alphabet eine technische und politische Idee.

Die eigentliche Erkenntnis in Burckhards Buch liegt freilich nicht in dieser Pointe, sondern vielmehr in ihrer Umkehrung. Könnte es nämlich nicht sein, dass das Technische, die Maschine mit dem Wesenhaften, Ursprünglichen, „Reinen“ identisch ist? Wenn die Maschine „Bedingung der Möglichkeit“ ist, „das Ewige denken zu können“, so ist vielleicht das Ewige selbst maschinenhaft strukturiert.

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Abgehoben: Fliegende Autos beim Genfer Autosalon
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Wer heute vor zu viel „Chemie“ in unseren Lebensmitteln warnt, vergisst zumeist, dass unser ganzer Körper biologisch nichts anderes als eben „Chemie“ ist (inklusive geringer Dosen Arsen). Die vergleichende Literaturwissenschaft hat längst entschlüsselt, was mit dem Heiligen Gral eigentlich gemeint war: nicht ein heiliges, ätherisches – und steriles – Jenseits, sondern schlicht und einfach ein Ort unerschöpflicher Reichtümer und sinnlicher Fülle – also genau der Ort, nach dem sich das Nordeuropa der Zeit um 500 nach Christus sehnte, als dort nur Hunger, Kälte und grenzenloses Elend herrschten („Gold aus dem Reiche Arabien“). Und jeder Operngänger weiß, dass Tannhäuser schlicht ein ganz einfaches, ganz menschliches sexuelles Begehren nach seiner Elisabeth hatte. So ist für Burckhard die Maschine metaphysisch und das Metaphysische maschinell: „Metaphysik als eine Art geistiger Metallurgie“ – die Maschine als „das Unbewusste“.

Foer vertritt kulturkritische Vorbehalte

Die Gegenposition zu Burckhard vertritt Franklin Foer, dessen „World without mind“ schon in den USA erfolgreich war, weil es die klassischen kulturkritischen Vorbehalte gegen die digitale Modernisierung bedient. „An die Stelle des Mythos“ ist für Foer „die krasse Manipulation“ getreten – doch Mythen waren immer nur in ihrer menschlichen Vermittlung lebendig und daher nicht weniger manipuliert. Christoph Türcke hat 2015 ein bravouröses Buch über den Ursprung des Kapitalismus in der vorderasiatischen Tempelwirtschaft veröffentlicht („Mehr!“), das so ziemlich alle romantischen Vorurteile über einen vermeintlichen präkapitalistischen Ursprung aufhebt.

Auch Foers Postulat, dass „nichts das stille Nachdenken ersetzen“ könne, „diese einsamen Momente, in denen wir unseren eigenen Gedanken nachgehen und zu unseren eigenen Schlüssen kommen“, ist reichlich weltfremd. Einsames Nachdenken tritt zumeist im Kontext mit Depression auf, und nach nichts sehnt sich der Depressive so sehr wie danach, einmal nicht von seinen eigenen Gedanken verschlungen zu werden, einmal nicht zu seinen eigenen Schlüssen zu kommen, sondern so zu sein wie die anderen (sich dieses Bedürfnis nicht voll eingestehen zu können, ist freilich Kern der Depression). Der Zölibat war seit je eine Tugend, aus der eine Not gemacht wurde. Interessant wäre neben all den Statistiken über die persönlichkeitsschädigende Wirkung von Facebook eine, die nachweist, wie viele vordem einsame und depressive Menschen durch die sozialen Medien, die ihnen endlich die heiß ersehnte Aufmerksamkeit anderer Menschen verschafften, therapiert und gerettet wurden.

Der Zuwachs an Bildung war nie größer als im Internetzeitalter

Vollends albern ist schließlich Foers Behauptung, nur das auf Papier geschriebene Buch gebe uns „die Möglichkeit, uns von der Maschine zu befreien und unsere Menschlichkeit zu erfahren“. Nicht nur ignoriert Foer hier, dass, wie eben Burckhard zeigt, die Schrift selbst Maschine ist; er vergisst auch, dass das Internet, als die Maschine unserer Zeit schlechthin, entstand, damit Wissenschaftler in aller Welt sich besser miteinander austauschen konnten. Wenn uns heute „ständig Pings aus unseren Gedanken reißen“, geschieht das gerade um des Geistes willen.

Zudem war der Zuwachs an Bildung nie größer und geschah rascher als im Internetzeitalter. War noch vor wenigen Jahrzehnten Bildung quasi eine Geheimwissenschaft, abhängig von Geld – ein „Brockhaus“ kostete so viel wie ein Kleinwagen – und subtilen Kulturtechniken, kann dank Internet und Endgeräte heute jedes philippinische Zimmermädchen zur Expertin für alles Mögliche werden. „Hektisch, gedrängt und willkürlich“, wie Foer die Lektüre im Internet nennt, kann schlechthin jede Lektüre sein. Die analoge im Wartezimmer ist es meist viel eher.

Sorge vor dem "gläsernen Menschen"

Dystopien verkaufen sich gut. Auch deshalb wird Burckhards Buch wohl ein Ladenhüter bleiben, während Foer die gängigen Vorbehalte gegen die Transformation des Menschen souverän bedient. Doch diese Transformation ist in vollem Gange. Niemand gibt gern seine Daten an Google, aber jeder freut sich, wenn eine Krebstherapie dank der Gentechnik anschlägt.

Berechtigter und realistischer als Kulturkritik ist da die politische Warnung vor dem „gläsernen Menschen“. Der einschlägige Autor hierzu ist indes nicht Foer, sondern Jaron Lanier, der Pionier der virtual reality, das nur nebenbei.

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Aber Enthüllung, Entblößung, Durchschaubarkeit ist ja ein Grundziel der Humanität: Schon jeder harmlose Flirt am Flughafen bedeutet einen gewollten Verlust an privacy. Womöglich ist der gläserne Mensch nur die notwendige Kehrseite des Iron Man? Der Weg zurück in die behütete Weltfremdheit der vortechnologischen Zeit dürfte uns in jedem Fall verschlossen sein.

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„Es gibt“, schreibt Burckhard, „Metaphysik, weil das Begehren nach Unsterblichkeit größer ist als das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.“ Je näher aber der Mensch seiner Unsterblichkeit kommt, desto geringer wird sein metaphysisches Bedürfnis. Das bedeutet freilich nicht, dass es das Metaphysische nicht gebe, sondern lediglich, dass „es“ selbst etwas Physisches sui generis ist. Im Modus der Entmetaphysierung wird das Metaphysische eingeholt. Die Digitalisierung ist der aktuell sichtbarste Ausdruck dieses Prozesses. Auch deshalb kann man sie guten Gewissens willkommen heißen.

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