Chöre in Zeiten von Corona : Maulkorb für Berlins Chöre – wie lange noch?

Erst probten sie unter Auflagen, dann kam ein neuer Lockdown. Auch Berlins Profi-Chöre sind zum Schweigen verdammt - und hoffen auf späte Einsicht beim Senat.

Wie weit fliegen die Aerosole? Immer mehr Studien untersuchen die Möglichkeiten des Singens mit Abstand in Zeiten von Corona.
Wie weit fliegen die Aerosole? Immer mehr Studien untersuchen die Möglichkeiten des Singens mit Abstand in Zeiten von Corona.Foto: dpa/Bayerischer Rundfunk

In anderen Bundesländern ist es erlaubt, in Berlin seit dem 23. Juni nicht mehr. Das Verbot, in geschlossenen Räumen gemeinsam zu singen, hat nicht nur die Berliner Laienchöre kalt erwischt, sondern auch die Profi-Sängerinnen und -Sänger. Es gilt vorerst bis zum 24. Oktober.

Corona killt Chöre? Sie haben bei Kultursenator Klaus Lederer und beim Regierenden Bürgermeister protestiert, der Rias-Kammerchor und der Rundfunkchor Berlin mit einem Schweigevideo, der Chorverband mit einem Offenen Brief, der vor den katastrophalen Folgen warnt: vor einer akuten Gefährdung aller Berliner Chöre und vor dem Sterben des Nachwuchses, wenn in der Schule nicht mehr gesungen werden darf. Nur Singen im Freien ist erlaubt. Aber open air entsteht kein Klang, keine gemeinsame Musik.

Eigentlich waren Rundfunkchor und der Rias-Kammerchor – staatlich finanziert über die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) – Vorreiter für die Laien. Fünf Wochen testeten sie, wie es gehen könnte, probten unter strengen Schutzauflagen, auf drei Meter Abstand, mindestens. Der Rundfunkchor konnte sein Hölderlin-Programm, das am Freitag vom Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt wird, gerade noch im Radialsystem aufnehmen. Dann kam das Aus, auch für die digitale Liederbörse für Schüler, Eltern und Lehrer.

Frust, Ärger und Unverständnis sind groß. Keinerlei Gespräche gingen der Verordnung voraus. „Wir wollen und können nicht zurück in die Normalität, aber gar nichts tun zu dürfen, ist unverhältnismäßig,“ sagt RiasKammerchordirektor Bernhard Heß. Die Kulturpolitik dachte offenbar nur an den Gemeindegesang – und die Horrornachrichten vom Beginn der Pandemie über Chöre als Superspreader. Seriöse, diszipliniert probende Ensembles hat der Senat offenbar schlicht vergessen.

Die jüngsten Studien, sei es aus München/Erlangen, Freiburg oder von der Charité, bestätigen zwar, dass beim Singen mehr Aeorosolausstoß entsteht als beim Sprechen, bescheinigen den „Partikelquellstärken“ aber gleichzeitig eine starke Inhomogenität. Je nach Bedingungen oder der Art des Gesangs. Die Münchner Studie mit Mitgliedern des BR-Chors kommt bei ihren ersten Ergebnissen zu dem Schluss, bei guter Durchlüftung seien Abstände zwischen den Chormitgliedern von 2 bis 2,5 Meter nach vorne und 1,5 Meter zur Seite „sinnhaft“. Klingt machbar, zumindest für das Singen in kleinerer Formation.

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Für den 21. Juli hat Klaus Lederer die Betroffenen zum Expertengespräch eingeladen, Vertreter des Landesmusikrats, der Kirchen, der Chorverbände sowie die Chordirektoren Bernhard Heß und, für den Rundfunkchor, Hans-Hermann Rehberg. „Wir hoffen, dass der Senat dann zu einer differenzierten Lesart der Verordnung kommt“, sagt Rehberg. Auch Heß kann es sich kaum anders vorstellen. Es könne nicht sein, dass Chören praktisch Berufsverbot erteilt werde. Mit den wissenschaftlichen Studien, so Heß, haben die Chöre gute Argumente auf ihrer Seite.

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters steht ihnen bei. In einem Zeitungsinterview verweist sie auf die Bundeshilfen für privatwirtschaftlich organisierte Ensembles aus dem „Neustart“-Milliarden-Programm und sorgt sich um die „extrem schwierige“ Lage der Chöre. Vor allem wünscht sie sich sehr, dass bald wieder gesungen werden kann.

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