Classic Open Air : Klavier hoch vier auf dem Gendarmenmarkt

Virtuosenquartett: Die Pianisten Axel Zwingenberger, Martin Tingvall, Sebastian Knauer und Joja Wendt wärmen das Publikum von Classic Open Air bei kühlen Temperaturen mit heißen Rhythmen.

Sebastian Knauer, Joja Wendt, Martin Tingvall und Axel Zwingenberger (v.l.)
Sebastian Knauer, Joja Wendt, Martin Tingvall und Axel Zwingenberger (v.l.)Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Gerhard Kämpfe ist ein Mann von unerschütterlichem Optimismus: Seit 1992 mietet er jedes Jahr Anfang Juli den Gendarmenmarkt, um hier sein „Classic Open Air“ zu veranstalten. Ohne ahnen zu können, ob sich das Wetter dann auch wirklich für Konzerte unter freiem Himmel eignet. Alles an meteorologischem Unbill hat der Impresario schon erlebt, und auch diesmal läuft es temperaturmäßig nicht wirklich ideal. Genau sieben Tage nach dem Berliner Gluthitzewochenende bekommen am Sonntag selbst die dick eingepackten Besucher eine kalte Nase. Immerhin fällt kein Dauerregen, wie am Abend zuvor bei der musikalisch von südlichem Feuer durchglühten italienischen Operngala.

So manche Wandlung hat „Classic Open Air“ durchgemacht in 27 Jahren: Am Anfang wurden Stars wie José Carreras, Montserrat Caballé und José Cura aufgeboten, es gab musikhistorisch fokussierte Abende, ja sogar reine Wagner-Soireen. Dann weichte das Programm immer mehr ins Populäre auf, kamen Crossover und reine Popkonzerte dazu. Umso wagemutiger erschien es darum, als Gerhard Kämpfe 2017 lediglich vier Pianisten auf der Riesenbühne vor dem Konzerthaus präsentierte. Ganz ohne orchestrale Massen, wogende Chöre, Solistinnen in bunten Roben und ballettöser Garnitur ist der Schauwert zwar minimal. Dafür aber geht es stilistisch faszinierend vielfältig zu.

Was sich mit einer Klaviertastatur alles anstellen lässt

Das Experiment gelang – und darum ist das Virtuosenquartett am Sonntag nun schon zum dritten Mal auf dem Gendarmenmarkt mit dabei. Um zu zeigen, was sich mit einer Klaviertastatur so alles anstellen lässt. Axel Zwingenberger ist Boogie-Woogie-Spezialist, Martin Tingvall Jazzer, Sebastian Knauer kommt aus der Klassik, und Joja Wendt kann irgendwie alles. Und er trägt auch gerne dick auf, wenn er seine Kollegen anmoderiert. Was gar nicht nötig wäre, weil die Herren mit ihren Fingern für sich selber sprechen. Denn hier geht es nicht in erster Linie um die Show. Sebastian Knauer beispielsweise spielt die gesamte „Mondschein“- Sonate, 16 Minuten Beethoven am Stück – das ist mehr, als dem durchschnittlichen Radiohörer als Aufmerksamkeitsspanne zugetraut wird. Auf dem Gendarmenmarkt aber lauschen tatsächlich Tausende aufmerksam bis zum letzten Takt.

Was sicher auch an der hervorragenden Übertragungsqualität liegt. Denn so ein Steinway-Sound lässt sich natürlich leichter einfangen als die Klangfarbenfülle der Orchesterinstrumente. Wenn Martin Tingvall sich nach Keith-Jarrett- Art in poetischen Improvisationen verströmt, dringt sein sensibler Anschlag glasklar durch die Lautsprecher. Und selbst die Boogie-Woogie-Naturgewalt eines Axel Zwingenberger bringt die Boxen nie zum Klirren.

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Fast drei Stunden dauert dieser wirklich außergewöhnliche Pianomarathon, und je kälter die Nachtluft wird, desto mehr heizen die Herren auf der Bühne den Leuten ein, die unten auf ihren Klappstühlen bibbernd mitswingen. Ob sie in nahtlosen Übergängen nacheinander Chopin, Rachmaninow und Bernstein nach ihrer Façon interpretieren, ob sie alle zusammen an zwei Flügeln mit 40 Fingern gleichzeitig in die 176 Tasten hauen – man spürt, dass diese vier tollen Künstler dabei genauso viel Spaß haben wie ihre Zuhörer.

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