Beethoven als Comicfigur : Ein Hoch auf Luddi

Drei aktuelle Bücher zum 250. Geburtstag Beethovens zeigen, wie unterschiedlich man sich als Comicautor dem Musiker und seinem Werk nähern kann.

Birte Förster
Alles fließt: Eine Szene aus „Goldjunge - Beethovens Jugendjahre“ von Mikael Ross.
Alles fließt: Eine Szene aus „Goldjunge - Beethovens Jugendjahre“ von Mikael Ross.Foto: avant

Ludwig van Beethoven war zweifelsohne ein musikalisches Genie. Sein Werk begeisterte die Menschen schon zu Lebzeiten. Gleichzeitig galt er als störrisch und jähzornig, mit seinem oft wechselnden Hauspersonal geriet er ständig in Streit. Und auch seine Nachbarn hatten Pech mit ihm, wenn er mitten in der Nacht auf die Tasten seines Klaviers hämmerte. Dennoch: Die Verehrung, die ihm zuteilwird, ist bis heute ungebrochen.

Im Beethoven-Jahr 2020, in dem vielerorts der 250. Geburtstag des bedeutenden Komponisten gefeiert wird, sind drei Graphic Novels über ihn erschienen. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und lassen sie sich gut in Ergänzung zueinander lesen: Mit jeder Graphic Novel eröffnen sich ganz neue Perspektiven.

Eine Doppelseite aus „Mythos Beethoven“.
Eine Doppelseite aus „Mythos Beethoven“.Foto: Knesebeck

In „Mythos Beethoven“ (Knesebeck, 96 S., 25 €) vereint Moritz Stetter Reaktionen, Eindrücke und Anekdoten von Beethovens Mitmenschen, darunter Goethe, Haydn oder E.T.A. Hoffmann. Beschrieben wird, wie seine Musik in den Menschen die wildesten Gefühle auslöste, wie sie sich an den Haaren zogen und krümmten oder die Tränen in Strömen flossen.

Aber auch, wie Beethoven zornig reagierte, wenn man seiner Musik nicht den gebührenden Respekt zollte und er sich mit zunehmender Taubheit immer mehr isolierte. Oft kommt Beethoven selbst zu Wort: sein Missverstandensein, seine Verzweiflung angesichts des Hörverlusts, die Gedanken an Suizid.

Stetter verleiht seinen Bildern in kräftigen schwarzen Linien und zarten Pastelltönen einen poetischen Anstrich. Etwa wenn Beethoven kreuz und quer über Notenlinien wandelt, ganz in seiner Welt und von der Musik eingenommen. Oder er das Vogelgezwitscher, das er in der Natur wahrnimmt, gedanklich und bildhaft in Musikinstrumente übersetzt.

Das Titelbild von „Mythos Beethoven“.
Das Titelbild von „Mythos Beethoven“.Foto: Knesebeck

Manchmal vermisst man inmitten der zusammengefügten Impressionen ein wenig den roten Faden einer Erzählung. Dennoch entsteht ein eindrucksvolles Gesamtbild. Dazu tragen auch die doppelseitigen Bilder am Ende bei, die auf die Bedeutung von Beethovens Musik bis in die heutige Zeit verweisen.

Auch vor Leichenfledderei schrecken sie nicht zurück

Einen anderen Ton schlagen Peer Meter und Rem Broo in „Beethoven. Unsterbliches Genie“ (Carlsen, 144 S., 22 €) an – und zwar einen recht makabren. Die Geschichte, die alles andere als eine klassische Biografie ist, beginnt mit Beethovens Ableben. Menschenmassen bilden sich nach der Nachricht über dessen Tod vor seinem Wohnhaus in Wien.

Eine Seite aus „Beethoven. Unsterbliches Genie“.
Eine Seite aus „Beethoven. Unsterbliches Genie“.Foto: Carlsen

Viele wollen ihn ein letztes Mal sehen. Sie erfinden die verwegensten Geschichten, um die angebliche Freundschaft zu dem Komponisten zu beweisen. Jeder will die Deutungshoheit über Beethovens Leben und Tod für sich beanspruchen.

Ob es stimmt oder nicht, Erfolg haben sie: Von Beethovens Lockenpracht ist bei der Beerdigung nicht mehr viel übrig, denn etlichen gelingt es, zum Andenken an den berühmten Komponisten eine Haarsträhne abzustauben. Und selbst vor Leichenfledderei schrecken manche nicht zurück. Jemand hat es gar auf den Schädel des Komponisten abgesehen und diesen schließlich gegen ein unbekanntes Exemplar ausgetauscht.

Das Titelbild von „Beethoven. Unsterbliches Genie“.
Das Titelbild von „Beethoven. Unsterbliches Genie“.Foto: Carlsen

Erstaunen mag, dass das und einiges andere sich tatsächlich so oder so ähnlich ereignet hat, wie im Nachwort zu erfahren ist. Rem Broo erzählt das in detaillierten Bildern und gedeckten Farben. Der geschmeidige, fast märchenhafte Look steht im Kontrast zu den düsteren Inhalten. Bei aller Tragik ist das doch recht erheiternd.

„Wer in der Welt ein Herr ist, muss sich nicht waschen“

Mikael Ross richtet in seinem grandiosen Buch „Goldjunge - Beethovens Jugendjahre“ (avant 192 S., 25 €) den Fokus auf Beethovens Kindheit und Jugend in dessen Heimatstadt Bonn. Der kleine Ludwig ist bei ihm ein drolliger, aber eigenwilliger Fratz. Wenn er nach einer Schlägerei mit blauem Auge verdrießlich dreinblickt, hat er so gar nichts von diesem Wunderkind, von dem alle Welt spricht.

Das Titelbild von „Goldjunge - Beethovens Jugendjahre“.
Das Titelbild von „Goldjunge - Beethovens Jugendjahre“.Foto: avant

Seiner Begabung früh bewusst, mangelt es ihm nicht an Selbstbewusstsein. „Wer in der Welt ein Herr ist, muss sich nicht waschen“, sagt er einmal. Sieben Jahre ist er da alt. Oft mit dabei sind auch seine mäßig begabten Brüder, ein leicht dümmliches Duo, das an Beavis und Butt-Head aus der gleichnamigen US-Serie erinnert. „Luddi“ nennen sie ihren Bruder.

Dennoch gibt Ross seinen Protagonisten nicht der Lächerlichkeit preis. Er erzählt von Beethovens Aufwachsen in finanziell prekären Verhältnissen, dem tyrannischen, alkoholsüchtigen Vater, seiner Freundschaft zu der adligen Familie von Breuning, der lebensbedrohlichen Pockeninfektion und natürlich von seinem Werdegang als Musiker.

Die Figuren sind mit skizzenartigem Strich cartoonhaft überzeichnet. Prächtig ist die Kolorierung, das Farbschema variiert je nach Szene. Immer wieder kommen Passagen, die im Zusammenspiel aus Tempo, Erzählrhythmus und Dialogen kaum zu übertreffen sind.

[Persönlich, ehrlich, klug - Christian Thielemann erzählt seine „Reise zu Beethoven“]

Wenn Beethoven in Wien dem durchgeknallten Mozart begegnet, der auf einer Brücke in einen Holzkübel seine Notdurft verrichtet und währenddessen mit der Toilettenfrau über seine neueste Oper plaudert, ist das einfach urkomisch. Beethoven folgt dem genervten und fluchenden Mozart anschließend durch Wien, mit der Bitte ihm Unterricht zu geben.

Ob sich Beethoven und Mozart in Wirklichkeit je getroffen haben, ist historisch nicht eindeutig geklärt. Ross hat sich den blinden Fleck in Beethovens Biografie jedenfalls geschickt zunutze gemacht. Solch komödiantische Szenen wechseln sich aber auch mit ernsthaften Momenten ab. Das bietet eine dynamische Lektüre.

Eine eindringliche Ästhetik entfaltet sich, wenn Ross Beethovens Kompositionen ins Visuelle übersetzt und kraftvolle, miteinander harmonierende Farben aus einem Flügel emporsteigen und als voluminöse Wolke durch den Raum ziehen lässt. Dann bekommt man eine Ahnung davon, welche Emotionen Beethovens Musik noch heute in den Menschen auslöst.

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