Bernd Pfarr : Poet des absurden Humors

Ein glänzender Cartoonist - und noch viel mehr: Bernd Pfarr wird mit einer Ausstellung und einem Katalog geehrt. Die zeigen, wie zeitlos sein Humor war.

In Acryl: Ein Cartoon aus dem besprochenen Buch (für Komplettansicht auf Kreuz klicken).
In Acryl: Ein Cartoon aus dem besprochenen Buch (für Komplettansicht auf Kreuz klicken).Foto: Carlsen

Ein nackter Mann steht unter einer Duschbrause, doch das Wasser fließt auf wundersame Weise nicht senkrecht auf ihn herunter, sondern macht eine Bogenbewegung an ihm vorbei. Unter dem Bild steht die nüchterne Feststellung: „Dietmar war so unwahrscheinlich schmutzig, dass sogar der Duschstrahl sich weigerte, ihn zu berühren.“

Ein Beispiel für den Humor Bernd Pfarrs, der in seinen erfrischend unkonventionellen Cartoons ganz eigene Gesetze des Humors entwickelte. Dabei spielte auch die Ästhetik eine große Rolle, denn Pfarrs Bilder waren oft stimmungsvolle, poetische Gemälde, die erst in Verbindung mit den kurzen, begleitenden Texten – die die Bilder meist ironisch bis tiefschwarz konterkarierten - ihren Witz voll entfalteten.

Eine Welt voller schrulliger Figuren

Pfarr hebelte nicht nur wie im angeführten Beispiel die Naturgesetze aus, um einen komischen Effekt zu erzielen, sondern stellte auf unvergleichlich subversive wie heitere Weise auch die grundsätzlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Frage, unter denen ein Miteinander von Menschen überhaupt möglich war.

Letztlich erschuf er eine ganz eigene Welt voller schrulliger Figuren, die nicht nur aus menschlichen bestand, sondern auch anthropomorphe Tiere, intelligente Pflanzen oder sprechende Gegenstände mit einschloss. In seinen Cartoons schien schlicht alles möglich zu sein.

Der 1958 geborene Frankfurter Zeichner Bernd Pfarr veröffentlichte seit Ende der 70er Jahre regelmäßig Cartoons und Comics, angefangen mit Beiträgen in Underground-Magazinen wie „Hinz und Kunz Komix“, „U-Comix“ oder „Zomix“, über Satiremagazine wie „pardon“ und „Titanic“ bis hin zu „Zeit“ oder „Stern“.

Modernisierte Klassiker: Pfarr verarbeitete auch Iwan Gontscharows Roman "Oblomow"
Modernisierte Klassiker: Pfarr verarbeitete auch Iwan Gontscharows Roman "Oblomow"Foto: Carlsen

Nun wird der 2004 im Alter von nur 45 Jahren verstorbene Zeichner mit einer Ausstellung im „Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ Hannover geehrt (noch bis 17.2.2019). Der dazu erschienene Katalog „Die wilde Schönheit der Auslegeware“ eignet sich bestens als Einstiegsdroge in Pfarrs bizarres Universum, dem u.a. der kleine Angestellte „Sondermann“, der entenhafte Automechaniker „Dulle“ und „Alex der Rabe“ angehören.

Immer ein kindlich-unbesorgtes Lächeln auf den Lippen

Beim Wiedersehen mit Bernd Pfarrs Werken fällt auf, wie zeitlos sein Humor war – ähnlich etwa dem Zeichner Vicco von Bülow alias Loriot nehmen seine Comics und Cartoons auf philosophische wie analytische Weise die Spezie Mensch aufs Korn und zeigen gerade in der aufs Äußerste getriebenen satirischen Zuspitzung, wie Pfarr sie betrieb, wie absurd unser Alltag ist.

Der kleine Angestellte Sondermann, dessen Erlebnisse regelmäßig in der „Titanic“ zu lesen waren, ist dabei seine bekannteste Figur (hierzu ist aktuell auch eine Gesamtausgabe erschienen).

In Cartoons mit meist ein bis vier Bildern manifestierte Bernd Pfarr seinen Blick auf einen deutschen Durchschnittstypus, der auf noch so surreale, mannigfaltige Alltags-Widrigkeiten mit geradezu stoischer Gelassenheit reagiert, dabei stets mit einem kindlich unbesorgten Lächeln auf den Lippen.

Spiel mit Stereotypen: Ein Sondermann-Cartoon.
Spiel mit Stereotypen: Ein Sondermann-Cartoon.Foto: Carlsen

Wer heute, wie manche Medienmacher, die Satirefreiheit einzuschränken versucht, indem er ihr manche „No-Gos“ im Sinne der - zu Lebzeiten des Zeichners noch nicht als solche benannte - „Political Correctness“ vorzuschreiben versucht, hätte bei Bernd Pfarr auf Granit gebissen: in seinen Cartoons wimmelt es nur so vor Anspielungen auf absonderliche sexuelle Praktiken, geschlechtsspezifische Typisierungen oder afrikanische Kannibalen wie aus dem Kolonial-Klischee-Katalog.

Pfarrs Humor vorschnell als chauvinistisch oder rassistisch zu brandmarken, verkennt jedoch dessen bewusstes ironisches Spiel mit gängigen Stereotypen, um dem westlichen Leser auf ironische Weise den Spiegel vorzuhalten. Indem etwa Sondermann im Büro den fröhlichen, neckischen Umgang der neuen Mitarbeiter (lustige „Neger“ in Bastkostümen) als beglückend empfindet, oder gar ein völlig absurdes „Negerschrubben“ in der Badewanne auf dem Dienstplan steht, wird vielmehr der allzu biedere Alltag des Büromenschen aufs Korn genommen, der sich nach dem absoluten Gegenpol seiner Existenz in Form exotischer Kultur sehnt.

Beim Lesen von Franz Kafka erwischt

Das Motiv wird von Pfarr immer wieder aufgegriffen und variiert: Einmal besucht ein Kollege Sondermann zuhause und entdeckt dessen neues Radio, dass die Form eines nackten, lebensgroßen Afrikaners mit abstehendem Riesenpenis hat. Als der Kollege die Skulptur aus Versehen zerstört, will er das vertuschen, indem er sich selbst auszieht und an der Stelle des Radios positioniert.

Milieustudie: Ein „Dulle“-Strip von Bernd Pfarr (für Komplettansicht auf Kreuz klicken).
Milieustudie: Ein „Dulle“-Strip von Bernd Pfarr (für Komplettansicht auf Kreuz klicken).Foto: Carlsen

Auch Pfarrs Comicreihen wie „Dulle“, in der es um eine Gruppe anthropomorpher Tiere in einer Autowerkstatt geht, verzichtet nicht auf seinen typischen absurden Humor. Die Charaktere erinnern an Carl Barks´ Duck-Familie, sind aber ungleich schräger. Die Hauptfigur, ein Erpel namens Dulle, tritt meist als übellauniger Chef auf, dessen offensichtlich schwachsinniger Angestellter Kurt sitzt am liebsten apathisch grinsend am Steuer eines Cabrio-Autowracks.

Auch hier kontrastiert Pfarr ein konkretes Milieus mit vollkommen unerwarteten, untypischen Verhaltensweisen, wenn zum Beispiel Dulle den zur Heizungsreparatur befohlenen Angestellten Kapuste beim Lesen von Franz Kafkas „Schloss“ erwischt. Kapuste echauffiert sich daraufhin, der Buchhändler habe ihm das Landvermesser-Buch fälschlicherweise als eines über einen Heizungsmonteur verkauft...

Zeus ist das Blitzeschleudern leid

Thematisch finden sich in Pfarrs Werken zahlreiche Anspielungen auf die Literatur- und Mythologiegeschichte. Vor allem Gott höchstselbst wie auch das Personal der griechischen Antike wurden von Pfarr aufs liebevollste karikiert und zugleich in ihrer Funktion und Bedeutung spitzfindig hinterfragt.

Gott kann so ein weißhaariger alter Narr mit geradezu kindischem Humor sein, der seine Kreaturen mit albernen Späßen ärgert. Oder er wird als gemütlicher Mann im Lehnsessel gezeigt, der seinen selbstgemachten Schnappschuss vom Urknall („Wamm!“) im Wohnzimmer aufgehängt hat. Zeus wiederum ist eines Tages das Blitzeschleudern leid und wirft lieber mit Torten um sich. Und ein neuer Job in einem neuen, allzu „armseligen“ Labyrinth kann selbst den Minotaurus in den Suff treiben.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Carlsen

Für viele seiner Cartoons erschien Pfarr die Zeichnung als Form nicht angemessen, weswegen er sie in Acryl malte – diese virtuos gemalten Witz-Gemälde sind nicht weniger komisch als die gezeichneten und laden durch ihre feine Technik auch zum längeren Betrachten und Räsonnieren ein. Unglaublich viel Mühe verwandte der Künstler dabei auf die Ausleuchtung und Farbstimmung.

Viele dieser schwelgerisch schönen Bilder erinnern mit ihren fast leeren Straßenansichten (die wiederum zahlreiche Anspielungen an reale Architekturen enthalten) oder detailreich ausgestalteten Innenräumen an Edward Hoppers archetypische Einsamkeitsstudien von modernen Menschen, nur dass sie mit Bernd Pfarrs subtilem philosophischem Humor angereichert sind.

Buch und Ausstellung zeigen: Bernd Pfarr war ein glänzender Cartoonist - und doch viel mehr.

Die Ausstellung über Bernd Pfarr im Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst Hannover läuft noch bis 17.2.2019. Katalog: Bernd Pfarr, Die wilde Schönheit der Auslegeware. Carlsen Verlag, 160 S., 25 €

Weiter Artikel unseres Autors Ralph Trommer finden Sie unter diesem Link.