Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2018 – Ute Friederichs Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das haben wir unsere Leser und eine Fachjury gefragt. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Autorin Ute Friederich.

Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.
Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.Foto: Tsp

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Leserinnen und Leser wieder gefragt, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine Auswahl der Ergebnisse. Parallel dazu war wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die bestand in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Ute Friederich, Moritz Honert, Oliver Ristau, Sabine Scholz, Marie Schröer, Ralph Trommer und Lars von Törne.

Die Mitglieder der Jury haben in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres gekürt, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Die Ergebnisse finden sich unter den obigen Namens-Links. Jeder individuelle Favorit wurde von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt. Daraus ergab sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landeten. Diese Shortlist wurde abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die sich unter diesem Link findet.

Ute Friederich.
Ute Friederich.Foto: privat

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Tagesspiegel-Autorin Ute Friederich.

Platz 5: Jan Bachmann: Mühsam. Anarchist in Anführungsstrichen (Edition Moderne)
Comicadaptionen literarischer Vorlagen gibt es wie Sand am Meer. Dass es sich bei der literarischen Vorlage um ein Tagebuch handelt, das ist jedoch – wenn man einmal vom Tagebuch der Anne Frank absieht – mehr oder weniger ein Novum. Und eine solche Adaption ist mitunter auch eine besondere Herausforderung, weil die Vorlage eben nur die persönlichen Einträge, jedoch keine Dialoge oder konkrete Szenen bereithält. Dem Comiczeichner bietet sich so ein großer Freiraum, den er füllen kann, aber eben auch füllen muss. Jan Bachmann ist diese Aufgabe mit seiner Adaption der Tagebücher von Erich Mühsam eindrucksvoll gelungen. Vielleicht liegt es auch an Bachmanns Blick auf seine Figur. Er sieht den bekannten Anarchisten als „Bürgersöhnchen zwischen wahnwitziger Selbstüberschätzung und freundlicher Selbstironie – als ideale Comicfigur also.“ Und dieser Blick transportiert sich sowohl in der Auswahl und Gestaltung der (frei erfundenen) Szenen, in die Bachmann wörtliche Zitate aus Mühsams Tagebüchern einbettet, als auch in seinem bunt-karikaturesken Zeichenstil.

Platz 4: Dominik Wendland: Tüti (Jaja Verlag)
Die Protagonistin in Dominik Wendlands Comic ist eine Plastiktüte. Aber nicht etwa eine anthropomorphisierte mit deutlich menschlichen Zügen, die dann auch sprechen könnte. Ihre Henkel wirken zwar hier und da wie Arme oder Beine, und ein großes „Ü“ gibt Tüti ein Gesicht, dennoch scheinen ihre Bewegungen allein durch Luftzug verursacht zu werden. Und so trägt der Wind die Tüte von einem Abenteuer ins nächste. Sie wird in einen Bandenkrieg verwickelt, hat eine leidenschaftliche Affäre und findet sich am Ende gar auf dem Thron eines Landvogts wieder. Ganz nebenbei gehen dann auch zwei Morde auf das Konto der Tüte. Alles nur eine Verkettung von Zufällen? Aber inwieweit beeinflusst eigentlich die Zuschreibung von Eigenschaften, also die Interpretation des Verhaltens anderer, unsere eigenen Entscheidungen? Dass Wendland es schafft, diese gewichtige Frage in eine grotesk-komische Geschichte zu verpacken, die mit großer Leichtigkeit daherkommt, das macht die große Stärke dieses Comics aus.

Platz 3: Antonia Kühn: Lichtung (Reprodukt)
Antonia Kühns „Lichtung“ beginnt mit einem Satz, alleine auf einer ansonsten leeren Seite platziert, an dem man direkt hängen bleibt. „Vielleicht gibt es so etwas wie eine allererste Erinnerung überhaupt.“ Man stockt. Müsste es nicht eher heißen „Vielleicht gibt es so etwas wie eine allererste Erinnerung überhaupt nicht“? Ist es schließlich nicht furchtbar schwer, solch eine frühe Erinnerung für sich selbst zu benennen? Und Bücher – sowohl Comics als auch literarische Werke – die die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen thematisieren, scheinen aktuell in Mode zu sein. Liest man weiter, stellt man schnell fest, dass auch Kühns Debüt die Zuverlässigkeit von Erinnerungen in Frage stellt und nach dem Funktionieren von Erinnerungen fragt. Doch obwohl dies ein so omnipräsentes Thema ist und obwohl ihre Bleistiftzeichnungen auf den ersten Blick eher konventionell wirken, sticht „Lichtung“ aus der großen Menge an Neuerscheinungen hinaus. Was den Comic so beeindruckend macht, das sind die außergewöhnliche Seitenarchitektur sowie die zentrale Bildmetapher des Mobiles – die allererste Erinnerung des Protagonisten –, die sich durch den gesamten Comic ziehen.

 

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