Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2019 – Birte Försters Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Autorin Birte Förster.

Birte Förster
Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.
Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.Foto: Tsp

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine Auswahl der Ergebnisse. Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Ute Friederich, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt. Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 19. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Birte Förster.
Birte Förster.Foto: PNN

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autorin Birte Förster

Platz 5: „Ein Freitod“ von Steffen Kverneland (Avant)
Wie es ist, wenn sich der eigene Vater überraschend das Leben nimmt, wie man mit Schmerz und Trauer umgeht, beschreibt der Norweger Steffen Kverneland in seiner Graphic Novel „Ein Freitod“. Viele Jahre nach dem Tod des Vaters begibt sich der Comiczeichner auf eine Spurensuche. Er rekonstruiert die Biografie des Vaters und dessen Rolle in der Familie. Wie nach und nach Depression und Alkoholsucht immer mehr Raum einnehmen und schließlich in den Suizid führen. Kverneland hat für diese sehr persönliche Geschichte ausdrucksstarke Bilder gefunden. In düsteren Aquarellen ist immer wieder das frühere Haus der Familie zu sehen sowie das Fabrikgelände, der frühere Arbeitsplatz des Vaters, an dem dieser sein Leben beendete. In zahlreichen überwiegend farbigen Bildern zeichnet Kverneland das Leben der vierköpfigen Familie nach und dokumentiert das Ganze auch über Abdrucke alter Fotos. Dazwischen mischen sich eindrucksvolle Szenerien der norwegischen Landschaft aus Wäldern, Fjorden und Seen. Kverneland nähert sich in seiner Graphic Novel einem schwierigen Thema über eine grafisch vielschichtige Umsetzung.

Platz 4: „Wir waren Charlie“ von Luz (Reprodukt)
Mit „Wir waren Charlie“ setzt Zeichner Luz, eigentlich Rénald Luzier, Cabu, Charb, Tignous und all den anderen, die bei dem Terroranschlag auf das Satiremagazin am 7. Januar 2015 ums Leben gekommen sind, ein großartiges Denkmal. In seiner Graphic Novel lässt er den Terroranschlag bewusst außen vor und beschreibt die Jahre der gemeinsamen Zusammenarbeit in der Redaktion von Charlie Hebdo. Mit lockerem Strich skizziert Luz den Arbeitsalltag aus kreativen Einfällen, Albernheiten und Kabbeleien. Dabei schildert er auch eine Reportagereise über den Balkan oder den Besuch eines US-Gefängnisses in Louisiana. Und der Leser erfährt, wie sich die Karikaturisten unterwegs mit raffinierten Kniffen halfen: Indem sie im Dunkeln oder sogar in der Jackentasche zeichneten. Lebhaft und charmant charakterisiert Luz aber vor allem seine früheren Kollegen, die mit der Zeit zu Freunden wurden. Die Graphic Novel hat viele heitere Momente parat. Geschickt verknüpft Luz diese aber auch mit einer nachdenklicheren Ebene aus dunklen Farben und ineinanderfließenden Formen, die ihn mehrere Jahre nach dem Anschlag zeigt. Und an die traurige Tatsache erinnert, dass alles andere längst der Vergangenheit angehört.

Platz 3: „I’m every woman“ von Liv Strömquist (Avant)
Frech, witzig und subversiv kommt Comic-Zeichnerin und Feministin Liv Strömquist mit ihrer Graphic Novel „I’m every woman“ daher. Wie in ihren vorherigen Werken nimmt sie dabei diverse gesellschaftliche Phänomene unter die Lupe und bringt vorherrschende Denkmuster auf den Prüfstand. Dabei knöpft sie sich auch männliche historische Persönlichkeiten vor wie Albert Einstein, Jackson Pollock und Diktator Josef Stalin und entlarvt deren Egomanie. Außerdem greift sie gesellschaftliche Ideale wie die Kernfamilie auf, zeigt wie skurril die Reaktionen auf Homosexualität in der Tierwelt ausfallen und erklärt, warum Kinder rechtskonservativ sind. Ihr Comic, der auf ausführlichen Recherchen basiert, ist äußerst informativ. Durch die locker-leichten Zeichnungen, die sie größtenteils in schwarz-weiß, teilweise aber auch in knalligen Farben präsentiert, entsteht eine amüsante Lektüre. Wie die Querdenkerin ihre feministische Gesellschaftskritik mit pointiertem Witz verknüpft, ist absolut mitreißend.

Platz 2: „Uns fürchtet nur das Unbekannte“ von Moritz Stetter (Jaja-Verlag)
Reisen bildet. Aber erst einmal überflutet es die Sinne mit allerhand Ungewohntem. So jedenfalls erlebte es Moritz Stetter bei seiner ersten Reise nach Indien vor zwei Jahren. Essen, Gerüche und die Geräuschkulisse in der Riesenmetropole Neu-Delhi sind für den Comic-Zeichner zunächst Neuland. Über Kontakte zu Landsleuten erhält er tiefergehende Einblicke in die indische Kultur und Gesellschaft. An seinen Erlebnissen lässt er über seine Comicreportage „Uns fürchtet nur das Unbekannte“ auch die Leser teilhaben. Mitreißend ist dabei vor allem der subjektive Blickwinkel, den Stetter einnimmt. Er schildert, wie all das Neue auf ihn wirkt: die vielen Menschen, die durch die Straßen drängen, ein hereinbrechender Monsun, traditionelle Feste oder Touren durch das Land, die für den sicherheitsverwöhnten Europäer zum Abenteuer werden. Seine grafische Verarbeitung der Erlebnisse ist dabei äußerst abwechslungsreich. Mit kräftigem Strich und zarten Pastelltönen zeichnet er den Wust an Eindrücken. Angereichert wird die Reportage durch viele Skizzen, mal grob umrissen, mal detailliert, die während der Reise entstanden sind und vor allem die Menschen zeigen, denen er begegnet ist. Dazu kommen Collagen aus Notizzetteln und Eintrittskarten. Alles zusammen sorgt für eine authentische Lektüre.

Platz 1: „Das Licht, das Schatten leert“ von Tina Brenneisen (Edition Moderne)
Eben noch war alles in Ordnung, dann die schreckliche Nachricht: Das Kind in Tinis Bauch ist tot. In ihrer autobiografischen Graphic Novel „Das Licht, das Schatten leert“ thematisiert Comic-Zeichnerin Tina Brenneisen die Totgeburt des eigenen Sohnes und geht darin offen mit dem traumatischen Erlebnis um. Wochenlang verharren Tini und ihr Freund Fritzemann in ihrer Wohnung, lösen sich erst nach und nach aus dieser Schockstarre. Ihr eigener Körper wird plötzlich zum Feind, Schuldgefühle quälen sie. Gleichzeitig bringt sie auch den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema zur Sprache und beschreibt, wie ihre eigene Familie damit überfordert scheint. In ihrem Comic verwebt Brenneisen geschickt verschiedene Erzählebenen. Dazu zählen auch Flashbacks aus der Zeit vor der Geburt oder wenn sie sich in ihrer Fantasie ein Zusammenleben mit ihrem Sohn Lasse ausmalt. Äußerst facettenreich ist auch die grafische Gestaltung: Die Zeichnerin kehrt ihr Inneres über eindringliche Metaphern nach außen, die versinnbildlichen, wie sie den Halt verliert. Unbedingt erwähnenswert ist auch die Kolorierung. Anfänglich wirken die Farben kraftlos und matt, werden nur durch die albtraumhaften Szenen in grellem Rot unterbrochen. In späteren Momenten mischt sich wieder Strahlkraft und Intensität darunter. Aber auch die Größenverhältnisse spiegeln Tinis Gefühlszustand wider. Mal lässt sie der Schmerz über den Verlust riesig erscheinen, ein anderes Mal fühlt sie sich winzig klein. Eine berührende Geschichte, die sowohl inhaltlich als auch künstlerisch überzeugt.

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