Comic „Mühsam - Anarchist in Anführungsstrichen“ : Aus dem Alltag eines Anarchisten

Nah am Original und doch erfrischend freigeistig: Jan Bachmanns Comic „Mühsam - Anarchist in Anführungsstrichen“ ist eine doppelte Hommage.

Marie Schröer
Frust im Sanatorium: Eine Seite aus „Mühsam - Anarchist in Anführungsstrichen“.
Frust im Sanatorium: Eine Seite aus „Mühsam - Anarchist in Anführungsstrichen“.Foto: Edition Moderne

Herbst 1910, inmitten einer Schweizer Postkartenkulisse: Erich Mühsam hat Herzprobleme und sitzt im Sanatorium fest. Die Berge mag er nicht; er findet sie „patzig und frech“. Das Rahmenprogramm und die übrigen Insassen geben ebenfalls wenig Anlass zu Heiterkeit.

In seinem Tagebuch kanalisiert er mit Verve den resultierenden Frust, neben einem Allerlei aus absurden Anekdoten, Aphorismen und Kommentaren zur Lage der Nation. Von den frei- und feingeistigen Beobachtungen profitieren nicht nur die Leser der Original-Aufzeichnungen, sondern auch die der Comic-Hommage des Baseler Autors Jan Bachmann.

Schon wieder Biografie, schon wieder Adaption? Wer denkt, dieser Comic kopiere einfache Patentrezepte, wird eines Besseren belehrt. Zugegeben: Adaptionen haben oft einen schalen Nebengeschmack. Verkürzt, dröge, didaktisch? Nichts davon trifft auf den „Anarchisten in Anführungsstrichen“ zu, im Gegenteil.

„Grüß Gott“ rufen die Wanderer, „Ni Dieu, ni maître“ entgegnet Mühsam

Die Interpretation wird dem Geist des Originals gerecht, indem sie sich ein Stück weit von ihm löst. Den Off-Text hat Bachmann zwar wortgetreu aus der Vorlage übernommen, ansonsten lässt er seiner Fantasie aber freien Lauf. Im doppelten Wortsinne verdichtet er die Einträge des Diaristen, kondensiert Szenen und imaginiert Dialoge: „Grüß Gott“ rufen die Wanderer, „Ni Dieu, ni maître“ entgegnet die Comicfigur.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Edition Moderne

Der Comic erweist sich als ideale Spielwiese für die Inszenierung der multiplen Facetten Mühsams: Aktivist und Dichter, Bürgersöhnchen und Bohémien tummeln sich in den Panels.

Das Spiel mit den Farben, die wackligen Rahmen, die niedlich-grotesken Männchen und der schwungvolle Strich erinnern an Joann Sfar. Das stört nicht, es passt. Der Comic wird so zur doppelten Hommage und macht Hoffnung für die Zukunft der Beziehung zwischen Literaturvorlage und Comic. Das Motto, frei nach Mühsam und Bachmann: Anarchie statt Adaption!

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Jan Bachmann: Mühsam – Anarchist in Anführungsstrichen, Edition Moderne, 96 Seiten, 24 Euro.

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