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Goldiges Jubiläum: Zum zehnten Mal kürt der Tagesspiegel jetzt die besten Comics des Jahres.
© Tsp

Comic-Bestenliste: Die besten Comics 2021 – Moritz Honerts Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das fragen wir unsere Leser:innen und eine Fachjury. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Redakteur Moritz Honert.

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine erste Auswahl der Ergebnisse. Unter allen Einsendenden werden wertvolle Buchpakete verlost.

Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr erneut aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Christian Endres, Lara Keilbart, Rilana Kubassa, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Moritz Honert.
Moritz Honert.
© Mike Wolff

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt.

Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 23. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Die Favoriten von Tagesspiegel-Redakteur Moritz Honert

Platz 5: „Die rote Nacht“ von Erik van Schoor

Schnell wird der Jäger zum Gejagten: Eine Szene aus „Die rote Nacht“.
Schnell wird der Jäger zum Gejagten: Eine Szene aus „Die rote Nacht“.
© Illustration: Erik van Schoor

Fünf Jahre hat Erik van Schoor an seinem im Selbstverlag erschienenen Comic „Die rote Nacht“ (Selbstverlag, zu beziehen über erikvanschoor.com, 300 S., 35 €) gearbeitet. Herausgekommen ist eine fast 300 Seiten dicke Mischung aus klassischen Whodunit und viktorianisch anmutendem Fantasy-Thriller, in der ein Agent der anfangs noch ominösen Schattendivision eine verschwundene Frau sucht, um dann selbst zum Gejagten zu werden. Beim Wiederanschauen zeigt sich erneut, wie durchdacht und gut konstruiert Van Schoors ambitionierte Hommage an das Genre der B-Movies ist. Und wie unterhaltsam!

Platz 4: „Gyo – Der Tod aus dem Meer“ von Junji Ito

Das Titelbild von „Gyo“.
Das Titelbild von „Gyo“.
© Carlsen

Ich hatte es geahnt. „Die präzisen Body-Horror-Bilder jedoch, die zur Reflektion über Sterblichkeit und Verfall einladen, werden einen noch lange verfolgen“, beendete ich meine Rezension von Junji Itos „Gyo – Der Tod aus dem Meer“ (Carlsen Manga, 400 S., 24 €) im März. Und tatsächlich: Die immer grotesker werdenden Hybriden aus Maschine und Kreatur, die Fische, die stinkend und auf Laufgestellen dem Meer entsteigen, später die aus menschlichen Extremitäten und schließlich ganzen Haufen von Leibern geformten und von ihren eigenen Körpergasen betriebenen Skulpturen des Widerwärtigen, haben sich dauerhaft eingebrannt. Das ist nicht schön, aber faszinierend.

Platz 3: „Der Wald“ von Thomas Ott

Das Titelbild von „Der Wald“.
Das Titelbild von „Der Wald“.
© Carlsen

Es brauchte genau ein Bild, um mich zu fesseln: Ein Junge in kurzen Hosen sitzt mit geschlossenen Augen auf einem Sofa, neben ihm eine weinende Frau. Im Hintergrund stehen zwei Männer im dunklen Anzug mit Gläsern in der Hand und gesenkten Blicken. Auch wer noch nie einer Beerdigung beigewohnt hat, versteht sofort und mehr noch: spürt! Den Verlust, die Einsamkeit, die Hilflosigkeit. In seiner wie immer in präzisesten Bilden in Schabekarton gekratzten Miniatur „Der Wald“ (Carlsen, 32 S., 14 €), schickt der Schweizer Künstler den namenlosen Jungen auf eine Reise durch einen Wald schickt, in dem Totenreich und Leben sich begegnen. Zugegeben: Ott tut hier nichts Neues - auch wenn die Geschichte diesmal weniger morbide als hoffnungsvoll geraten ist. Aber was er tut, tut er brillant!

Platz 2: „Shangri-La“ von Mathieu Bablet

Alltag im All: Eine Szene aus „Shangri-La“.
Alltag im All: Eine Szene aus „Shangri-La“.
© Splitter

Die Zukunft … unendliche Probleme. Die Vision der fernen Menschheit, die Mathieu Bablet in „Shangri-La“ (Splitter, 224 S. 29,80 €) entwirft, ist mal wieder keine schöne. Nach „der großen Katastrophe des 21. Jahrhunderts“ leben unsere Nachkommen zusammen mit Animoiden genannten Tierwesen auf der Raumstation USS Tianzhu, auf der ein Tech-Konzern die Leute mittels Technologie-Schnickschnack ruhig hält. Bis einige beginnen, aufzubegehren. Meisterhaft verwebt der französische Autor hier Actiongeschichte mit Konsumkritik, reflektiert den Klimawandel und Diskriminierungserfahrungen. Und auch grafisch begeistert Bablet. Nicht wenige fühlten sich von seinen realistisch anmutenden Bildern aus dem Innern der Station sowie schwelgerischen Planetenpanoramen erinnert an Moebius‘ „Der Incal“.

Platz 1: „Joker: Killer Smile“ von Jeff Lemire und Andrea Sorrentino

Lachen ist die beste Medizin: Eine Szene aus „Joker: Killer Smile“.
Lachen ist die beste Medizin: Eine Szene aus „Joker: Killer Smile“.
© Panini

Sind diese Figuren des Batman-Kosmos nicht gnadenlos auserzählt? Jeder dunkle Winkel psychologisch ausgeleuchtet? Jeff Lemire zeigte mit seiner Geschichte „Joker: Killer Smile“ (DC Black Label/Panini, 156 S., 29 €), dass dem nicht so ist. Die kammerspielartige Alternativweltgeschichte erzählt von dem zum Scheitern verurteilten Versuch des Psychologen Ben Arnell, den Joker zu therapieren. Das haben schon andere versucht, aber was diese Erzählung besonders macht, ist die Tatsache, dass Lemire sich unter dem Banner des „Black Label“ vom verlegerischen Kontinuitäts-Korsett frei machen durfte, und dass das Thema Wahnsinn und Wahrnehmung momentan wieder von brennender Aktualität ist. Die Frage, die Arnell quält: „Aber was passiert, wenn du nicht mehr weißt, in welcher Welt du lebst?“, ist schließlich eine, auf die auch unsere Gesellschaft, der in der politischen Diskussion zunehmend der gemeinsame Faktenboden abhandenkommt, erst noch eine Antwort finden muss.

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