Kindercomic „Bergstraße 68“ : Kein Baumamt und kein Happy End

Tina Brenneisen und Veronica Solomon erzählen, wie Mieter aus ihrem Wohnhaus vertrieben werden. Das Ergebnis überzeugt trotz guter Ansätze nicht ganz.

Barbara Buchholz
Kindliche Perspektive: Eine Seite aus „Bergstraße 68“.
Kindliche Perspektive: Eine Seite aus „Bergstraße 68“.Foto: Parallelallee

Tina Brenneisen und Veronica Solomon greifen in ihrer Comic-Erzählung „Bergstraße 68“ (Parallelallee, 56 S., 13 €) ein aktuelles Thema auf: Sie erzählen, wie Mieter aus ihrem Wohnhaus in Berlin-Mitte vertrieben werden, das saniert und profitabler genutzt werden soll.

Die kurze Geschichte ist aus Sicht eines Kindes geschildert: Tilda, die mit ihrer Familie in dem Altbau wohnt. In dicken, dunkelblau-violetten Strichen, ockerfarben unterlegt, zeichnet Solomon diese bedrohte Nachbarschaft in einfachen Verhältnissen: Im Hinterhof mit Garten, Kastanienbaum, Schaukel und Sandkasten spielen die Kinder und brutzeln die Erwachsenen Würstchen in einem zum Grill umfunktionierten Einkaufswagen.

Eines Abends schnappt Tilda auf, dass ihr Wohnhaus „sandiert“ werden soll – in der Zeichnung stellt Tilda sich Männer vor, die mit Schaufeln Sand an das Haus werfen. „Entkernen?“, fragt sich Tilda und sieht Kerne in hohem Bogen aus dem Haus fliegen, während ihr beim Stichwort „rentieren“ ein Gespann Rentiere in den Sinn kommt, welches das Haus fort tragen will.

Das sind charmante Bilder, die zur kindlichen Perspektive passen. Allerdings liegt eine Schwäche des Comics darin, dass diese Perspektive auf der sprachlichen Ebene nicht konsequent durchgehalten ist. Formulierungen wie „inmitten von Berlin“ oder „Aber natürlich sind wir über alles im Bilde“ klingen merkwürdig hochgestochen für die Erzählung eines kleinen Mädchens.

Die Erzählung fließt nicht richtig

Schade ist auch, dass die Figuren allesamt etwas hölzern bleiben – auch in den Zeichnungen – und die Geschichte ruckelig läuft, als hangele sie sich von einem Sprachbild zur nächsten Erklärstation. Eine Dramaturgie ist vorhanden, aber die Erzählung fließt nicht richtig.

Das ist schade, denn insgesamt transportiert der Comic eine angenehme Haltung Kindern gegenüber, zum Beispiel, dass man ihnen etwas zumuten kann, auch komplexere Themen und eine Geschichte ohne Happy End.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Parallelallee

Dafür steht etwa die hübsche Geschichte, die Tildas Vater am Bett der Tochter erfindet, als die Kastanie im Garten gefällt werden soll: Sie solle sich nicht sorgen, das „Baumamt“ sei eingeschaltet und der Baum werde nun von Mitarbeitern dieses Amts ausgegraben und anderswo wieder eingepflanzt – der Baum ziehe einfach nur um.

Tilda ahnt, dass das nicht stimmt, und als sie nachfragt, macht der Vater ihr nichts vor. Als Tilda am nächsten Morgen aus dem Fenster schaut, ist von dem mächtigen Baum denn auch nur noch ein Stumpf übrig.

Tina Brenneisen lebt in Berlin und hat selbst einmal in der Bergstraße 68 gewohnt, wie sie dem Deutschlandfunk erzählte. Sie führt einen eigenen Verlag, in dem sie diesen von Veronica Salomon gezeichneten Comic für Kinder herausgebracht hat und auch unter dem Pseudonym PoinT veröffentlich.

Von ihr ist außerdem kürzlich im Verlag Edition Moderne der autobiografische Comic „Das Licht, das Schatten leert“ erschienen, über ein junges Paar und den Tod des gemeinsamen Babys. Mit dieser Geschichte hat Brenneisen 2017 den Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung gewonnen. Mehr dazu demnächst auf den Tagesspiegel-Comicseiten.