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Streit um Comic-Preis : Der große Graben

Wie eine Auseinandersetzung um Geschlechtergerechtigkeit die deutsche Independent-Comicszene spaltet - und wie es mit dem ICOM-Preis weitergehen könnte.

Markus Pfalzgraf
Ironie, die nicht gut ankam: Ein Ausschnitt aus dem Vorwort des ICOM-Comic-Jahrbuchs 2019.
Ironie, die nicht gut ankam: Ein Ausschnitt aus dem Vorwort des ICOM-Comic-Jahrbuchs 2019.Foto: lvt

Burkhard Ihme versteht die Welt nicht mehr. Der Vorsitzende des Interessenverbands Comic sitzt in einem Stuttgarter Café und schüttelt den Kopf: „Die wollen den ICOM-Preis kaputt machen!“ Sein Verband, kurz ICOM, war lange Zeit die institutionalisierte Vertretung des deutschen Independent-Comics, für Zeichner und ihre Veröffentlichungen abseits der größeren Verlage. Und der ICOM-Preis, im jährlichen Wechsel auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen und dem Comicfestival München verliehen, war wichtiger Referenzpunkt der Szene. Bislang.

Beides, der Verband und sein Preis, stehen in der Kritik. Auslöser sind Verwerfungen um die Besetzung der Jury im vergangenen Jahr, die teils öffentlich ausgetragen wurden und sogar immer noch werden. Die Szene kommt einfach nicht zur Ruhe.

Nachdem Eve Jay, Protagonistin der Webcomic-Community „Comic Solidarity“ und Mit-Organisatorin des „Comic-Satelliten“ rund um die Frankfurter Buchmesse, in die ICOM-Jury berufen worden war, stellte sie beim ersten virtuellen Zusammentreffen fest, dass außer ihr keine andere Frau für die Jury vorgesehen war, aber drei Männer.

In einem internen Chat, der inzwischen in sozialen Medien Verbreitung gefunden hat, schrieb sie, davon ausgehend, dass eine Jurorin des Vorjahres wieder dabei wäre: „Anne [Delseit] dieses Jahr nicht dabei? Schade. Hätten wir noch ne andere Dame?“ Auf die Rückfrage von Burkhard Ihme: „Und dafür jemand anderes rauskegeln?“ – antwortet Eve Jay: „So funktioniert das halt mit der Vielfalt.“ Davon fühlte sich das erstmalige Jurymitglied Stefan Pannor, Mit-Organisator des Leipziger Comicgartens, angegriffen. Im weiteren Verlauf kann man der Diskussion im Nachhinein beim eskalieren zuschauen, wie bei einem Verkehrsunfall in Zeitlupe. Nur dass dieser hier noch zu verhindern gewesen wäre.

Weiß, männlich, 40+

Eve Jay begründete in einem Blogbeitrag kurz nach der Verleihung der ICOM-Preise beim Comic Salon Erlangen im Sommer 2018, warum sie die Jury „verlassen musste“. Sie wirft der Runde mangelnde Vielfalt („weiß, männlich, 40+“) und „kontraproduktive Befindlichkeiten“ vor. Sie selbst hatte eine Reihe anerkannter Frauen der Comicbranche ins Spiel gebracht.

Burkhard Ihme und Stefan Pannor ziehen sich darauf zurück, es sei zu spät gewesen, die Jury umzubesetzen, und logistisch nicht möglich gewesen, ein weiteres Mitglied zu berufen. Für diejenigen, die mehr Vielfalt einfordern, eine Schutzbehauptung.

Was aber auch stimmt: Schaut man sich die Jury-Entscheidungen der vergangenen Jahre an, dann lässt sich nicht zwingend ableiten, dass mehr Frauen in der Jury auch zwangsläufig zu mehr weiblichen Preisträgerinnen geführt hätten. Aber darum geht es denen nicht, die Parität verlangen: Es geht um die Grundsatzfrage der Repräsentation. Und wenn nur eine Frau in der Jury ist, wird das eben als Rückschritt empfunden.

Für Lisa Frühbeis, die auch für den Tagesspiegel zeichnet, ist das „Tragische an der ganzen Geschichte“, dass „der ICOM-Preis bis jetzt eigentlich relativ offen ausgezeichnet“ habe. Ironisch kann man auch finden, dass die „Comic Solidarity“, die sich jetzt in der offenen Auseinandersetzung mit dem Verband ICOM befindet, 2015 selbst mit dessen Preis ausgezeichnet wurde.

Eve Jay findet allerdings, es sei ein Unterschied, ob man „Vielfalt umarmt und zelebriert, oder sie zähneknirschend akzeptiert“. Sie sitzt in einem Frankfurter Coworking-Space und ringt um Fassung. Der ICOM-Vorsitzende habe ihr mit anwaltlichen Schritten gedroht. Dessen Verhalten und das anderer Juroren wertet sie als Belästigung.

„Kriegt euch gefälligst wieder ein“

Wenn man die Beteiligten befragt, bekommt man immer mehr den Eindruck, dass niemand mehr versteht, was die andere Seite eigentlich will. Beide Seiten sprechen von „Racheakten“, beide Seiten fordern eine Entschuldigung.

Schon am Tag nach der ICOM-Preisverleihung beim Comic Salon Erlangen Ende Mai 2018, die von der „Comic Solidarity“ boykottiert wurde, schrieb der stets bissige „Röhrende Hirsch“ auf einem seiner letzten Handzettel, die in Erlangen zur Folklore gehörten: „Hier geht’s um Comics, nicht um eure Egos oder Gender-Politik! Kriegt euch gefälligst wieder ein“.

Auch Monate später hat sich die Lage nicht beruhigt, im Gegenteil. Ende 2018 erschien im Comic-Jahrbuch des ICOM eine kuriose Mischung: Ein Vorwort von Burkhard Ihme und ein daneben stehender Text von Stefan Pannor, in dem sie sich rechtfertigen. Ihme mit Ironie („ein ungeheurer Skandal, der über Wochen die comic-interessierte Öffentlichkeit aufwühlte“), die auf der anderen Seite ganz schlecht ankam. Pannor mit einer seitenlangen Stellungnahme, in der er erklärt, eigentlich doch auch für Gleichstellung zu sein, in der er aber auch Mobbing beklagt, was wiederum von anderen als Nachtreten empfunden wurde.

Konfliktstoff: Das Cover des Icom-Comic-Jahrbuchs 2019 zieren Figuren von Sarah Burrini, gezeichnet von Ralf Marczinczik.
Konfliktstoff: Das Cover des Icom-Comic-Jahrbuchs 2019 zieren Figuren von Sarah Burrini, gezeichnet von Ralf Marczinczik.Foto: Icom

Es findet sich auch ein Beitrag gegen politische Korrektheit im Zusammenhang mit Karikaturen. Sarah Burrini („Das Leben ist kein Ponyhof“), die in dem Jahrbuch unter anderem über Sexismus in der Comicbranche spricht, distanziert sich (trotz eines aus ihrer Sicht gelungenen Interviews darin) von dem Jahrbuch: Die Männer hätten sich „um Eve gestellt und ihr erklärt, was Sexismus ist“. Wenn die Jury auch für Gleichberechtigung sei, warum habe dann niemand „die Größe, seinen Posten einer Frau zu überlassen?“

Auch andere sind unglücklich darüber, in einem solchen Jahrbuch zu erscheinen: Zeichnerin Lisa Frühbeis steht zwar zu dem Interview mit ihr über ihren Vortrag zu Sexismus im Comic beim Comic Salon Erlangen – sie hält aber die Kommunikation rund um das Vorwort für „toxisch-männlich“ geprägt.

Martina Schradi fand sich ebenfalls in einer Publikation wieder, die sie so nicht unterstützen kann. Die Autorin und Zeichnerin autobiografischer Comics über Lesben, Schwule, Bisexuelle, queere, trans- und intergeschlechtliche Menschen („Ach, so ist das?!“) fand im Interview mit ihr das Binnen-I vor („KünstlerInnen“), sie hatte aber geschlechtsübergreifende Formulierungen mit Unterstrich vorgesehen („Künstler_innen“), was sie schöner und inklusiver gefunden hätte. Für sie ein Beispiel für viele Sexismen in dem umstrittenen Jahrbuch.

Ein offener Brief mit mehr als 80 Unterschriften

Die Diskussion um Sexismus fand auch auf Twitter einen Widerhall: Mehrere Zeichner und Verleger aus dem Umfeld der Comic Solidarity riefen nach dem „an Harassment grenzenden Vorwort“ dazu auf, nicht mehr mit dem ICOM zusammenzuarbeiten bzw. dessen Preisverleihung nur noch zu besuchen, „um mit Fäkalien zu werfen“.

Auf der Seite des Feministischen Comicnetzwerks wurde ein offener Brief veröffentlicht, überschrieben mit: „Solidarität mit Eve Jay!“ Mehr als 80 Unterzeichnende, darunter viele aus der Webcomic-Szene, werfen den Jahrbuch-Vorwort-Verfassern einen Frontalangriff auf Eve Jay vor und fordern Burkhard Ihme zum Rücktritt vom ICOM-Vorsitz auf, was der aber ablehnt.

Bestenfalls könnte man sagen: Die derzeitige Zerrissenheit der deutschen Independent-Comic-Szene kristallisiert sich in diesem Jahrbuch auf eindrückliche Weise, indem die entgegengesetzten Pole sich in demselben Band wiederfinden. Nur mag niemand von den Beteiligten sich so recht über diesen Umstand freuen.

Als hätte man es schon erahnen können: Sarah Burrinis Figuren auf dem Cover des umstrittenen Jahrbuchs, das Illustrator Ralf Marczinczik gezeichnet hat, schauen fast ausnahmslos grimmig auf einen Laptop-Bildschirm. Man sieht nicht, was sie sehen, aber es könnte glatt der Chatverlauf einer entgleisten Facebook-Diskussion sein.

Crowdfunding zum 25. Jubiläum

Wie geht es weiter? Burkhard Ihme will seinen Preis retten – und vielleicht auch den ICOM selbst. Ihme hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um den Preis 2019 zu unterstützen, für den er gerade die Jury zusammenstellt, in der auf jeden Fall wieder zwei der vier Personen Frauen sein sollen. Auch wenn für ihn weiter gilt: Das Geschlecht sei nicht vorrangige Qualifikation bei der Beurteilung von Comics. An der Zahl der Juror*innen will er nichts ändern. Auch nicht an der Praxis, dass er die Jury bestimmt – bei den anderen Preisen der Branche sei es schließlich auch so, dass niemand genau wisse, wie die Jury zustande kommt.

2019 wird der ICOM-Preis 25 Jahre alt. Das Jubiläum will sich Burkhard Ihme nicht nehmen lassen, auch wenn er vielleicht Schirme mitbringen müsse, wie er lakonisch anmerkt, falls tatsächlich Fäkalien fliegen sollten. Das Crowdfunding soll gleichzeitig auch über die Zukunft des Preises entscheiden. Wenn er die nötige Unterstützung nicht bekommt, dann will Ihme bei der turnusmäßigen Mitgliederversammlung seines Verbandes im November vorschlagen, den Preis 2020 abzuschaffen. Ein Ultimatum für die deutsche Independent-Comic-Szene.

Auch auf der anderen Seite tut sich etwas: Es könnte gut sein, dass es schon im kommenden Jahr einen neuen, weiteren Indie-Award für deutschsprachige Comics geben wird.

Lara Keilbart, die nach Eve Jay in der ICOM-Jury saß und Co-Initiatorin und Co-Organisatorin der Petition mit der Rücktrittsforderung an den ICOM-Chef, kann sich durchaus zwei Preise nebeneinander vorstellen. Ein neuer Indie-Preis könnte etwa noch mehr Webcomics in den Blick nehmen, und andere, aus ihrer Sicht bisher vernachlässigte Bereiche. Beide möglichen Preise stehen vor der Herausforderung, zu klären, was für sie Independent-Comics heute sind, und wie sie gewürdigt werden sollen.

Die Verwerfungen in der deutschen Szene sind längst nicht so schmutzig wie in den USA, wo seit 2017 unter dem Schlagwort „Comicsgate“ rückschrittige Kräfte dazu aufriefen, die Comics bestimmter Künstler*innen nicht mehr zu kaufen. Auf der Boykottliste fanden sich auffällig viele Namen weiblicher oder nicht-weißer Künstler*innen. Das ganze entgleiste geradezu in homophobe und in Zügen rechtsradikale Hetze.

Davon ist die deutsche Independent-Szene weit entfernt. Aber die Jury-Debatte ist schon längst keine Debatte mehr. Beide Seiten ziehen sich in ihre Schneckenhäuser zurück und reden höchstens noch gegen- und übereinander, aber nicht miteinander. Die beiden Preise, so es sie denn geben wird, könnten die Spaltung zementieren, oder im Idealfall friedlich koexistieren.

Comicfestival Angoulême 2019
Überreicht wurde der Preis an Emil Ferris von Dominique Goblet. Die belgische Autorin und Zeichnerin war in diesem Jahr die Vorsitzende der Jury von Angoulême.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Yhan Bonnet AFP
27.01.2019 11:59Überreicht wurde der Preis an Emil Ferris von Dominique Goblet. Die belgische Autorin und Zeichnerin war in diesem Jahr die...

Derweil kommt aus Frankreich ein hoffnungsvolles Zeichen, drei Jahre nach Disruptionen rund um den wichtigsten Comicpreis Europas beim Internationalen Comicfestival von Angoulême, wo 2016 viele Nominierte peinlich berührt von einer Shortlist gestrichen werden wollten, auf der sich 30 männliche Namen fanden, aber kein einziger weiblicher. Anfang 2019 sieht die Welt zumindest dort schon wieder anders aus. Den Hauptpreis gewann US-Zeichnerin Emil Ferris, und der Große Preis der Stadt ging an Rumiko Takahashi, die „jahrelang schamvoll übersehen“ wurde (Lisa Frühbeis). Der Jury saß mit der belgischen Künstlerin Dominique Goblet erstmals seit langem eine Frau vor. Geht doch.

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