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Eine Szene aus Nadia Buddes Beitrag zum aktuellen Heft.
© Polle

Kindercomic-Kompilation: Wundertüte im Abonnement

Das Kindercomic-Magazin „Polle“ zeigt die Bandbreite der Kunstform - und erinnert unsere Autorin an wichtige Erfahrungen ihrer französisch geprägten Kindheit.

„Das Kindesalter hat für mich nie aufgehört“ antwortet der Schweizer Comicautor Nando von Arb im Interview für die vierte Ausgabe des Comicmagazins „Polle“ (ISBN 978-3982285009, 52 S., 12 €) auf die Frage nach seinen Lieblingsbeschäftigungen als Kind. Für alle, denen es auch so geht, für Kinder natürlich, und für diejenigen, die sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben wollen, ist Polle jedenfalls genau das richtige.

Wenn ich als Enddreißigerin in dem Magazin blättere, das (nach einer viel zu langen Pause) im März die vierte Ausgabe präsentierte, stellt sich schon bald das wonnig-immersiv-magische Lesefeeling ein, das Lektüren aus Kindheitstagen so besonders macht.

Und ich fühle mich nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch die Form in meine Kindheit zurückkatapultiert: Unsere französische Mutter sorgte nämlich mit Kinderzeitschriften-Abos dafür, dass ihre Ruhrgebietstöchter auch ein klein bisschen „à la française“ sozialisiert wurden. Die bunten Magazine mit Namen wie „Pomme d’Api“, „Astrapi“ und „Okapi“ alphabetisierten uns in doppelter Hinsicht: Wir lernten die Sprache und, mindestens genauso gut und wichtig, die Liebe zu Comics.

Neben Kurzgeschichten, Rätseln, Bastelanleitungen und Liedern nahmen diese einen deutlich prominenteren Platz ein als es in deutschen Magazinen der Fall war. Und: Die Namen der Autor_innen, die die Kinderzeitschriften-Seiten Monat für Monat mit neuen Einfällen füllten und füllen sind mittlerweile auch hierzulande bekannt: David B., Emile Bravo, Joann Sfar, Marguerite Abouet haben alle für „Astrapi“ gearbeitet.

Ihre Kindercomics werden zwar von Reprodukt oder Carlsen teilweise auch in Deutschland verlegt, zum Beispiel Marguerite Abouets „Akissi“ oder Emile Bravos „Pauls fantastische Abenteuer“, medial präsenter sind aber die Werke für Erwachsene.

Das Who’s Who der deutschen Comicszene

„Polle“ könnte insofern als deutsches Pendant zu „Astrapi“ und Co. Gesehen werden als dass in den bisher erschienen vier Ausgaben das Who’s Who der deutschen Comicszene vertreten ist. Polle geht aber noch ein Stück weiter, denn die Comics sind nicht bloß ein wesentlicher Bestandteil des Kindermagazins, sondern ALLES in Polle ist Comic.

Eine Szene aus Tor Freemans „Ungeheuer von Lake Oddleigh“.
Eine Szene aus Tor Freemans „Ungeheuer von Lake Oddleigh“.
© Polle

Und das ist so großartig, weil es die Bandbreite des Mediums zeigt, das – wir wissen es alle, wiederholen es aber trotzdem aus guten Gründen ständig – eben nicht schlicht in Kinder- oder Erwachsenencomic unterschieden werden kann. Auch im Segment Kindercomic herrscht, wie Polle #4 zeigt, Genre- und Stilpluralismus: Es gibt Sachcomics (wie die Rubrik „Bäckerei International“ in der Osloer Spezialitäten präsentiert werden), Krimis (Tor Freemans „Ungeheuer von Lake Oddleigh“ erzählt mit Wortwitz und rührenden Zeichnungen von „Kumpels aus dem Fischbiz“ und der Liebe), stylishe Wimmelbilder von Thomas Wellmann (als grafischer Paratext des Inhaltsverzeichnisses), und, in der Kurzgeschichte der Yippie!-Kindercomic-Festival-Preisträgerin Rhea Häni ein Schaf im falschen Körper, das schließlich als Crossdresser (aka Schaf im Wolfspelz) sein Glück findet.

Um nach dem autobiografischen Einstieg der Nostalgie noch exzessiver zu frönen, könnte man folgende, leicht abgegriffene, aber gleichwohl treffende Metapher bemühen: Das Magazin ist wie eine Wundertüte, oder besser noch, wie eine gemischte Tüte (mit Weingummi UND Lakritz), die wir in längst vergangenen Zeiten vorfreudigst am Kiosk unseres Vertrauens bestellten: Die Mischung macht’s und das Überraschungsmoment ist essenzieller Teil des Vergnügens.

Das Ziel: 1000 Abonnements

Für diejenigen Comicfans, die trotzdem eine ungefähre Vorstellung haben wollen, sei hier noch ein bisschen Namedropping betrieben. Die bislang erschienenen vier Ausgaben haben u.a. (in alphabetischer Reihenfolge) Nadia Budde, Bea Davies, Aisha Franz, Ralf König, Nicolas Mahler, Mawil, Philip Waechter, Dominik Wendland und Barbara Yelin versammelt; neben den bekannten deutschen Namen finden sich auch Übersetzungen französischer oder englischer Werke und eben auch neue Talente.

Das Titelbild des aktuellen vierten „Polle“-Hefts hat Thomas Wellmann gezeichnet.
Das Titelbild des aktuellen vierten „Polle“-Hefts hat Thomas Wellmann gezeichnet.
© Polle

Seit Heft Nummer Eins sind fast drei Jahre vergangen; ab jetzt soll das Magazin definitiv zwei Mal im Jahr im März und im September erscheinen und über Abonnements finanziert werden, die es in drei verschiedenen Preisklassen mit und ohne Extras gibt.

Höchste Zeit also, Polle bekannt(er) zu machen und für mindestens tausend Abos zu sorgen (die, so einer der Initiatoren Jakob Hoffman im Interview mit dem Blog Comic-Denkblase nötig seien, damit das Projekt sich trägt und unsere Kinder (und die sprichwörtlichen Kinder in uns und Nando von Arb) auch in Zukunft von Polle profitieren.

Für „Polle“ hat von Arb aus Larissa Peschs und Sven van Thoms Song „Ich bin nicht niedlich“ einen fünfseitigen Comic gemacht: Im Zentrum des berauschend farbintensiven Bilderreigens steht eine Anarcho-Katze, die sich nicht domestizieren lassen will und entsprechend auch mal aus den wackligen Panels ausbricht (und die man sich am liebsten gleich an die Bilderwand hängen würde): „Ich lasse mich nicht… einsperren. Ich bestimme, was ich bin.“

Das emanzipatorische Potenzial lässt sich nicht nur als Message an die junge Zielgruppe verstehen, sondern auch auf das Medium übertragen. Auch als Kinder-Comic ist der Comic nicht zu bändigen und das ist gut so. Auf unzählige weitere wilde, bunte, vergnügliche Ausgaben!

Marie Schröer ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin sowie freie Kulturjournalistin. Seit 2020 hat sie die Juniorprofessur für Kultursemiotik und Kulturen romanischer Länder an der Universität Potsdam inne.

Marie Schröer

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