DAF in Berlin : Verschwende dein Alter

Zum Abschluss des Festivals Club Transmediale: Die NDW-Veteranen DAF im Festsaal Kreuzberg.

Volker Lüke
Gabi Delgado-Lopez von der Band DAF
Gabi Delgado-Lopez von der Band DAFFoto: IMAGO

Zum Schluss also DAF! Nach zehn Tagen musikalischer Abenteuer hört das Festival Club Transmediale ausgerechnet mit jener Band auf, die schon Anfang der achtziger Jahre für viel Verwirrung sorgte: Mit Gabi Delgados und Robert Görls kultigem Elektroprojekt Deutsch-Amerikanische-Freundschaft, dessen energetische Körpermusik mit Gaga-Texten und Tabubrüchen als Kampfansage an alles Spießige und Verbotene gleichermaßen total genial und voll bescheuert war.

Zum 40-jährigen Jubiläum ist gerade die Bandbiografie „Das ist DAF“ erschienen. Darin wird die turbulente Erfolgsgeschichte von DAF erzählt, die 1978 im Dunstkreis des Ratinger Hofs in Düsseldorf begann. Mit dem Überhit „Der Mussolini“ und der Textzeile „Tanz den Adolf Hitler" lösten DAF eine Kontroverse aus (obwohl der Song offensichtlich ideologiekritisch ist) und schufen überdies eine Musik von bleibender Intensität, die so unterschiedliche Bands wie Depeche Mode, Rammstein oder DJ Hell entflammte. Dabei wollten DAF nie Vorreiter sein, sondern ganz im Sinne von Punk eher Verstörer, und sie wollten den unterkühlten Kraftwerk-Elektrosound mit einem härteren Klangbild und S/M-Verweisen in den Darkroom zerren.

Nach drei Alben innerhalb von 18 Monaten, die mit tatkräftiger Unterstützung des legendären Krautrock.Produzenten Conny Plank (Neu!, Kraftwerk) entstanden, war das Konzept schnell ausgereizt. 1982 lösten sich DAF auf, waren danach heillos zerstritten, rauften sich aber immer wieder zusammen.

Bei „Der Räuber und der Prinz“ branden sanfte Pogowellen durch den Saal

Und so werden die NDW-Veteranen noch heute von einer konstant großen Anhängerschaft verehrt. Begeistert fiebert diese im Festsaal Kreuzberg mit, wenn der 59-jährige Delagado im offenen Hemd lasziv „Sex ist die Sprache der Liebe“ ins Mikro stöhnt. Oder er befehlsartig zackige Parolen in den Saal spricht: „Geh in die Knie! Klatsch in die Hände! Verlier nicht den Kopf! Nimm dir was du willst! Schwitzt meine Kinder! Kämpft um die Sonne!“ Allerdings hat seine angekratzte Stimme nicht mehr ganz diese schön gehetzte Sexiness von damals und auch nicht die nötige Härte – obwohl der 62-jährige Görl am Schlagzeug mit der Präzision einer Maschine einen knochentrockenen Minimal-Groove zum bolzenden Elektro-Playback klopft.

Die Fans bekommen den gewünschten Trip in die Vergangenheit, mit all den alten Kloppern, auf die sie gewartet haben. „Der Mussolini“ spielen DAF schon als drittes Stück, es folgen „Verschwende deine Jugend“, „Ich und die Wirklichkeit“, „Alle gegen Alle“ oder „Kebabträume“.

Als letzte Zugabe dieser knapp anderthalbstündigen Nostalgie-Show kommt „Der Räuber und der Prinz“, und da branden sanfte Pogowellen durch den Saal. Der fröhliche Delgado gießt sich derweil den Inhalt unzähliger Wasserflaschen über den Kopf und segnet mit dem Rest die schwitzenden „Jungs und Mädchen“ in den vorderen Reihen. Eine Aufmerksamkeit, die diese ebenso zu schätzen wissen wie die Herren und Damen in den hinteren Reihen die Erkenntnis, das DAF noch nicht erledigt sind. Beide halten jetzt zusammen wie einst Jack Lemmon und Walter Matthau. Volker Lüke

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