• Das Buch zur Amazon-Serie "Tales from the Loop": Die letzten Tage der letzten analogen Jugend

Das Buch zur Amazon-Serie "Tales from the Loop" : Die letzten Tage der letzten analogen Jugend

Simon Stålenhags fiktive Memoiren erscheinen auf Deutsch. Der "illustrierte Roman" weckt Wehmut und schenkt Trost.

Ländliche Skyline. Stålenhag setzt Industriearchitektur mitten ins Kleinstadtidyll.
Ländliche Skyline. Stålenhag setzt Industriearchitektur mitten ins Kleinstadtidyll.Foto: „Tales from the Loop” von Simon Stålenhag, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Es müssen schöne Jahre gewesen sein. Damals, in den 1980ern, als Simon Stålenhag ein Kind war. Die letzten Tage der letzten analogen Jugend. Keine Handysucht, kein Internetmobbing, dafür lange Nachmittage des unbeaufsichtigten Spielens in den Industriebrachen des „Loop“, der „Anlage für Hochenergiephysikalische Forschung“, des bis zur Schließung im Jahre 1994 stärksten Teilchenbeschleunigers der Welt. 

Es müssen schöne Jahre gewesen sein. Auch weil es sie so nie gegeben hat. 2014 veröffentlichte der schwedische Grafiker Simon Stålenhag, Jahrgang 1984, sein Buch „Tales from the Loop“ (Fischer Tor, Frankfurt am Main. Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat. 128 Seiten, 34 €.), das jetzt, kurz vor dem Start der Amazon-Prime-TV-Adaption am 3. April, auch auf Deutsch erschienen ist. 

Einen „illustrierten Roman“ hat der deutsche Verlag die fiktiven Memoiren untertitelt, was bedeutet, dass Stålenhag seine oft Doppelseiten füllenden, naturalistischen, an Edward Hopper erinnernde Landschaftspanoramen, in denen er futuristische Industrieanlagen ins Kleinstadtidyll setzt und gewaltige mechanische Arbeitsroboter durch verschneite Felder staksen lässt, um Textvignetten ergänzt hat. Tagebuchartig berichtet er darin vom Alltag der Bewohner der Mälaren-Inseln bei Stockholm.

Stålenhag erzählt von Abenteuern und Spiel, aber auch vom Tod, vom Suff, von Gewalt
Stålenhag erzählt von Abenteuern und Spiel, aber auch vom Tod, vom Suff, von GewaltFoto: „Tales from the Loop” von Simon Stålenhag, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Wehmut, nicht Kitsch

Trotz aller Wehmut ist es keine kitschige Verklärung, die Stålenhag betreibt. Er erzählt von Abenteuern und Spiel, aber auch vom Tod, vom Suff, den Scheidungen, der Gewalt. Doch ähnlich wie in Stephen Kings „Es“ oder der TV-Serie „Stranger Things“ wirken die Geschichten durch die Patina der Zeit weniger schrecklich als vielmehr behütend und wärmend, wie der Kakao, an dem die Kinder nach langen Schneewanderungen ihre Finger auftauen.

Die oft Doppelseiten füllenden Bilder erinnern nicht selten an Edward Hopper.
Die oft Doppelseiten füllenden Bilder erinnern nicht selten an Edward Hopper.Foto: „Tales from the Loop” von Simon Stålenhag, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Vielleicht ist es nur natürlich, dass der Mensch sich in einer Welt, in der Technologie dank unsichtbarer Algorithmen und Datamining zunehmend als Bedrohung und nicht mehr als Heilsbringer wahrgenommen wird, nach einem vordigitalen Paradies sehnt. Vielleicht war Stålenhags Jugend ein solches, vielleicht ist jede glückliche Kindheit eins. Doch es gibt kein Paradies ohne Vertreibung. Was bleibt, ist Sehnsucht. Im besten Fall eine so tröstliche wie hier.

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