Das Tetzlaff Quartett im Pierre Boulez Saal : Grenzerfahrung

Selten erreicht dasselbe Quartett bei drei Werken an einem Abend drei so verschiedene Klangfarben. Dem Tetzlaff Quartett gelang das beeindruckend.

Jonas Zerweck
Das Tetzlaff Quartett
Das Tetzlaff QuartettFoto: Giorgia Bertazzi

Jeden Moment muss es so weit sein. Dann zerbröselt dieses filigrane Gebilde unter ihren Händen und alles ist dahin. Mag man meinen. Doch die vier Musiker vom Tetzlaff Quartett finden immer zerbrechlichere Klänge, reduzieren die Musik auf kaum mehr als den Gedanken einer Berührung zwischen Saite und Bogenhaar. Völlig angstfrei spielen sie an und mit dieser unteren Akustikgrenze.

Zart und durchscheinend interpretiert das Ensemble Mozarts Streichquartett KV 417b im Pierre Boulez Saal. Bartóks Viertem geben sie dagegen einen kühleren, meist harten Klang und Sibelius d-Moll-Quartett „Voces intimae“ dominiert ein nach innen gewandter, ergreifender Ton. Drei in ihrer Entstehungszeit grundverschiedene Werke, drei völlig eigenständige Herangehensweisen, die nichts miteinander zu tun haben – abgesehen von der Intensität, Präzision und Hingabe der Musiker über den ganzen Abend.

Ein amüsiertes Raunen huscht durch den Raum

Als Béla Bartók 1928 sein viertes Streichquartett komponiert, gelingt ihm wie nie zuvor, eine Vielfalt an Klangfarben in einem Werk zu verbinden. Er lässt sie dazu immer wieder in sehr kurzen Momenten aufeinanderfolgen, sodass es für jeden Interpreten zur besonderen Herausforderung wird, all diese Farbfragmente authentisch zusammenzuführen. Dem Tetzlaff Quartett glaubt man an diesem Abend alles. Als dürfte es gar nicht anders sein, unterbrechen beispielsweise im ersten Satz extrem zurückgenommene, schwebende Zweifel die laut ausgerufenen Behauptungen. Im zweiten Satz dann drängen die Musiker angespannt nach vorne und lassen das feine Tongewebe zittern – nur um dann im dritten eine unverrückbare Ruhe auszustrahlen.

Immer wieder bauen die vier eine Spannung auf, bei der man kaum wagt zu atmen. In den Satzpausen hört man, wie sie sich beim Publikum wieder löst. In Bartóks viertem, ausschließlich gezupftem Satz wird die Spannung schließlich für eine der Cellosaiten zu viel. Sie verabschiedet sich und mit ihr Tanja Tetzlaff für einen kurzen Moment. Als sie zurück auf der Bühne die neue Saite wieder auf das Griffbrett schnalzen lässt, huscht ein amüsiertes Raunen über Bühne und Zuschauerreihen.

Das Konzert gipfelt im volkstanzhaften Wirbel am Ende von Sibelius’ Streichquartett. So sehr die Zartheit bei Mozart zu zerbrechen drohte, so kurz davor scheint hier alles, auseinanderzufliegen. Aber auch das Spiel an der oberen Tempogrenze gelingt dem Tetzlaff Quartett meisterhaft und mitreißend.

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