• David Fuchs' Roman „Bevor wir verschwinden“: Mit quietschgelber Haut und aufgesprungenen Lippen

David Fuchs' Roman „Bevor wir verschwinden“ : Mit quietschgelber Haut und aufgesprungenen Lippen

Der ganz normale Irrwitz einer onkologischen Station: Der Onkologe David Fuchs hat mit „Bevor wir verschwinden“ einen poetischen Krankenhausroman geschrieben.

Carsten Otte
Das Krankenhaus, Schauplatz von David Fuchs' Debütroman.
Das Krankenhaus, Schauplatz von David Fuchs' Debütroman.Foto: Fabian Sommer/dpa

Am Anfang von David Fuchs’ Krankenhausroman „Bevor wir verschwinden“ werden keine Menschen behandelt, sondern Schweine defibrilliert. So die zweijährige Sau Adelheid, die im Planschbecken eines Versuchslabors liegt. Ben Maier ist Medizinstudent und macht ein Praktikum in der Klinik. Er misst Blutdruck, gibt Medikamente, liest Fieberkurven. Vor allem aber treibt er seine Dissertation voran. Er will herausfinden, wie Schweine reagieren, bei denen unter Wasser ein Kammerflimmern ausgelöst wird und die dann defibrilliert werden. Vielleicht werden irgendwann die Menschen von Bens Erkenntnissen profitieren, denn man kann Patienten nach einer Reanimation mit „Wasser kühlen, um das Hirn zu schützen“. Nur ist nicht geklärt, welche Risiken jene Behandlung birgt, bei der Strom im Wasser fließt. „Deshalb die Schweine und deshalb die Planschbecken.“

Schon auf den ersten Seiten zeigt der junge Autor, der als Onkologe und Palliativmediziner am Grazer Universitätskrankenhaus arbeitet, dass er mit wenigen Worten eine realistische und zugleich groteske Szene beschreiben kann, indem er mit gezielten Wiederholungen und pointierten Zuspitzungen den Irrwitz im Krankenhausbetrieb einfängt. Adelheid heißt die Sau, weil die Schwestern die Tiere nach den Kollegen benennen. Ein Tier heißt Pomp. Und Wendelin Pomp ist der Oberarzt der Krebsstation.

Fuchs ist ein kluger Erzählökonom

Das Labor der Schweine spiegelt also das Krankenhausleben, und das besteht oft in qualvollen Sterbeprozessen. Ben versucht, sich die Leidensgeschichten mit Ironie und Zynismus vom Leib zu halten. Doch als sein Exfreund Ambros Wegener mit Leber- und Lungenmetastasen eingeliefert wird, sucht er die körperliche Nähe. Aus medizinisch notwendigen Handgriffen entwickeln sich behutsame Berührungen, die eine verschüttete Sehnsucht des Ich-Erzählers freilegen. Fuchs ist ein kluger Erzählökonom, und zwar nicht nur was die sprachliche Gestaltung der knappen Sätze betrifft, sondern auch dramaturgisch. Sparsam setzt er Rückblenden aus der Jugend von Ben und Ambros ein. Die vielen, erstaunlich starken Nebenfiguren wie die ruppig-herzliche Krankenschwester Ed überzeugen, weil mit ihnen der ganz normale Wahnwitz ihres Berufsstandes dargestellt werden kann. Auch die Patienten verliert Fuchs nie aus dem Blick. Zum Beispiel Herrn Otto, der entlassen werden soll, aber nicht nach Hause will und dann im Krankenhaus stirbt. Oder der dauerkomatöse Kobicek, der neben Ambros liegt und allein durch seine apathische Anwesenheit gegen das Sterben zu protestieren scheint.

Der zentrale Erzählstrang ist die Wiederbegegnung von Ben und Ambros, die im wahrsten Sinne des Wortes bildmächtig vorgetragen wird. Denn der krebskranke Exfreund betreibt ein Fotoprojekt, mit dem er auch sein eigenes Sterben zu verarbeiten scheint. Mit einer Polaroidkamera nimmt er todkranke Menschen auf. Auf den Porträts sieht man Menschen mit „quietschgelber Haut und aufgesprungenen Lippen“, mit Kopftuch und Infusionen. Die Fotos könnte man für einen ästhetischen Widerstandsakt gegen den Tod halten. Sie zeugen vom Leben vor dem Verschwinden. Daher wundert es auch nicht, dass Ambros sich dem tot-lebendigen Zimmergenossen Kobicek verbunden fühlt und dessen rätselhaftes Antlitz aufnimmt.

Noch einmal Burger und Pommes essen

Es gibt in der Literaturgeschichte eine lange Liste von schreibenden Ärzten bzw. Schriftstellern, die auch Mediziner waren. Man denke nur an Gottfried Benn, der vor allem in „Morgue und andere Gedichte“ seine Erfahrungen als Arzt in die Poesie einfließen und „Mann und Frau“ durch eine „Krebsbaracke“ gehen ließ. Der 1981 geborene David Fuchs schreibt auch Lyrik, betritt die literarische Bühne aber mit einem Roman – und das ist auch gut so. „Bevor wir verschwinden“ ist ein kalt-poetischer, zuweilen sanft-emotionaler und dann wieder wirklich düster-komischer Roman. Auch dass hier quasi nebenbei eine schwule Liebesgeschichte erzählt wird, zeigt die Souveränität des jungen Autors, der schon erste Erfolge feiern durfte: Mit einem Auszug hat Fuchs einen Literaturwettbewerb gewonnen, und sein Roman stand diesen Herbst in der Debütkategorie auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis.

Was aber wünscht sich Ambros, bevor er „verschwindet“? Er möchte noch mal einen Burger und Pommes essen, an einem See sitzen und gemeinsam mit dem Freund Musik hören. David Fuchs erzählt diesen Ausflug so unaufgeregt, dass wir Hoffnung schöpfen und beiden noch ein paar gemeinsame Tage wünschen. Das Aufbäumen aber ist, wie befürchtet, dann doch die Ankündigung des Todes, der dem geschockten Freund in schrecklichem Medizinsprech mitgeteilt wird. Ben trauert, indem er den Körper des Geliebten ein letztes Mal zärtlich pflegt. So rührt der sonst so kühle Erzähler noch zu Tränen.

David Fuchs: Bevor wir verschwinden. Roman. Haymon Verlag, Innsbruck 2018. 211 Seiten, 19,90 €.

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