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„Musik wird mit dem Kopf gemacht, nicht mit den Instrumenten“, sagt Reinhard Goebel.

© Wolf Silveri

Tagesspiegel Plus

Der Alte-Musik-Pionier Reinhard Goebel im Gespräch: „Das macht man halt so? Schrecklich!“

Frischluftzufuhr für die Barockmusik: Der Dirigent Reinhard Goebel ist für seinen Forscherdrang und seinen Furor berühmt. Ein Interview zum 70. Geburtstag. 

Das Interview findet per Videotelefonat statt, Reinhard Goebels Temperament übermittelt sich trotzdem: Wenn er eine Komposition erwähnt, singt er den Anfang vor, statt den Titel zu nennen. Er gibt konsternierte Reaktionen auf seine Arbeitsweise gern als Sketch zum Besten, karikiert bräsige Alte-Musik-Ensembles, verfällt zwischendurch ins Köllsche, flicht englische und französische Vokabeln ein, macht Tempo. Und was macht er an seinem 70. Geburtstag am Sonntag? Er will nicht groß feiern – zu viel zu tun. Dafür feiert ihn die Deutsche Grammophon: mit einer 75-CD-Gesamtausgabe aller seiner Aufnahmen mit der Musica Antiqua Köln (siehe Infobox).

Herr Goebel, wo erwische ich Sie gerade?
Gestern habe ich am Chiemsee zur Eröffnung der Herrenchiemsee-Festspiele Bach dirigiert, jetzt sitze ich in meiner Küche in Salzburg. Es riecht nach Knoblauch – hier gibt es auf dem Markt diesen tollen Rose de Lautrec. Moment, ich hebe den Laptop mit Ihnen mal hoch, dann können Sie auf die Getreidegasse schauen. Hier, die Plakate an der Wand: alles, was wichtig ist, die Berliner Barocksolisten, die Musica Antiqua Köln, na ja, schon ein bisschen verblasst …

Woher kommt der kreative Furor, für den Sie so berühmt sind?
Der ist angeboren. Ich konnte schon als Kind die Schule kaum erwarten. Wenn ich abends ins Bett ging, dachte ich mir, schlaf nicht so lange, damit du nichts verpasst. In meinem Gymnasium in Siegen machten fast alle Musik, wir hatten zwei Schulorchester. Aber während die anderen Brahms spielten, arbeitete ich mich lieber an Heinrich Ignaz Franz Biber ab. Ich wollte gerade nicht das machen, was alle machen.

Und Sie hörten die „Geistliche Abendmusik“ im Südwestfunk. Es waren die Sechzigerjahre und Sie fuhren mit zehn, zwölf auf geistliche Musik ab?
Ich war begeistert von Heinrich Schütz! Der russische Geiger Ilya Gringolts sagte kürzlich, man müsste Musikern bis zum Alter von 27 Jahren eigentlich ein Auftrittsverbot erteilen, weil vorher alle nur im Imitationsmodus der Kindheit sind. Nachmachen, schrecklich! Ich konnte es nie leiden, wenn es im Unterricht hieß: Das macht man halt so. Ich wollte wissen, warum. Warum ist etwas im Zwölfachteltakt notiert statt im Sechsachtelakt?

Über meine Lehrerin Marie Leonhardt – ach, ich habe sie geliebt, sie ist letztes Wochenende gestorben – kam ich in Kontakt mit ihrem Mann, dem Cembalisten Gustav Leonhardt. Ich saß in seinem Kurs in der letzten Reihe und fragte, warum das Stück im Zwölfsechzehnteltakt ist. Ach, sagte er, Reinhard, Sie sind immer so kompliziert, schauen Sie lieber raus, der blaue Himmel, die Wölkchen. Während sich alle über sein Bonmötchen kaputtlachten, ballte ich die Faust in der Tasche und dachte, na warte!

Reinhard Goebel leitet heute die Berliner Barock Solisten und lehrt in Salzburg.

© Foto: Wolf Silveri

Sie gehen den Dingen gern auf den Grund.
Nicht aus innerer Caprice, sondern weil gute Musik gründlich vorbereitet sein will. Rerum cognoscere causas …

… das Motto des Tagesspiegel …
… und der Wahlspruch der Harvard School. Als Andreas Holschneider, mein Produzent bei der Deutschen Grammophon, mich Anfang der Achtziger darum bat, mit der Musica Antiqua Köln jetzt auch mal die „Brandenburgischen Konzerte“ einzuspielen, fuhr mir der Schreck in die Glieder. Ja, sagte ich, aber erst in fünf Jahren. Dann ging ich an die Arbeit und habe alles erforscht, die Noten, Bachs Leben, sein Verhältnis zu den Komponisten seiner Zeit. Der Bach-Forscher Christoph Wolff hat mich gecoacht. Das war meine erste Häutung, nach der hartleibigen Phase mit Buxtehude.

Der Schock damals, 1985, war groß: Sie spielten fetzige Brandenburgische Konzerte, wahre Sturmgewitter statt bräsigem Barock. War das auch für Sie eine Wegmarke?
Wir hatten die ersten zehn Jahre überwiegend französische Musik gemacht, fast nur 17. Jahrhundert. Sehr diszipliniert, klarer Klang, klare Strukturen – dafür haben wir geübt wie die Bekloppten. Das Repertoire interessierte uns nicht, wir wollten nicht auf Originalinstrumenten Händels Concerti Grossi herunterkratzen. Die Deutsche Grammophon bekam wegen der Brandenburgischen Konzerte dann ganze Körbe voller Hassbriefe. Die Leute wollten ihr Geld zurück, das sei doch nicht Bach. Ich fand das wichtig, denn es geht um die Frage: Wie weit muss Kunst gehen, inwieweit besteht sie nur aus nachahmender Unterhaltung? Ich wollte nie gefallen, mich auch nie allzu viel erklären. Inzwischen tue ich das: Mein Buch über die Brandenburgischen Konzerte ist gerade fertig geworden – hat nur 35 Jahre gedauert.

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Sie wollen aber auch auf keinen Fall langweilen. Das Ergebnis Ihrer Forschungen ist sehr temperamentvoll.
Das bin dann wohl ich. Lediglich die Vorarbeit ist akademisch, aber mit der Gestaltung will ich überzeugen. Ich bin ja der Verteidiger dieser Werke. Und es ist aufregend, sich mit alten Zeiten zu beschäftigen. Die Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten: Meine liebste Beschäftigung außer Musik ist der Gang ins Museum.

Nikolaus Harnoncourt sagte, er sei doch kein Museumswärter. Aber um sie zu wirklich zu erzählen, muss ich vorher freilegender Restaurator sein, eineinhalb Meter Bücher alleine zur Tempo-Diskussion lesen. Da gibt es heute ja irre Fehlzeichnungen, manches wird viel zu bräsig gespielt wie die Romanze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“, manches viel zu schnell, als sei ein barockes Allegro der „Hummelflug“ von Rimsky-Korsakow.

Was begreift man über die Gegenwart, wenn man sich mit Mozarts Umfeld, mit Beethovens Zeitgenossen beschäftigt? Beides haben Sie in den letzten Jahren getan.
Nehmen wir Beethoven: Da begreifen wir, dass wir nicht wissen können, welche zeitgenössische Musik in 200 Jahren überlebt haben wird. Beethoven galt seinerzeit keineswegs als der Größte. Der elegante Georg Philipp Telemann war der Chefkurator seiner Epoche, aber gewonnen hat am Ende der trockene Johann Sebastian Bach. Wie ist das heute mit Wolfgang Rihm, Jörg Widmann oder Hans-Werner Henze: Wer von ihnen wird am Ende die Essenz unserer Gegenwart sein?

Man lernt Demut?
Aber so was von!

Die Musica Antiqua Köln, 1973 von Reinhard Goebel (hinter dem Cembalo links) gegründet, in ihren Anfängen.

© Foto: DG/ Foto Archive

Wie sieht Ihre Forschertätigkeit praktisch aus? Heute finden sich Noten und Quellen im Internet, früher blätterten Sie in Archiven in verstaubten Partituren?
Erst mal bin nicht ich es, sondern es sind die wunderbaren Bibliothekare, die verschollene Stücke entdecken. Aber es war Knochenarbeit, ich erzähle Ihnen das mal am Beispiel der „Sonnerie de Sainte-Geneviève“ von Marin Marais …

… das ist dieses berühmte Perpetuum-mobile-Stück für Geige, Gambe und Cembalo, bei dem der Bass Glockengeläut imitiert.
Erst mal eruierte man, wo die Noten überhaupt liegen könnten. Dann bestellte man sie bei der Bibliothèque Nationale in Paris. Nach sechs Wochen kam ein Verpflichtungsschein, den man ausfüllen und bezahlen musste. Nach wieder sechs Wochen war ein Mikrofilm in der Post, der dann von einem vor der Badewanne knienden Reinhard Goebel entwickelt und zum Trocknen aufgehängt wurde.

Anschließend habe ich die Noten von Hand abgeschrieben. In meinem Regal stehen etwa zwei Meter Abschreibarbeiten. Während die anderen auf Konzertreise in Rio de Janeiro die Stadt erkundeten, hockte ich im Hotelzimmer, machte die Balkontür auf, um das Meeresrauschen von der Copacabana zu hören, und transkribierte Noten. So entwickelte ich eine unglaublich persönliche Beziehung zu den Werken.

Und heute?
Was, nää, du hast ein Mikrofilm-Lesegerät und einen Readerprinter?, fragten die Leute früher. Für meine Studierenden am Salzburger Mozarteum ist alleine die heutige Angebotsmenge verwirrend. Da vermisse ich manchmal die Entdeckerlust. Aber wer es in meine Klasse schafft, den lehre ich, wie man den Geist benutzt, nicht die Geige. In meinem Unterricht wird nicht gedudelt.

„Es sind die Musiker, denen der Beifall gebührt.“ Reinhard Goebel dirigiert auch große Orchester.

© Foto: Wolf Silveri

Und was bringen Sie den großen „normalen“ Orchestern als Dirigent bei: Bitte kein Vibrato und unbedingt meine Eintragungen in den Noten beachten?
Alte Musik wird seit zwei Generationen viel gespielt, wer heute 30 ist, kennt unsere Brandenburgischen Konzerte vielleicht besser als die von Karl Richter und setzt das Vibrato sorgsam ein. Es ist ja ein Auf und Ab, oft spielen dabei Stars eine Rolle: Fritz Kreisler, der erste Geiger mit Dauer-Vibrato, wurde schrecklich angefeindet, damals war Vibrato im Orchester noch verpönt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann dann die Hochzeit des Vibrato, gelegentlich wird immer noch übertrieben.

Vibrato ist ein Ausdrucksmittel, bitte, man kann doch nicht dauer-orgasmieren! Wenn ich rede, werde ich ja auch nicht ständig pathetisch. Durchsichtigkeit, Begrifflichkeit, darauf kommt es an. Das kleinste musikalische Motiv besteht aus zwei Tönen, da muss ich wissen, ob August gemeint ist oder August. An solchen Dingen arbeite ich mit den Orchestern.

Sie sagten eben, Sie hätten geübt wie die Bekloppten. Sie persönlich haben sich über-übt, Ende der Achtziger machte Ihre linke Griffhand nicht mehr mit.
Es war, als würde ich in Dantes Hölle fallen, immer noch einen Kreis tiefer. Ich habe überlegt, die Musik ganz zu lassen und mich als Sozialarbeiter nützlich zu machen. Ich war in Berlin bei Professor Poewe im Westend-Klinikum, meine Hand wurde gefilmt, man wusste noch nicht viel über Musikerkrankheiten. Barbara Wolff, die Ehefrau von Christoph Wolff, betreute in Harvard den Nachlass des Geigers Rudolf Kolisch, der nach einer Unfallverletzung schon als Kind das Rechts-Spielen lernte. Sie sagte zu mir: Probier’s doch andersherum.

Am 1. Januar 1990 hat der Potsdamer Geigenbauer Tilmann Muthesius mir eine umgerüstete Sarotti-Geige in die Hand gedrückt, wir machten ein Foto von mir mit der verkehrtherumenen Geige, und ich fing in Rostock wieder an zu studieren. Aber letztlich blieb es immer klumpig. Ich bin und bleibe Rechtshänder, beim Bogenstrich mit links fehlt mir die Eleganz.

Ich halte es mit Liberace. Wie sagte der? Ich mache das alles nur für meine Mutti, aber Sie können gerne dabeibleiben.

Reinhard Goebel

2006 hörten Sie ganz mit dem Geigespielen auf, fokale Dystonie. Die Musica Antiqua Köln gab ihre Auflösung bekannt – wieder ein Schock für die Musikwelt.
Ich habe die Leute hinter mir hergeschleppt und vor mir hergetrieben, gleichzeitig umrundet und überflogen. Wir haben 850 Mal das „Musikalische Opfer“ gespielt, 450 Mal die „Kunst der Fuge“. Auch wenn diese Musik nie ausleiert: Irgendwann war ich worn out und wollte mein Leben ändern, war in therapeutischer Behandlung, zog aus Köln weg und verabschiedete mich schweren Herzens auch von der Deutschen Grammophon.

Seitdem arbeiten Sie als Dirigent und drehen dem Publikum den Rücken zu. Hat das Ihr Verhältnis zum Publikum verändert?
Da denke ich gar nicht dran. Ich halte es mit Liberace. Wie sagte der? Ich mache das alles nur für meine Mutti, aber Sie können gerne dabeibleiben.

Wie bitte, Sie wollen doch, dass die Menschen Ihre Musik hören?
Es sind die Musiker, denen der Beifall gebührt. Ich ergreife schon mal gerne das Wort auf der Bühne, Konzerte sind kein Gottesdienst. Die Gesprächskonzerte in den 70er Jahren waren toll, wenn die Musik erklärt und analysiert wurde. Heute findet die Einführung vorher statt, und alles wird eventisiert. Aber das Wichtigste ist: Die Menschen merken, ob die Musiker wissen, was sie spielen. Wenn es gut vorgedacht ist, kocht der Saal.

Herr Goebel, ruhen Sie sich eigentlich auch mal aus?
Ich lese dann, Bücher über Kunst und Geschichte. Gerade lese ich einen Band über die Rekonstruktion des Chateau Choisy, ein französisches Jagdschlösschen von Ludwig XV., namensgebend auch für eine Komposition von Michel Corrette. Und dann hole ich bei meinem Buchhändler das neu edierte Bachwerke-Verzeichnis ab. Kostet zwar 450 Euro, aber ich fahre ja nicht in Urlaub. Und jetzt gehe ich schwimmen, die Badehose hab ich schon an.

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