Der Plan live in Berlin : Jeder Mensch braucht ein Dach

Prima Elektro-Schunkel-Pop: Die NDW-Pioniniere von Der Plan mit ihrem Comebackalbum "Unkapitulierbar" im Arkaoda.

Volker Lüke
Frank Fenstermacher, Kurt Dahlke und Moritz Reichelt sind Der Plan.
Frank Fenstermacher, Kurt Dahlke und Moritz Reichelt sind Der Plan.Foto: Oliver Schultz-Berndt

Moritz Reichelt, Frank Fenstermacher und Kurt Dahlke gehören zu den Künstlern, die die deutsche Popkultur entscheidend mitgeprägt haben. Von 1980 bis 1992 waren sie Der Plan, ein genial verspieltes Musikprojekt, das 1979 vom Dunstkreis des Ratinger Hofs in Düsseldorf seinen Ausgang nahm (anfangs noch mit Robert Görl und Chrislo Haas von DAF als Weltaufstandsplan) und zu den maßgeblichen Wegbereitern einer ursprünglich originellen Musik gehört, die später als Neue Deutsche Welle in die Hitparaden schwappte. Auf ihrem eigenen Label Ata Tak veröffentlichten sie zudem sagenhafte Alben von Andreas Dorau („Fred vom Jupiter“), Holger Hiller, Wirtschaftswunder oder Die Tödliche Doris.

Fenstermacher und der auch als Pyrolator bekannte Synthie-Spezi Dahlke spielten bereits auf dem epochalen Debüt „Monarchie und Alltag“ der Fehlfarben mit und sind auch seit deren Comeback 2002 wieder dabei, während Reichelt seine Erlebnisse in dem Buch „Der Plan – Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle“ verarbeitete und 2004 eine kurze Wiederbelebung versuchte. Zum wahren Comeback kam es aber erst zehn Jahre später auf der Party zum 50. Geburtstag von Andreas Dorau, bei dem die Originalformation erstmals wieder zusammen spielte und dabei offenbar so viel Spaß hatte, dass sie 2017 mit „Unkapitulierbar“ ihr erstes Album seit 25 Jahren veröffentlichte.

Tröstlicher Dub-Reggae

Auch beim Konzert im rappelvollen Arkaoda präsentieren sich die NDW-Veteranen in bester Laune. Gleichgültig gegen alle Flurschäden, die sie mit ihrer demonstrativ zur Schau gestellten Naivität bei einer Million Elektro-Schlager-Bands angerichtet haben, beginnt das Trio den Auftritt mit alten Kinderzimmer-Hits wie „Da vorne steht ’ne Ampel“, „Alte Pizza“ und „Gummitwist“. Im Mittelpunkt steht aber das neue Album, wenn sie etwa im Song „Grundrecht“ eine eigene Wohnung für alle fordern („Jeder Mensch braucht ein Dach“) oder über den „Flohmarkt der Gefühle“ stolpern. Weitere Höhepunkte sind der flotte Instant-Hit „Lass die Katze stehn!“ und der dubbige Reggae-Track „Man leidet herrlich“, der einen so tröstlich in den Arm nimmt, dass man fast weinen muss: „Man leidet wunderbar am Leben, man leidet herrlich an der Welt. Und es ist immer nur das Drama, das einen unterhält.“ Dabei liegt eine leichte Melancholie in den Stimmen der grundsympathischen Herren, während ihr einschmiegsamer Elektro-Schunkel-Sound mit viel Heimorgelcharme eine Atmosphäre der entspannten Glückseligkeit verströmt.

Firlefanz höherer Ordnung

Dies könnte manchen Alt-Fan enttäuschen, der den Plan vor allem für seine angriffslustigen Klangexperimente schätzte, oder dazu verleiten, von „Reife“ zu sprechen, wo doch weitaus mehr im Spiel ist. Obwohl der Auftritt sehr gelassen und bescheiden wirkt, kommt bei dem kauzigen Liederabend zum Tragen, was den Plan stets ausgezeichnet hat: die Verbindung von Dada-Poesie und philosophischen Grundfragen mit skurrilen Soundeinfällen und eingängigen Melodien, verdichtet zu einem Firlefanz höherer Ordnung und dem damit verbundenen Vorschlag, das Leben von der heiteren Seite zu nehmen.

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Ohne Anspruch auf irgendein Heil für diese seltsame Welt, sondern um sich aneinander zu wärmen und gewisse Dinge kultisch zu pflegen, Freundschaften etwa oder diese Vorliebe für selbst gebaute Pappkostüme, alte Analog-Synthesizer, Daumenklavier, Kesselpauke, Pizza, Dada, Tiki, Schlager und all den anderen Kram, mit dem man Spaß haben kann. Funktioniert noch immer.

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