Der Regisseur Claude Régy : An den Rändern der Sprache

Regisseur Claude Régy sucht das Unsagbare. Eine kleine Einführung in sein Theater vor der Premiere von „Rêve et Folie“ an der Volksbühne.

Eberhard Spreng
Yann Boudaud in "Rêve et Folie".
Yann Boudaud in "Rêve et Folie".Foto: Volksbühne Berlin/Pascal Victor

Er raunt, jammert, wimmert die Worte aus dem Georg-Trakl-Gedicht „Rêve et Folie“ (Traum und Umnachtung), steht leicht verkrümmt da oder bewegt sich in Zeitlupe, wie gefangen in einem rätselhaften Ritual. Er ist im Halbdunkel eines Durchgangs eher zu ahnen als zu sehen. Viel mehr wird in dem vom hochkonzentrierten Yann Boudaud verkörperten Monolog „Rêve et Folie“ auch nicht passieren. Die Sprache ist hier eine geradezu heilig hingehauchte Kostbarkeit, die keine Geschichte mehr erzählen will, sondern eine Passage markiert, in die Finsternis, ins Jenseits oder ins Nichts.

Nach der Flopserie seit Beginn der Volksbühnensaison und vor allem nach dem Premierendebakel von Albert Serras „Liberté“ trifft dieser radikale Theaterminimalismus auf ein mittlerweile etwas abgenervtes und misstrauisches Publikum. Ist das jetzt auch schon wieder so eine bis zur Freudlosigkeit ausgedörrte Kunstanstrengung? Leicht möglich also, dass in Berlin das Verständnis für die letzte Inszenierung des 94-jährigen Claude Régy fehlt, die vor eineinhalb Jahren in Nanterre Premiere hatte.

Ein Theater, das aus Stille und Dunkelheit erwachsen soll

Der Zuschauer dürfte wohl auch hier in Berlin beim Eintritt in den Theatersaal darum gebeten werden, schon vor der Aufführung zu schweigen. Wie kapriziös man Régys Theaterregeln auch immer finden mag, sie führen tatsächlich dazu, dass sich schnell eine Art konzentrierter Stille über den Saal legt und eine ungewöhnliche Erfahrung möglich wird: Theater als Andacht jenseits der Religionen. Claude Régys Inszenierungen sollen aus Stille und Dunkelheit erwachsen und wollen in ein Schattenreich entführen, das sich vor der Welt, ihrem Krach und ihrer Buntheit verschließt.

Fast alle seiner letzten Arbeiten fanden an einem Punkt des Übergangs statt. Wie Tarjei Vesaas’ „La barque le soir“ (Boot am Abend), auch mit Schauspieler Yann Boudaud: Das langsame Abgleiten eines Mannes vom sicheren Ufer in einen Fluss und sein Eintreten in eine Parallelwelt mit eigenen poetischen Gesetzen konnte man als Verweis auf den Tod verstehen oder auf einen erweiterten Bewusstseinszustand. Davor „Ode maritime“ (Maritime Ode) nach Fernando Pessoa, wo Jean-Quentin Châtelain in die fahl leuchtende Unendlichkeit blickt und sich in Traum und Reise neu erfindet. Sarah Kanes „4.48 Psychose“, als Solo mit Isabelle Huppert, gastierte 2005 in Berlin, und bereits damals hatte sich der Regisseur von den Ensemblestücken abgewandt, vom Theater der Inkarnation und der Geschichten. Er war längst auf dem Weg bis an die Grenzen der Sprache, zum Unsagbaren und Ungreifbaren.

Claude Régy, dem der Gedanke wichtig ist, dass jeder Fortschritt im Wissen um die Welt immer auch neue Sphären der Dunkelheit und des Unbekannten eröffnet, will auch mit Georg Trakl ein Theater, das zugleich Magie, Hypnose und Beschwörung ist. Es geht in seiner Reduktion immer darum, die Bühne der Imagination im Gehirn der Zuschauer zu öffnen: „Ich zeige wenig, damit der Zuschauer viel sehen kann“ sagte er einmal. In Berlin wird Claude Régy allerdings nun nicht mehr, wie man es von ihm gewohnt ist, in der Mitte des Saales sitzen, um als Schamane dem selbstgeschaffenen Theater-Voodoo beizuwohnen. Dazu hat der 94 Jahre alte Mannes nicht mehr die Kraft.

Premiere an diesem Freitag, 2.3., 20 Uhr, außerdem am 3.3. um 18 und 21 Uhr

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