Deutsches Symphonie-Orchester : Sturz in den Abgrund

Jakob Hruša führt Gustav Mahlers martialische sechste Sinfonie mit dem DSO in der Philharmonie auf.

Eleonore Büning
Jakob Hruša
Jakob HrušaFoto: Petra Klacková

Selbst ein der Welt abhanden Gekommener wie Gustav Mahler wußte doch recht genau zu unterscheiden zwischen der Welt, in der er lebte, sich bewegte und arbeitete, und jener anderen, in der er zu leben wünschte. Das konnte nicht immer gut ausgehen. Just in dieser Diskrepanz zwischen Realität und Utopie sei, so analysierte es Wolf Rosenberg, die ungeheuere Direktheit der Mahlerschen Musik und jene plötzlich aufblitzende Agressivität zu verorten, die sich mitten in allerschönster Lieblichkeit auftun kann.

Sie richtet sich gegen das Juste Milieu, sie porträtiert es zugleich. Ihre zerstörerische Wucht offenbart sich allerdings erst in Mahlers Sechster, der a-moll-Symphonie, uraufgeführt im Mai 1907 in Essen, die endet, wie sie anfängt: mit Schrecken. Warum Sir Simon Rattle ausgerechnet mit dieser martialisch durchmarschierenden Kriegsmusik, die dem Publikum schonungslos ins Sonnengeflecht greift, 1987 sein Debut in der Berliner Philharmonie gab und dann 2018 seinen Ausstand feierte, bleibt für immer sein Geheimnis.

Stilsicher und überzeugend interpretiert Hrusa die Sinfonie

Beim Deutschen Symphonie-Orchester steht nun, fast auf den Tag genau ein Jahr später, Jakub Hruša am Pult, den man trotz seiner Jugend schon den bewährten Hruša nennen muss, so stilsicher und überzeugend rückt der 37-Jährige dem Brocken zuleib. Kompromißlos steigt er ein ins Allegro Energico, das erstaunlich diesseitig wirkt, mit einem fast lustvollen Fortissimo, dass sich kaum noch steigern lässt. Die paar allzu rasch sich selbst verschlingenden Ausflüge in bessere Welten – den Bläserchoral, erst recht die implantierten Herdenglocken-Episoden – taucht Hruša demonstrativ in ein fremdes Licht, als würde er einen Schalter umlegen. Und gleich wird wieder stramm weiter marschiert – die Jubelkurve des Alma-Themas steht exterritorial dazwischen, wie ausgeschnitten.

Mehr zum Thema

Dem Orchester macht das Kriegspielen sichtlich und hörbar Spaß. Lustvoll knurren die Bässe, schnarrt die kleine Trommel, schneidig tönt das Posaunenblech, unwiderstehlich flaumweich rufen die acht Hörner. Und die gesamte, vielköpfige Holzbläserbrigade spielt geradezu in Sonntagsmorgenlaune, schön wie nie, die Soli gelingen traumhaft. Nur die Streichergruppen, einzeln oder auch gemeinsam, könnten noch zulegen. Die Violinen, erste wie zweite Gruppe gleichermaßen, sind nicht im geringsten „wienerisch“ oder wenigstens ein bißchen böhmisch gelaunt, es fehlt an Glanz, auch wohl an Ironie und Sentiment. Weshalb zumal im vorgezogenen Andante der Spannungsfaden mehr als einmal reißt. Großartig gestaltet dagegen die Bitterkeit des Scherzo. Hinreißend das düstere Finale, mit dem komplex geschichteten Aufruhr, den Totenmärschen, den Klagerufen, dem Todesschrei. Eine große Erschütterung. Als das letzte Pizzikato verlischt, bleibt es eine Weile still im Saal. So soll es sein.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar