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Blau ist eine warme Farbe - auch bei Sartre: Judith Hofmann als Eve und Ole Lagerpusch als Pierre in "Das Spiel ist aus".

© dpa

Sartres „Das Spiel ist aus“ am Deutschen Theater: Die Hölle, das sind Berlins U-Bahnhöfe

Jette Steckel inszeniert „Das Spiel ist aus“ am Deutschen Theater. Bei ihr befinden sich die Lebenden im Untergrund, erst mit den Toten kommt Farbe ins Spiel.

Jette Steckels Sartre-Inszenierung „Das Spiel ist aus“ beginnt mit einem auf den Vorhang projizierten Schwarzweiß-Film: Als Freitag-Taschen tragende Zombies stehen die Ensemblemitglieder des Deutschen Theaters an einem Berliner U-Bahnhof herum.

Tatsächlich handelt es sich bei Sartres 120-Seiter aus dem Jahr 1947 ja um ein Filmdrehbuch, das vergleichsweise gegenständlich mit Sein und Bewusstsein, Existenzialismus und Determinismus spielt. Zwei Menschen – ein proletarischer Lederjacken-Revoluzzer namens Pierre und die bourgeoise Gattin des lokalen Polizeichefs, Eve – werden zur selben Stunde ins Jenseits befördert. Ihn trifft die Kugel eines Polizeispitzels; sie erliegt einem Giftcocktail ihres erbschleichenden Ehemannes. Nach ihrem Ableben treffen sich Pierre und Eve im Reich der Toten, in dem man die irdischen Geschehnisse zwar mit größerer analytischer Schärfe denn je weiterverfolgen, nur eben leider nicht (mehr) beeinflussen kann.

Die frisch Verstorbenen haben allerdings Glück: Da sie angeblich füreinander bestimmt sind, dürfen sie auf Bewährung ins Leben zurück. Schaffen sie es, sich binnen 24 Stunden vorbehaltlos zu lieben, können sie bleiben. Lassen sie sich hingegen von ihren alten Determinismen ausbremsen, geht`s umgehend zurück ins Totenreich. #In Jette Steckels Anderthalbstünder am DT sitzt Eve, gespielt von Judith Hofmann, irgendwann im ersten Rang, schaut auf ihren Partner Pierre (Ole Lagerpusch) herunter und sinniert: „So ein Perspektivwechsel kann schon ganz schön heilsam sein.“ Es dürfte sich um den Schlüsselsatz des Abends handeln, denn selbiger will unsere Hirnzellen offenbar mit wiederholten Blickachsenwechseln stimulieren.

So wird etwa im Zuschauerraum gespielt, während das Publikum auf der (Dreh-)Bühne Platz nimmt. Und die Szenen aus der Welt der Lebenden rollen auch nach dem U-Bahnhof-Intro zuverlässig als vorproduzierter Schwarzweißfilm ab, wohingegen mit Pierres und Eves Eintritt ins Totenreich prompt der Vorhang hochgeht und den Blick auf leibhaftige, farbenfroh kostümierte Schauspieler freigibt. Außerdem ackern ab jetzt auf Florian Lösches Szenario zur Musik von The Notwist unermüdlich Drehbühne und Nebelmaschine. Der Modephilosoph Robert Pfaller hilft uns im Programmheft vorsichtshalber trotzdem noch ein bisschen auf die Interpretationssprünge, indem er den gesellschaftlichen Status quo als „Dahinvegetieren von lebenden Toten“ beschreibt.

Steckels Text als Verbotene-Liebe-Story.

"Das Spiel ist aus". Alexander Khuon als André Charlier und Barbara Heyen als Lucette .

© Stephanie Pilick/dpa

Es steht dennoch zu befürchten, dass der eine oder andere U-Bahnhof-Zombie die öden Schächte der Berliner Verkehrsbetriebe Steckels munterem Totenreich vorziehen würde. Denn zum besagten Perspektivwechsel gehört auch, dass die frisch Verstorbenen auf eine Art pathosgesättigt und ironiefrei agieren, die für Diskurstheaterfreunde nicht ohne unfreiwillige Komik abgeht. Zumal Steckel den Text als Verbotene-Liebe-Story zwischen weißblusiger Oberschichtstussi und coolem Lederjacken-Anarcho, der sich seinen revolutionären Auftrag aufs ansehnliche Sixpack tätowiert hat, ziemlich kurzatmig ins Hier und Heute übersetzt. Apropos ansehnlich: Ein echter Hingucker ist auch die (einzige) Sexnacht des Paares, in der beim Liebesspiel mit Bluefacing gearbeitet und anschließend auf weißer Leinwand Körperkunst produziert wird.

Vorher aber hatte Pierre schwer aufmüpfig in Schwarzweiß durch Berlin-Mitte (oder ist es Kreuzberg?) tigern müssen, wo ein paar Kleinstbaustellen des Bezirksunteramtes für Straßensanierung veritablen Barrikaden-Charme verströmen sollen. Pierres Liga-Genossin Renaudel (Natali Seelig), die ihn beim Sturz einer nicht näher benannten faschistischen Diktatur unterstützen will, eilt mit einem schwarzen Kurzpony hinzu, wie ihn vor ein paar Jahren auch die hauptstädtische Kunstszene trug. Eves Polizeichef-Gatte André Charlier (Alexander Khuon) wiederum tut sich auf einer Wahlkampfveranstaltung mit provozierenden Reflexionen über Freiheit und Demokratie aus Sartres „Republik des Schweigens“ hervor, während er daheim von Eves Teenie-Schwester Lucette (Barbara Heynen) im gepunkteten Tantenkleid erwartet wird: So trutschig wie bei Kostümbildnerin Pauline Hüners sieht der Gender-Backlash noch nicht mal am Kollwitzplatz aus!

Man muss Jette Steckel zugute halten, dass schon Sartres Text - zumindest aus heutiger Sicht - etwas hölzern zwischen Liebespathos, revolutionärem Auftrag und philosophischer Thesenillustration hin und her mäandert und in den letzten 67 Jahren nicht direkt frischer geworden ist. Nur leider sieht er eben auch am DT –Perspektivwechsel hin, Modernisierungsversuche her – kein bisschen jünger aus, als er ist.

Wieder am 6., 8. und 12. April

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