Die Kritik an Takis Würgers Roman "Stella" : Furor, Fakten, Fiktion

Der Tagesspiegel lobte ihn, andere Kritiker zerrissen ihn: Mit den Reaktionen auf Takis Würgers Roman „Stella“ geht der Streit um die Wahrheit von Geschriebenem in eine neue Runde.

Takis Würger
Takis WürgerFoto: Sven Döring / Agentur Focus

Seit einiger Zeit wird den deutschen Feuilletons gerne nachgesagt, sie seien handzahm geworden. Bücher, Filme, Premieren allerorten – und keine Verrisse mehr. Es wird nur noch gekrittelt, nicht mehr kritisiert, so der Vorwurf. Jetzt dürften diese Stimmen verstummen, denn die Rezensionen zu dem bei Hanser erschienenen Roman „Stella“ von Takis Würger über die jüdische Gestapo-Agentin und Verräterin Stella Goldschlag fallen nicht nur kontrovers aus (positiv: „Welt“, „Tagesspiegel“, negativ: „Süddeutsche“, „FAZ“, „Zeit“-online), sondern auch derart harsch, dass man sich an den Furor eines Marcel Reich-Ranicki erinnert fühlt.

Von „Schund, der noch nicht mal als Parodie durchgeht“ ist die Rede, von „Ärgernis, Beleidigung, oder einem richtigen Vergehen“, von „Gräueln im Kinderbuchstil“ und „Nazischnurre mit Fertigfiguren“. Das ist heftig, wütend, wüst.

Es geht im Wesentlichen um die Frage, ob ein Roman über den Holocaust mit einer authentischen Figur als Titelheldin auch unterhaltsam sein darf, flott, leicht konsumierbar, etwas zum Verschlingen. Es geht um Moral und Wahrhaftigkeit, um Realität, Fantasie und Ausbeutung der Wirklichkeit, um die Freiheit der Literatur und die Grenzen dieser Freiheit.

Vor zwei Jahren reüssierte der Stoff als Musical an der Neuköllner Oper und stieß auf positive Resonanz – als wahrlich leichte Muse. Und der Holocaust ist längst Vor- und Grundlage für alle möglichen Sorten von Bestseller-Literatur und Kinomelodramen, von der gerade wieder aufgeführten TV-Serie „Holocaust“ über den „Jungen im gestreiften Pyjama“ bis zu Bernhard Schlinks mit Kate Winslets verfilmtem Roman „Der Vorleser“.

Es ist klar, dass sich die Aufregung vor allem aus den jüngsten Auseinandersetzungen um den „Spiegel“-Reporter und Ex-Kollegen von Takis Würger, Claas Relotius, speist, der Reportagen erfunden hat. Und aus dem Streit um den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse, der dem Europapolitiker Walter Hallstein Zitate in den Mund gelegt hat, nicht nur in seinem Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“, sondern auch in Reden und Essays. Seit der Causa Relotius ist die Medienöffentlichkeit in Sachen Fakt und Fiktion sensibilisiert. Und auch hysterisiert.

Gehorchen Belletristik und literarische Reportage einer ähnlichen Moral?

Die „FAZ“ stellt in ihrer „Stella“-Rezension jedenfalls einen direkten Zusammenhang her. „Relotius reloaded: Hanser blamiert sich mit einem kitschigen Roman“, heißt es da. Die „Süddeutsche“ nennt den Roman das „Symbol einer Branche, die jeden ethischen und ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint“. Interessant wäre die Frage, ob die grundverschiedenen Genres von Belletristik und literarischer Reportage auch einer jeweils eigenen oder doch ähnlichen Moral gehorchen. Dass bei Journalismus und Literatur andere Regeln gelten, ist eine Binsenweisheit. Wird sie nun obsolet?

Die besonders reißerischen Berichte über den Fall „Stella“ weisen neben der Tatsache, dass Würger einen – nicht näher bezifferten – hohen Vorschuss erhalten habe, auch darauf hin, dass Hanser-Verleger Jo Lendle persönlich das Buch lektoriert habe. Nun versteht es sich bei Spitzen-Titeln eines Verlags von selbst, dass der Chef persönlich beteiligt ist, alles andere wäre verantwortungslos.

Lektor Florian Kessler, der ebenfalls an dem Buch mitgearbeitet hat, reagierte detailliert auf die Vorwürfe der ersten Kritiker – auch ein eher ungewöhnlicher Vorgang. „Au Backe“: Er plädiert gegen einen Bannfluch. Letzten Sommer habe ihm ein Literaturredakteur vor jeglicher Lektüre von „Stella“ gesagt, dass er das Buch verreißen werde. Kessler wirbt für eine offene Diskussion über Bücher, die versuchen, in „moralische Komplexionen“ hineinzuführen, über die Vielfalt von Erzählweisen.

Der Streit um die Wahrheit von Geschriebenem in Zeiten einer sich immer schneller drehenden Medienwelt muss unbedingt weiter geführt werden. Nur Hysterie ist nicht hilfreich.

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